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22/05/04

2046

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Hongkong 2004, 120 Min.
Regie: Wong Kar Wai
Mit Tony Leung Chiu Wai, Gong Li, Faye Wong, Kimura Takuya, Zhang Ziyi, Carina Lau Ka Ling, Chang Chen
 
   
 Synopsis: Er ist ein Autor und er schreibt ein Buch über die Zukunft. Ein seltsamer Zug fährt ins Jahr 2046. Jeder der mitfährt, hat das Ziel, seine Erinnerungen wieder zu finden. Eigentlich aber ist es ein Buch über die Vergangenheit. Seine Geschichte wird zum Film im Film.
 
Kritik: Fast fünf Jahre lang hat Wong Kar Wai an seinem neuen Werk gearbeitet, genau gesagt bis letzte Woche. Kein Wunder, dass die Kopien zu spät von Paris – wo noch schnell die Untertitel fürs Festival angefertigt werden mussten - nach Cannes gelangten. Die Folge war, dass die Pressevorführung im Grand Théâtre Lumière um 8.30 morgens ausfiel, was die Erwartungen und den Hype um den Film noch vorantrieben. Und dann endlich, um 22.30 Uhr nach fast zwei Stunden Anstehen:
 
Wong Kar Wai erzählt die Fortsetzung seines Cannes-Gewinners aus dem Jahr 2000, IN THE MOOD FOR LOVE. Die Hauptfigur des Autors wird erneut verkörpert durch Tony Leung Chiu Wai, den wohl bekanntesten Darsteller des Hongkong Kinos. Bereits mit der ersten Einstellung entführt uns Wong Kar Wai in eine ganz eigenartig designte Welt, deren Farben aus den 60er Jahren stammen, aber dessen runde Formen einer ganz eigenen Ästhetik entspringen. Erdig bis goldene Töne, eine riesige schwarz-gelb gestreifte Muschel mit hypnotischem Charakter. Dann aber sind wir im Zug im Jahr 2046. Dort versucht ein Passagier (der japanische Filmstar Takuya Kimura) einen schönen Androiden (Faye Wong) zum Aussteigen zu bewegen. Doch sie ist nur eine kalte Maschine und seine Bemühungen sind daher umsonst.
 
Wer Wong Kar Wais Filme kennt, fühlt sich familiär mit dem Arsenal der gezeigten Figuren. Auch die Themen. Zeit, Einsamkeit, Langsamkeit und Geschwindigkeit sind stets wiederkehrende, variierende Themen seines Werks. Aber 2046 lässt – anders als seine vorhergehenden Filme – so gut wie kein Mitgefühl mit seinen Figuren aufkommen. Das führt dazu, dass all die vielen kleinen Details wie Verweise auf seine früheren Werke wirken. Da raucht etwa Tony Leung eine Zigarette und die Kamera zeigt ihn lange in einer Großaufnahme. Er sieht traurig aus und denkt wohl an die Frau die er liebt, und die er doch ein Leben lang verpassen wird. Und sofort fällt einem ein fast identischer Moment in IN THE MOOD FOR LOVE, in dem Tony Leung an einer Wand lehnte – und ebenfalls in Zeitlupe – rauchte, mit exakt demselben Blick. Dieser Moment bündelt zwar all die Sehnsucht zu der ein Schauspieler fähig ist, aber sie löst keine Sehnsucht beim Zuschauer aus.
 
Intensiver als sonst spielt Wong Kar Wai mit Wiederholungen einzelner Szenen und leichten Variationen von Themen und schneidet sehr häufig zwischen den vergangenen 60er Jahren und dem Jahr 2046. Vom Design (William Chang Suk Ping) und der Kameraarbeit (Christopher Doyle, Kwan Pun Leung, Lai Yiu Fai) ist ihm ein äußerst beeindruckender Film gelungen, der aber inhaltlich nicht überzeugt. Die Geschichte selbst bleibt bis zuletzt mager, und die Charaktere alleine reichen kaum aus, die 120 gezeigten Minuten zu dem (erwarteten) Ereignis werden zu lassen.
 
 Nana A.T. Rebhan
 
 
 
 Synopsis: Mitte der 1960er-Jahre. Chow Mo Wan ist Schriftsteller. Wenn er nicht gerade als freier Journalist arbeitet, um sein Hotelzimmer zu bezahlen, oder dortselbst den Frauen hinterherläuft, schreibt er an einem Sciencefiction-Roman mit dem Titel „2046“. So heißt das Ziel des Zuges, der im Zentrum dieser Erzählung steht – ein Ort, an dem die Passagiere ihre Erinnerungen wiederfinden können. Bisher ist er der einzige, der von einer solchen Reise zurückgekehrt ist. Wenn sich sein Alltagsleben mit seinen Frauengeschichten auf verwirrende Weise vermischt, dann scheint seine Prosa die Situation immer wieder zu erhellen (oder auch nicht).
 
Kritik: Bekanntermaßen behandelt Wong Kar Wai in seinen Filmen immer die gleichen thematischen Bruchstücke. So erschafft er auch immer wieder die gleichen, für sein filmisches Schaffen typischen Figuren und Elemente: ein heruntergekommenes Hotel, ein Dandy, der seine Verletzlichkeit hinter einer eleganten Nonchalance verbirgt und wunderschöne Frauen, die dies mit Hilfe einer auch nur aufgesetzten Sicherheit versuchen. Seine Figuren sind weniger Bestandteile als vielmehr das Material seines Kinos, das erst nach der Phase des Schneidens Form anzunehmen scheint.
 
Bei Wong Kar Wai entsteht der Sinn durch Wiederholung, Anhäufung oder Annullierung von Szenen oder Repliken durch eine andere. Dabei läuft der Zuschauer Gefahr, sich in einer Art Kaleidoskop zu verlieren: In den immer gleichen Fluren und immer gleichen Nachtclubs scheinen sich die immer gleichen Personen zu begegnen. „Nichts wirklich Anderes, doch auch nicht ganz dasselbe.“ Dies scheint auch in „2046“ das Credo des Regisseurs zu sein, und in dieser Hinsicht ist sein neuer Film bisher der gewagteste und riskanteste.
 
Hinter dem bereits gewohnten eindringlichen Gestus, der Wong Kar Wais letztes Werk „In The Mood For Love“ so stark charakterisiert hat und hier jedoch hinter eine immer undurchsichtigere innere Logik zurück tritt, verbirgt sich so etwas wie ein Krisenfilm. Wenn auch nicht hinsichtlich formaler Kriterien so lässt sich „2046“ bezüglich seiner Position im Oeuvre des Regisseurs doch mit „8 1/2" von Fellini oder „Lost Highway“ von David Lynch vergleichen: Der Höhepunkt scheint erreicht, und die weitere Entwicklung kann in den kommenden Jahren zwangsläufig nur zum Absturz oder zu einer absoluten stilistischen Neuorientierung führen. Wong Kar Wai nimmt sich zwar Zeit (an „2046“ arbeitete er vier Jahre), dennoch spart er seine Ressourcen nicht auf. Hinsichtlich der Empfindungen und Emotionen bleibt er seinem typischen Spleen mit einer Konsequenz treu, die sich auch in der Zahl spiegelt, die seinem neuen Film den Namen gegeben hat.
 
 Julien Welter

Erstellt: 21-05-04
Letzte Änderung: 22-05-04