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19/05/04

10 on Ten

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Regie: Abbas Kiarostami
(Frankreich / Iran, 2004, 83 min.)
Nebenreihe „Un Certain Regard“.

     

 Synopsis:
Regisseur Abbas Kiarostami nimmt den Platz seines taxifahrenden Protagonistin aus seinem 2002 entstandenem Spielfilm „TEN“ ein und entführt den Zuschauer in das Hinterland von Teheran zu einer Lektion über das Kino, dort wo sein in Cannes mit der Goldenen Palme ausgezeichneter Film „Der Geschmack von Kirschen“ gedreht wurde.
Kritik: Je länger Irans neben Mohsen Makhmalbaf  berühmtester zeitgenössischer Regisseur Filme dreht, desto sparsamer setzt er seine technischen Mittel ein, desto asketischer seine Erzählstrukturen. Diesmal stellt Kiarostami seine Kamera auf dem Beifahrersitz eines Taxis auf, dass in seinem letzten episodischen Spielfilm „TEN“ noch von einer gerade geschiedenen, allein erziehenden Frau gesteuert wurde. So wie  in „Ten“ 6 Frauen in insgesamt 10 Kapiteln der Taxifahrerin gegenüber Zeugnis von ihren persönlichen Problemen ablegen, so widmet Kiarostami von ihrem Platz aus dem Zuschauer nun eine 10-teilige Lektion über das Kino.

Am Steuer des Taxis kurvt er durch die Berge oberhalb von Teheran, dort wo der berühmte Kirschbaum in „The Taste of Cherries“ noch genauso steht wie vor 7 Jahren, wenn auch inzwischen etwas  größer. Die Wahl dieses Ortes hat natürlich gute Gründe – zum einen ist es Kiarostamis Lieblingsort, zum anderen musste der Regisseur bei den Dreharbeiten 1996 erstmals mit einer digitalen Videokamera arbeiten, nachdem zuvor im Labor ein Teil seines Filmmaterials zerstört wurde.

Ein Teil der am Rande der Dreharbeiten gedrehten Videodokumentation wurde seiner statt in den Film montiert. Seitdem ist Kiarostami ein überzeugter Anhänger der kleinen, digitalen Videokameras, die ihm Garant für den unverstellten, authentischen Blick auf sein Sujet und seine Schauspieler sind, die er gewöhnlich unter den Menschen auf der Straße ausfindig macht. Mit großer Ruhe und Charisma eines weisen, niemals aufdringlichen Lehrers teilt Kiarostami während seiner 82-minütigen Fahrt über die Schotterpiste mit dem Publikum seine Vorstellungen über Kamera, die Wahl des Themas, das Drehbuch, den Drehort, Musik, Schauspieler, filmische Accessoires, den Regisseur mit. Zwischendurch illustriert er seine Vorstellungen vom Kino anhand von Filmausschnitten aus eigenen Filmen. Anstatt sich zum Sklaven einer immer aufwändigen Kamera- und Tricktechnik zu machen und als Leser komplizierter technischer Gebrauchsanleitungen kreativ zu erlahmen, vertraut Kiarostami der Kontemplation.

Man müsse nur lange genug irgendwo sitzen, Geduld und Aufmerksamkeit mitbringen, dann dränge sich das Subjekt der Kamera von alleine auf. So wie die Ameisen, die in der Schlusseinstellung, nachdem Kiarostami seine nur akkustisch vernehmbare Pinkelpause beendet hat, sein Objektiv auf dem Schotter unter ihm richtet, die unter großer Kraftanstrengung ein Getreidekorn im Boden verschwinden lassen.

 Martin Rosefeldt

 Synopsis: Auf den Spuren von „Ten“ lässt Abbas Kiarostami den Zuschauer den Entstehungsprozess eines Films verfolgen und liefert damit ein eigenständiges Werk und eine eindrückliche Reflexion über das Kino.

Kritik: „10 on Ten“ war zunächst als Bonustrack für die DVD zum Film „Ten“ gedacht. Doch dank der Aufnahme in die Filmauswahl von Cannes und dem baldigen Kinostart in einigen wenigen Häusern ist dieser Film, wenn auch unerwartet, zu einem eigenständigen Werk geworden. Abbas Kiarostami präsentiert in „10 on Ten“ gewissermaßen zehn Unterrichtseinheiten mit folgenden Titeln: Einleitung, Kamera, Sujet, Drehbuch, Drehorte, Musik, Schauspieler, Requisiten, Regisseur und Letzte Stunde. Auf den ersten Blick mag das alles sehr didaktisch erscheinen, doch dieser ungewöhnliche Unterricht wird aus einem fahrenden Auto heraus abgehalten, die Kamera immer auf den Regisseur gerichtet – ein augenzwinkernder Verweis auf „Ten“, im Gegensatz zu den idyllischen Landschaften, die hier durchquert werden, erinnern die sattgrünen Hügel außerhalb Teherans doch an „Goût de la Cerise“ und haben nichts mit dem urbanen Ambiente des letzten Films Kiarostamis gemein. Das, was sich in diesem Unterricht vor allem anderen einprägt, ist die extreme Ironie des Regisseurs, mit der er nicht nur sich selbst und seinem Werk, sondern auch seiner aus den Fugen geratenen Gesellschaft begegnet.

Einen Großteil des Films widmet er den Vorzügen der Digitalkamera, die eine beinahe absolute schöpferische und filmische Freiheit ermögliche. Überhaupt taucht das Wort „Freiheit“ unablässig auf, und sehr subtil zeigt sich der Kontrast zwischen der Bewegungsfreiheit der Kamera und der sich bewegenden statischen Einstellung dieser Kamera in einem fahrenden Auto. In einem Land, in dem das Wort „Freiheit“ ein Tabu ist, kann einem Regisseur so etwas teuer zu stehen kommen. Wieder einmal tanzt Kariostami mit spielerischer Eleganz auf dem scharfen Grat zwischen schmerzhaften Wahrheiten. Manchmal ist der didaktische Zeigefinger jedoch allzu präsent und zu häufig wechseln sich schöne Anekdoten mit Gemeinplätzen ab.

So liebt Kiarostami es zum Beispiel, mit Laienschauspielern zu arbeiten, sie sollen ihre Kleidung und ihr Makeup tragen, damit sie wirklich sie selbst bleiben, und sie sollen die Kamera nicht sehen. Er improvisiert viel, weicht häufig vom Originalscript ab und ist von der Überlegenheit der Realität über die eigentlich erzählte Geschichte fasziniert. Er hält sich selbst eher für einen „schlechten Didaktiker“ denn für einen Autodidakten. Ohne den Ton ist das Bild nur ein Waisenkind und andersherum ebenso. Häufig ist die Musik zu präsent, als dass sie mangelnde Handlung vergessen machen könnte. Gelegentlich muss man die Technik für einen Augenblick hintanstellen und sich auf die Erzählung und die Poesie dieser Erzählung konzentrieren. Nie soll man die Urväter des Kinos, die Pioniere der Einfachheit vergessen.
Doch am Ende dieser Reise, während der man nicht viel über den Regisseur und seine Arbeitsweise gelernt hat, die trotz Erläuterung mysteriös und im Dunkeln bleibt, geschieht doch noch etwas.

Am Ende dieses Unterrichts steigt der Regisseur auf einer steilen Straße aus dem Auto. Für einen langen Augenblick umrundet er das Auto, ohne dass ihm die Kamera folgt, dann ist ein Knirschen und Plätschern auf Kies zu hören. Erleichtert sich der „Meister“ etwa wie ein alter Professor nach einer zu langen Vorlesung? Zweifel kommen auf. Gelächter bricht aus. Noch einmal beißende Ironie. Sicher ist wieder, dass der Regisseur sagt: „Ich werde euch etwas zeigen...“ Er greift zur Kamera, filmt die Landschaft, einen kleinen Baum, Steine auf dem Boden und dann eine Ameisenkolonie, die fieberhaft arbeitet. Eine schwarze Ameise trägt ein weißes Körnchen, das zehnmal größer ist als sie selbst, und vergräbt es zum Wohle ihrer Gemeinschaft in den Boden. Wie durch Magie verschwindet die Ameise mit ihrer Last. Die Arbeit eines Titanen, ein Zaubertrick, ein Wunder, für das sie Blut und Wasser geschwitzt haben muss. Das ist – wie jedes Kunstwerk, wie jeder Film – Kino.

 Delphine Valloire

Erstellt: 13-05-04
Letzte Änderung: 19-05-04