Und so ist es möglich, dass man hier und da, bei einer Auktion oder im Katalog eines Experten für Handschriften, einen der zahllosen Briefe einer Korrespondenz findet, die schon jetzt viertausend bekannte Exemplare umfasst. Sehr viel seltener kommt es allerdings vor, dass Texte Flauberts ausgegraben werden, durch die sich das Bild grundlegend verändert, das wir uns vom Schreiben Flauberts über sich selbst machten. Abgesehen von einem Cahier intime, das er mit 20 Jahren verfasste, pflegte Flaubert in seinem Werk immer allergrößte Unpersönlichkeit. Doch dieses nun bei der Friedenauer Presse vorliegende knappe Dutzend Blätter, die dem Vergessen wie durch ein Wunder entrissen wurden, zeigt, dass Flaubert dennoch auf einzigartige Weise einen Teil seines Ichs zu Papier brachte.
«Alles in einem Winkel des Gedächtnisses verstauen»
Diese kurzen Texte, spontan und in aller Schnelle hingeschrieben, ohne sich groß zu kümmern um die Konstruktion oder gar eine mögliche Veröffentlichung, konzentrieren in Extremform die Schärfe des Blicks, den Sinn fürs Detail und die Treffsicherheit der Formulierung, allesamt Markenzeichen von Flauberts Stil.

Flaubert war ein uner-müdlicher Arbeiter am Text und ein geradezu furchterregender Perfektionist. Er starb 1880 in Croisset, sein beachtliches Werk umfasst berühmte Romane (u.a. Madame Bovary, Die Erziehung des Herzens, Salambo) und eine monumentale Korrespondenz.
Seit 2001 können Flaubert-Liebhaber auf einer Website Auszüge seiner Werke einsehen, in seinen Briefen und Manuskripten blättern sowie seine Recherche-arbeiten in ihrem ganzen Umfang entdecken.
Yvan Leclerc, der Gründer der Website und des Centre Flaubert in Rouen, meint: "Flaubert rief geradezu nach der digitalen Welt, um sein Werk in all seiner Virtualität darzu-stellen."
Das Centre Flaubert tut sich auch als Entdecker noch unbekannter Texte des Autors hervor. Das nun auf Deutsch vorliegende "Leben und Werke des Paters Cruchard" hat es bereits 2005 im Original veröffentlicht.

Trauer in versiegelten Umschlägen
«Friedhof - fette Erde - Es nimmt kein Ende», notiert er im gleichen Ton in Alfred; und auch «Immer mehr Gäste - Die Kirche – Ekel durch die Kerzen, von denen es noch heißer wird» in Mein armer Bouilhet. Dieses Streben nach Exaktheit, nach dem präzisen Strich, durchdringt auch diese beiden, im Abstand von zwanzig Jahre entstandenen Texte.
Doch der Tod seines Jugendfreundes Alfred Le Poitevins, der 1848 viel zu früh starb, und der Verlust 1869 von Louis Bouilhet, «seinem literarischen Kompass», machen es ihm nicht leicht. Zwar möchte Flaubert auch diese Momente der Intensität in ihrer Gänze notieren und bewahren, doch das Trauma ist so stark, dass er gleichzeitig alles erschöpfen, alles zunichte machen möchte. In einem Brief an George Sand, geschrieben am Tag der Beerdigung Bouilhets, schwadroniert er: «Ich werde mich hemmungslos in Verzweiflung stürzen. Danach bin ich wieder im Lot! Das hoffe ich wenigstens». Kaum zu Hause angekommen, brandet jedoch die Emotion bei jedem Bild auf, verdoppelt sich der Kummer mit jedem Wort, und die Tränen, die erst nicht kommen wollten, fließen nun wie Tinte aufs Papier: «Ich finde nichts mehr, was ich mir sagen könnte – mir schnürt die Kehle zusammen».
Ein unbekannter, ein prächtiger Flaubert. Ein zitternder Flaubert, sprachlos, der den Schmerz im Augenblick empfindet, in dem er ihn niederschreibt, der sich an die Syntax des Satzes klammert wie an die Sprosse einer Leiter, um seine Trauer zu überwinden: «Kopf hoch, nur Mut – Leb wohl».
Was diese Texte allerdings nicht sagen: Nachdem er sie geschrieben hat, gibt sich Flaubert einem eigenwilligen Beerdigungsritual hin. Er faltet die Blätter zusammen, steckt sie in einen Umschlag und versiegelt sie. Ohne sie an irgendjemanden zu schicken, ohne sie je wieder zu öffnen. Als habe der Schriftsteller diesen Teil seiner selbst begraben wollen, damit er für immer dahin sei.
Cruchard, c’est moi.
Leben und Werke des Paters Cruchard, der Text, der dieser Sammlung den Titel gibt, ist von völlig anderem Holz. Alle großen Flaubert-Liebhaber wissen, welches Vergnügen es Flaubert machte, witzige, groteske Namen zu erfinden und sie sich bisweilen selbst anzuhängen. Es kam schon vor, dass er einen Brief an seine Nichte mit einem zärtlichen «Onkel Cruchard» unterschrieb.

von Gustave Flaubert übersetzt von
Elisabeth Edl
Verlag: Friedenauer Presse
Oktober 2008
ISBN-10: 3932109562
ISBN-13: 978-3932109560

Diese hinreißende Parodie auf das Leben eines Kirchenmannes ist auch eine Art Flauberts, mit sich selbst zu reden. Unter der zu engen Kutte eines in die Breite gegangenen Paters, in seinen Leidenschaften und auch inmitten des Prunks von Versailles geschickt seine «männliche Selbstsicherheit» bewahrend, platziert Flaubert ein prachtvolles Selbstporträt. Eine sehr persönliche Geste, die allerdings einem engen Freundeskreis vorbehalten war. Nach George Sands Tod bat Flaubert dann sogar ihren Sohn Maurice, den Namen des «Heiligen» aus der Korrespondenz seiner Mutter zu entfernen: «Die Leute dürfen nicht alles von uns haben. Behalten wir etwas allein für uns». Unterschrieben hat er den Brief mit: «Cruchard für Sie. Für die Literatur Gustave Flaubert».
Eine Rezension von Christine Lecerf









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