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10/09/08

Die wahre Geschichte eines unbekannten Krieges

In der Dokumentation "Darfur - Autopsie einer Tragödie" forschen der Journalist Christophe Ayad (von der französischen Tageszeitung Libération) und der Regisseur Vincent de Cointet über das aktuelle Geschehen hinaus nach den historischen Wurzeln eines langen und mörderi- schen Konflikts. Ein Interview.

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Wie sind Sie dieses Projekt gemeinsam angegangen?
Christophe Ayad: Dieser Film ist meine erste Erfahrung im Bereich der Fernsehdokumentation. Anfangs ging es mehr um die internationale Gemeinschaft und ihr Verhalten im Darfur-Konflikt, aber beim Überarbeiten des Drehbuchs sind Vincent und ich zu dem Schluss gekommen, dass die Hintergründe dieses Konflikts nur unzureichend bekannt sind. Der Film bot mir Gelegenheit, mir sehr gezielte Fragen über ein Thema zu stellen, das ich schon gut kannte. Zugleich lernte ich eine neue, interessante Ausdrucksform kennen: den Dokumentarfilm. Mit den Anforderungen dieser Gattung hat Vincent mich vertraut gemacht, der wiederum etwas über die Bearbeitung eines Themas gelernt hat. Die Zusammenarbeit war für uns beide bereichernd.

Vincent de Cointet: Im Gegensatz zu Christophe bin ich kein Afrika-Spezialist, und den Sudan kenne ich noch weniger. Ich habe 2005 durch einen Dokumentarfilm über Ruanda begonnen, mich für diesen Konflikt zu interessieren. Dann habe ich Pressebeiträge zu dem Thema gelesen, darunter auch Artikel von Christophe, den ich noch nicht persönlich kannte, sowie einige der wenigen Bücher, die es über den Sudan gibt. Anschließend habe ich einen sehr umfangreichen Drehbuchentwurf für einen Dokumentarfilm geschrieben, der das Interesse eines Produzenten gefunden hat. Der Produzent und ich hatten die Idee, einen Mitautor zu suchen, der sich mit dem Thema besser auskannte als ich. So haben wir Christophe gefunden. Wir verstanden uns auf Anhieb – unter anderem, weil wir beide dasselbe zum Ausdruck bringen wollten.

War es schwierig, die verschiedenen Beteiligten zur Mitwirkung an dem Film zu bewegen?
C. A.: Viele unserer Gesprächspartner waren bereit, sich zum Darfur-Konflikt zu äußern (auch wenn wir weder den ehemaligen US-Außenminister Colin Powell noch den Ex-Generalsekretär der Vereinten Nationen, Kofi Annan, interviewen konnten). Allerdings mussten wir gewisse Widrigkeiten überwinden. Während unseres Aufenthalts in Khartum fiel der engste Berater des sudanesischen Präsidenten Omar al-Bashir einem Unfall zum Opfer. Dieses Ereignis hat unsere gesamte Planung durcheinander gebracht, denn der Präsident und seine Mitarbeiter konnten uns viel weniger Zeit widmen.
Beim Drehen mussten wir auch die kulturellen Eigenheiten der verschiedenen Länder berücksichtigen. Im Sudan wird nichts im Voraus geplant. In den Vereinigten Staaten dagegen ist alles gut durchorganisiert, aber Termine müssen bereits zwei Monate zuvor vereinbart werden. Die Schwierigkeit bestand für uns darin, dass wir sämtliche Personen in der sehr kurzen Drehzeit von anderthalb Monaten unterbringen mussten.

V. C.: Wir haben uns während der Drehzeit ganz auf die Interviews konzentriert. Wir wollten einen Film drehen, der die Situation in Gesprächen analysiert. Wir wollten nicht einen Monat in Darfur damit verlieren, Aufnahmen in Flüchtlingslagern zu machen, die wir uns auch woanders besorgen konnten. Und da es sich um einen Geschichtsfilm handelt, zogen wir es vor, exklusive Bilder bestimmter Schlüsselmomente zu kaufen. Manche dieser Aufnahmen erwarben wir in Khartum von Journalisten oder lokalen Produktionsfirmen, z.B. die Bilder des Angriffs auf al-Faschir, der den Krieg auslöste. Dass wir diese Dokumente gefunden haben, war umso hilfreicher, als es oft hieß, die Geschichte des Darfur-Konflikts lasse sich nur schwer im Fernsehen behandeln, da keine Bilder vorhanden seien ...

Ihr Film behandelt eine brandaktuelle Problematik, in der jederzeit eine Wende eintreten konnte. Hat dies die Dreharbeiten erschwert?
C. A.: Am schwierigsten war es, unseren Gesprächspartnern verständlich zu machen, dass es uns nicht um das aktuelle Geschehen ging. Die meisten von ihnen, die heute noch eine politische Rolle spielen – insbesondere Mitglieder der sudanesischen Regierung oder Rebellenführer – geben laufend Pressemitteilungen heraus oder reagieren auf die ständig eintreffenden Vorschläge aus aller Welt. Während unseres Aufenthalts in Khartum begann in Paris eine internationale Konferenz über Darfur. Natürlich mussten wir darüber reden, aber am rechten Ort. Wenn wir in den Interviews aktuelle Fragen angesprochen hätten, hätten wir nicht über die Vergangenheit reden können. Die Gespräche wären ähnlich abgelaufen wie bei Al-Dschasira oder der BBC, wo der Gesprächspartner seine Erklärung abgibt und nach zwei Minuten aufsteht und „danke schön und auf Wiedersehen“ sagt.

V. C.: Es ist tatsächlich schwierig, einen Film über einen Konflikt zu drehen, der noch nicht beendet ist. Doch das, was wir zeigen, bleibt immer gültig, auch wenn es in ferner Zukunft zu einem Friedensschluss kommen sollte. Wir wollten mit unserem Film vor allem zeigen, dass das, was heute in Darfur geschieht, nichts mehr mit der Situation 2003-2004 zu tun hat, als Krieg herrschte. Wenn die Zuschauer das verstehen, haben wir unser Ziel erreicht.

C. A.: Es ist nicht störend, dass der Film zum Zeitpunkt der UNO-Resolution endet, die die Stationierung von 26.000 Blauhelmen in Darfur vorsieht. Der Film bleibt umso aktueller, als die Situation in Darfur heute völlig festgefahren ist. Durch zu viele verpasste Gelegenheiten sind schlechte Angewohnheiten entstanden, und es ergingen falsche Signale an die verschiedenen Akteure des Konflikts. Die zwei Millionen Vertriebenen werden nicht von heute auf morgen in ihre Dörfer zurückkehren können, und ich bin vom guten Willen der Kriegführenden auf beiden Seiten keineswegs überzeugt. Die sudanesische Regierung und die Rebellen sprechen nicht dieselbe Sprache, selbst wenn sie einen Friedensvertrag unterzeichnen sollten. Hinzu kommt die Uneinigkeit der internationalen Gemeinschaft. Alles in allem eine Dauerkrise, in der alle Parteien Hinhaltetaktiken anwenden. In Darfur wurde das letzte Wort noch lange nicht gesprochen.

Das Gespräch führte Emmanuel Chicon.

Erstellt: 30-11-07
Letzte Änderung: 10-09-08