Kritik: Eine unglaubliche Freundlichkeit und der Ausdruck von Glück liegen in den Gesichtern dieser beiden jungen Männer. Die Zeit, die sich miteinander verbringen, verläuft so langsam und unbeschwert, dass es scheint, als würde man einer nostalgischen Reise in die verklärte Vergangenheit bewohnen. So ist es auch – der 1970 geborene thailändische Regisseur Apichatpong Weerasethakul beschäftigt sich wie bereits in seinem letzten Film „Blissfully Yours“, der 2002 in Cannes den Hauptpreis der Nebenreihe „Un Certain Regard“ gewann, mit den eigenen Erinnerungen – an die verflossene Liebe, an Märchen oder Volkssagen und die Landschaft seiner Kindheit, aus der heraus sie entstanden. Weerasethakul ist im Dschungel im Nordosten Thailands aufgewachsen, er wurde als Sohn zweier Ärzte in der Provinz geprägt vom Gegensatz zwischen dörflicher Idylle und dem schnellen Wachstum seiner Heimatstadt Khon Kaen. In seinen Filmen kehrt er stets zurück in den geheimnisvollen Dschungel seiner Kindheit, der, wie er selbst sagt, die Rolle eines Protagonisten zukommt.
Diesmal werden die nostalgischen Erinnerungen so übermächtig, dass sie die Gestalt einer tropischen Krankheit annehmen. Sie macht das Weiterleben für Tong in seinem Soldatenalltag unmöglich. So wird der Dschungel für ihn im zweiten Teil des Films zum einzigen Ort, an dem diese Krankheit, die eigenen Träume, Sehnsüchte einen angemessenen Ausdruck finden können, wenn auch keine Heilung, sondern nur ein nostalgisches Verschmelzen mit der Vergangenheit stattfinden kann. Seinen Film hat Weerasethakul im zweiten Teil aufgebaut wie eine Volkssage – Kapitelüberschriften und Illustrationen vom Mensch in Tiergestalt künden von der Verwandlung des Menschen in einen Tiger. Die Suche des Soldaten Keng nach seinem Freund kommt mit minimalen dramatischen Spannungsmomenten aus. Mit Tong, der immer tiefer in den Dschungel eintaucht, verfällt der Film stattdessen in einen wunderbaren, wenn auch unheimlichen Trancezustand. Mit einem Taschenlampenkegel folgt die Kamera den verschlungenen Lianen in die Baumwipfel, die nächtlichen Stimmen des Dschungels sind eine neue Sprache, die Tong erst erlernen muss. Den meckernden Affe hoch in den Bäumen verleiht Weerasethakul an einem bestimmten Punkt per Untertiteln eine Stimme– er „spricht“ den Soldaten an und liefert ihm so den Schlüssel für eine mögliche Wiederbegegnung, die Verschmelzung mit dem verloren gegangenen Geliebten. Minutenlang starren Tong und der Tiger sich an – die Seelenwanderung glückt und Tong nimmt seine ‚tropical malady’ endgültig an.
Martin Rosefeldt
Spezial-Preis der Jury, Cannes 2004
New York Filmfestival 2004
Internationales Filmfestival Rotterdam 2005- Apichatpong Weerasethakul über seinen Film
In TROPICAL MALADY gibt es mehrere Strömungen, Elemente des Horrorfilms sind genauso zu finden wie Elemente des Psychodramas. Es ist auch die Geschichte vom Nebeneinander
verschiedener Dinge: So wie der Held auf der Suche nach seiner eigenen Identität und seinen Erinnerungen ist, sucht auch der Film seine Identität. Ich wollte eine eher unbekannte Seite des Dschungels zeigen: die Nacht, in der die Zeit ein wenig irreal erscheint. Auch wenn die Story in einer linearen Struktur präsentiert wird, besteht TROPICAL MALADY aus zwei getrennten Erzählsträngen, die jeweils sehr unterschiedliche Welten repräsentieren. Diese Welten sind durch die beiden Hauptcharaktere verbunden, die der Zuschauer als eine oder als zwei getrennte Personen wahrnehmen kann.
Mein Tonmann ging in der Nacht in den Dschungel und brachte unglaubliche Geräusche mit. Er begegnete einem Bären und stieß auf eine Herde von Elefanten. Leider konnte ich nicht alle Geräusche benutzen, sonst wäre aus dem Film eine Show von Sound Effekten entstanden. Ich habe aber versucht, dem Publikum ein Gefühl für die spezifischen Geräusche des Dschungels zu geben. Dieser Film ist eine überaus schmerzhafte Erfahrung, sehr bedrückend, krankmachend. Der Film ist eine Mischung aus Stadt und Dschungel. Und ich wollte eine eher unbekannte Seite des Dschungels zeigen: die Nacht, in der die Zeit ein wenig irreal erscheint.
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Tropical Malady
Regie/Drehbuch: Apichatpong Weerasethakul
Darsteller: Banlop Lomnoi, Sakda Kaewbuandee
Frankreich/Thailand/Italien/BRD, 2004, 118’
Offizieller Wettbewerb Cannes 2004








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