Seit einigen Wochen nimmt das Angebot an DVDs und Kinoaufführungen der Werke von Norman McLaren zu. Vielerorts werden Retrospektiven des produktiven, ungeheuer vielseitigen Animationsfilmers angeboten. McLaren arbeitete mit unterschiedlichsten Techniken. Sein Gesamtwerk von über 50 Filmen ist eine Kreuzung aus Malerei, Tanz, Musik, Animationsfilm und Experimentalfilm und vermag eingefleischte Filmfans ebenso zu begeistern, wie das breite Kinopublikum.McLarens Weg zum Animationsfilmer beginnt 1933 mit seiner Immatrikulation an der Glasgow School of Art. Er ist 19 Jahre alt und hat sich für das Fach Dekorative Kunst eingeschrieben. Seine wahre Leidenschaft gilt jedoch der Malerei und der Musik. Wenig später kommt der Film hinzu. Zahlreiche Filmemacher, die McLaren damals kennen lernt, werden ein Leben lang großen Einfluss auf seine Arbeit haben. 1933 produziert McLaren seinen Erstling: Hand-Painted Abstraction, ein abstraktes, direkt auf Film gemaltes Werk. Die einzige Kopie wird bald vernichtet. Im gleichen Jahr entsteht auch sein erster offizieller Film: Seven Till Five, eine zehnminütige Stummfilmdokumentation über die Glasgow School of Art.
Seven Till Five wirft für Norman McLaren wesentliche Fragen auf: Wie vermittelt man Rhythmus ohne Musik? Wie Bewegung aus einer stationären Kamera heraus? McLaren steht damals unter dem Einfluss der sowjetischen Film-Avantgarde und hat für beide Fragen nur eine Antwort: Mit Hilfe der Montage. Eine weitere Besonderheit in McLarens Seven Till Five ist das progressive Verschwinden menschlicher Gesichter. Am Anfang des Films sind sie noch zu sehen, dann treten nach und nach Hände an ihre Stelle. Die Hände des Malers, des Bildhauers, usw. Hände, die wie losgelöst von ihrem Körper wirken, wie abgeschnitten von dem Geist, der sie bewegt. Hände, in denen sich die Essenz künstlerischen Schaffens zu konzentrieren scheint. Dieser Vorstellung bleibt McLaren sein Leben lang treu. Für ihn, den Filmemacher, ist künstlerisches Schaffen Handarbeit, ein Produkt der Berührung.
Zwei Jahre später dreht McLaren in mehreren Etappen, die sich über einen Zeitraum von insgesamt 9 Monaten ziehen, seinen zweiten offiziellen Film: Camera Makes Whoopee, ein dokumentarischer Stummfilm über den Abschlussball an der Glasgow School of Art. Auch dieses Werk ist von der sowjetischen Film-Avangarde geprägt. Für Camera Makes Whoopee greift McLaren ganz tief in die Trickfilmkiste: Mehrfachüberblendungen, Split Screens, Zeitlupe, rasante Montage … McLaren schöpft alle Möglichkeiten des Films und der Kamera aus. Mitten im Film wechselt er zu animierten Gegenständen, in der Mehrzahl Musikinstrumente. Die Menschen scheinen verschwunden, ausgeblendet, aufgelöst in den zahlreichen Überblendungen. Gegenstände beherrschen das Bild. Auch dieses Element findet sich später in McLarens Arbeiten wieder und steht gleichermaßen für ein ganzes Programm: Man kann Filme ohne menschliche Darsteller machen. Es ist möglich, Gegenständen mittels Animation Leben einzuhauchen: Dem Klavier, der Kamera und demnächst auch der Filmrolle.
Doch zurück zum Anfang. 1935 entsteht ein weiterer abstrakter Film mit dem Titel Colour Cocktail. Es existiert nur eine Kopie, und auch sie wird im Laufe der Zeit zerstört. McLaren präsentiert Camera Makes Whoopee und Colour Cocktail auf dem Festival für Amateurfilme in Schottland und erhält eine Auszeichnung. In der Jury sitzt neben anderen John Grierson, Leiter der General Post Office Film Unit in London. Grierson bietet McLaren an, nach Abschluss seines Studiums mit ihm zusammen zu arbeiten. McLaren macht noch einen letzten Film an der Glasgow School of Arts, Hell Unlimited, und geht dann zu Grierson nach London, wo er 1937 seinen ersten Film für das General Post Office dreht: Book Bargain, eine Dokumentation über die Herstellung des Londoner Telefonbuchs und McLarens erster Tonfilm. Book Bargain ist eine klassische Dokumentation mit detaillierten Erläuterungen aus dem Off. Dennoch lässt sich hier bereits der künftige Stil von McLaren erkennen, insbesondere seine Faszination für mechanische Teile, konkrete Gegenstände – in diesem Fall das Telefonbuch, das in abstrakter Weise entsteht, ohne dass der dahinter stehende Mensch in Erscheinung tritt.
Nach Book Bargain dreht McLaren noch weitere Auftragsfilme für das General Post Office, unter anderem Love on the Wing, einen Werbefilm für die britische Luftpost mit Musik von Jacques Ibert. In Love on the Wing greift McLaren erstmals auf die Technik des direkten Malens auf Film zurück. Er selbst sagte über diesen Film: „Love on the Wing entstand zu einer Zeit, als die Idee des Surrealismus sich gerade etablierte.“ Die Szenerie erinnert in der Tat stark an Bilder von Dalì oder Tanguy. Das Wesen der Figuren, die McLaren auf die Filmrolle gezeichnet hat, liegt in der Veränderung, der Metamorphose, der freien Gedankenassoziation. McLaren ist dabei, seinen besonderen narrativen und ästhetischen Weg zu entwickeln. Das General Post Office reagiert fassungslos auf Love on the Wing. Die Verantwortlichen weigern sich, das Werk als Werbefilm einzusetzen, nicht zuletzt wegen seiner zahlreichen sexuellen Anspielungen. McLaren dreht noch einen letzten Film für das General Post Office. Er verlässt Europa am Vorabend des Zweiten Weltkrieges und lässt sich in New York nieder. Es folgen einige Monate ohne Arbeit, bis er die Direktorin des Guggenheim Museums kennen lernt, die ihm anbietet, seine abstrakten Filme zu kaufen. Die Sache hat nur einen Haken: McLaren hat nichts, was er ihr verkaufen könnte. Doch er macht sich sofort an die Arbeit und produziert bei sich zu Hause zwei Filme - Points und Boucles - in der Rekordzeit von nur 3 Monaten. Das Museum kauft sie ihm für 200 US-Dollar ab. Points und Boucles gelten als die ersten radikal abstrakten Werke McLarens. Sie wurden ohne Kamera hergestellt. Mangels Mittel sah sich McLaren sogar genötigt, die Tonspur direkt auf den Film zu legen.
Künstlerisch hat McLaren nun seinen Weg gefunden, doch er hat immer noch kein Zuhause. Zunächst bleibt er in New York, wo er noch mehrere Auftragsarbeiten, in erster Linie Propagandafilme, ausführt. Schließlich holt ihn John Grierson mit dem Angebot, am neugegründeten National Film Board of Canada ein Animation Studio einzurichten, nach Ottawa. So packt Norman McLaren 1940 zum dritten Mal seine Koffer, um sich an einem neuen Ort niederzulassen. Seine erste Produktion in Kanada heißt Mail Early. Er hat für diese Auftragsarbeit kurz vor Weihnachten nur drei Wochen Zeit, weswegen er Teile seiner früheren Arbeiten in den Film einbaut. Mail Early steht am Beginn seiner langjährigen fruchtbaren Zusammenarbeit: Ab diesem Zeitpunkt bis zu seinem Tod 1987 in Montreal dreht McLaren nur noch für das NFB/ONF.Mail Early kann somit als Wendepunkt bezeichnet werden. Er markiert das Ende eines Lebensabschnitts und den Beginn eines neuen. Schlusspunkt und Start in einem.
Luc Lagier für Kurzschluss (das magazin)
- Rétrospectiven zu Norman McLaren
Centre Georges-Pompidou, Paris vom 15. November bis 04. Dezember 2006
British Film Institute, London ab Januar 2007
Arsenal, Berlin April 2007Wiederholung am Freitag, dem 24. November, ab 15.00 Uhr, zusätzlich Undressing my mother von Ken Wardrup und Gestrandet von Alix Barbey.







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