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Französisches Buch des Monats - 08/01/09

Gustave Flaubert

Leben und Werke des Paters Cruchard und andere unveröffentliche Texte


Ein aufregender Fund: Vier unveröffentlichte Texte Flauberts - in einer Abschrift seiner Nichte - tauchen in der Schublade eines Möbelstücks der Familie auf. Sie zeigen einen sehr persönlichen Flaubert und enthüllen einige Geheimnisse seines Schreibens.

«Es ist eines meiner Prinzipien, dass man nicht von sich selber schreiben darf», schrieb Flaubert 1857, kurz nach der Veröffentlichung von Madame Bovary in einem Brief an Marie-Sophie Leroyer de Chantepie, eine seiner Briefpartnerinnen. Flauberts Verhältnis zu sich selbst war komplex. Tagsüber machte er es sich zur poetischen Pflicht, jede Ahnung von Narzissmus aus seinen Texten zu tilgen. Und nach Mitternacht goss er dann alle Seelenzustände seines Ichs in Briefe.

Und so ist es möglich, dass man hier und da, bei einer Auktion oder im Katalog eines Experten für Handschriften, einen der zahllosen Briefe einer Korrespondenz findet, die schon jetzt viertausend bekannte Exemplare umfasst. Sehr viel seltener kommt es allerdings vor, dass Texte Flauberts ausgegraben werden, durch die sich das Bild grundlegend verändert, das wir uns vom Schreiben Flauberts über sich selbst machten. Abgesehen von einem Cahier intime, das er mit 20 Jahren verfasste, pflegte Flaubert in seinem Werk immer allergrößte Unpersönlichkeit. Doch dieses nun bei der Friedenauer Presse vorliegende knappe Dutzend Blätter, die dem Vergessen wie durch ein Wunder entrissen wurden, zeigt, dass Flaubert dennoch auf einzigartige Weise einen Teil seines Ichs zu Papier brachte.

«Alles in einem Winkel des Gedächtnisses verstauen»

Diese kurzen Texte, spontan und in aller Schnelle hingeschrieben, ohne sich groß zu kümmern um die Konstruktion oder gar eine mögliche Veröffentlichung, konzentrieren in Extremform die Schärfe des Blicks, den Sinn fürs Detail und die Treffsicherheit der Formulierung, allesamt Markenzeichen von Flauberts Stil.

Gustave Flaubert wurde 1821 in Rouen geboren, er ist einer der größten Prosa-schriftsteller im Frankreich des 19. Jahrhundersts. Der Sohn eines Arztes widmete sich ganz und gar der Suche nach dem Schönen, gleichzeitig ging es ihm darum, einen methodischen, objektiven Blick auf das Leben zu entwickeln.

Flaubert war ein uner-müdlicher Arbeiter am Text und ein geradezu furchterregender Perfektionist. Er starb 1880 in Croisset, sein beachtliches Werk umfasst berühmte Romane (u.a. Madame Bovary, Die Erziehung des Herzens, Salambo) und eine monumentale Korrespondenz.

Seit 2001 können Flaubert-Liebhaber auf einer Website Auszüge seiner Werke einsehen, in seinen Briefen und Manuskripten blättern sowie seine Recherche-arbeiten in ihrem ganzen Umfang entdecken.

Yvan Leclerc, der Gründer der Website und des Centre Flaubert in Rouen, meint: "Flaubert rief geradezu nach der digitalen Welt, um sein Werk in all seiner Virtualität darzu-stellen."

Das Centre Flaubert tut sich auch als Entdecker noch unbekannter Texte des Autors hervor. Das nun auf Deutsch vorliegende "Leben und Werke des Paters Cruchard" hat es bereits 2005 im Original veröffentlicht.
Anders als oft geschrieben, lebte Flaubert nämlich nicht ausschließlich zurückgezogen in der heimatlichen Normandie. Der Einsiedler aus der Provinz wusste durchaus, in der mondänen Welt zu bestehen. Bei einem Empfang in den Tuilerien durch Napoléon III, zu Ehren von Zar Alexander II, genießt Flaubert den Prunk und bemüht sich um die schönen Frauen. «Etwas Kolossales und Verrücktes in der Luft», schreibt der Autor, zurück in Croisset, in Ball zu Ehren des Zaren. Doch, so bekennt er an anderer Stelle in einem Brief, diese Eskapaden in die Hauptstadt sind ihm auch Gelegenheit, «alles in einem Winkel des Gedächtnisses zu verstauen». Er fixiert die ehrenwerte Gesellschaft des Zweiten Kaiserreiches wie ein Zeichner, der Skizzen macht: «Ankunft der Prunkwagen, Geschirr aus Leder und roter Seide» - «Die Fontäne wechseln in jeder Minute die Farbe» - «Eine sehr dicke mit Golddiadem, enorm, mehrreihige Perlenkette».

Trauer in versiegelten Umschlägen

«Friedhof - fette Erde - Es nimmt kein Ende», notiert er im gleichen Ton in Alfred; und auch «Immer mehr Gäste - Die Kirche – Ekel durch die Kerzen, von denen es noch heißer wird» in Mein armer Bouilhet. Dieses Streben nach Exaktheit, nach dem präzisen Strich, durchdringt auch diese beiden, im Abstand von zwanzig Jahre entstandenen Texte.

Doch der Tod seines Jugendfreundes Alfred Le Poitevins, der 1848 viel zu früh starb, und der Verlust 1869 von Louis Bouilhet, «seinem literarischen Kompass», machen es ihm nicht leicht. Zwar möchte Flaubert auch diese Momente der Intensität in ihrer Gänze notieren und bewahren, doch das Trauma ist so stark, dass er gleichzeitig alles erschöpfen, alles zunichte machen möchte. In einem Brief an George Sand, geschrieben am Tag der Beerdigung Bouilhets, schwadroniert er: «Ich werde mich hemmungslos in Verzweiflung stürzen. Danach bin ich wieder im Lot! Das hoffe ich wenigstens». Kaum zu Hause angekommen, brandet jedoch die Emotion bei jedem Bild auf, verdoppelt sich der Kummer mit jedem Wort, und die Tränen, die erst nicht kommen wollten, fließen nun wie Tinte aufs Papier: «Ich finde nichts mehr, was ich mir sagen könnte – mir schnürt die Kehle zusammen».

Ein unbekannter, ein prächtiger Flaubert. Ein zitternder Flaubert, sprachlos, der den Schmerz im Augenblick empfindet, in dem er ihn niederschreibt, der sich an die Syntax des Satzes klammert wie an die Sprosse einer Leiter, um seine Trauer zu überwinden: «Kopf hoch, nur Mut – Leb wohl».

Was diese Texte allerdings nicht sagen: Nachdem er sie geschrieben hat, gibt sich Flaubert einem eigenwilligen Beerdigungsritual hin. Er faltet die Blätter zusammen, steckt sie in einen Umschlag und versiegelt sie. Ohne sie an irgendjemanden zu schicken, ohne sie je wieder zu öffnen. Als habe der Schriftsteller diesen Teil seiner selbst begraben wollen, damit er für immer dahin sei.


Cruchard, c’est moi.

Leben und Werke des Paters Cruchard, der Text, der dieser Sammlung den Titel gibt, ist von völlig anderem Holz. Alle großen Flaubert-Liebhaber wissen, welches Vergnügen es Flaubert machte, witzige, groteske Namen zu erfinden und sie sich bisweilen selbst anzuhängen. Es kam schon vor, dass er einen Brief an seine Nichte mit einem zärtlichen «Onkel Cruchard» unterschrieb.

Leben und Werke des Paters Cruchard und weitere unveröf-fentlichte Texte
von Gustave Flaubert übersetzt von
Elisabeth Edl
Verlag: Friedenauer Presse
Oktober 2008
ISBN-10: 3932109562
ISBN-13: 978-3932109560
Der Schriftstellerin George Sand, mit der er eng befreundet war und der er den Text später widmen sollte, schrieb er unter einen Brief: «G. Flaubert, anders gesagt, Pater Cruchard von den Barnabiten, Beichtvater der Schwestern von der Enttäuschung».

Diese hinreißende Parodie auf das Leben eines Kirchenmannes ist auch eine Art Flauberts, mit sich selbst zu reden. Unter der zu engen Kutte eines in die Breite gegangenen Paters, in seinen Leidenschaften und auch inmitten des Prunks von Versailles geschickt seine «männliche Selbstsicherheit» bewahrend, platziert Flaubert ein prachtvolles Selbstporträt. Eine sehr persönliche Geste, die allerdings einem engen Freundeskreis vorbehalten war. Nach George Sands Tod bat Flaubert dann sogar ihren Sohn Maurice, den Namen des «Heiligen» aus der Korrespondenz seiner Mutter zu entfernen: «Die Leute dürfen nicht alles von uns haben. Behalten wir etwas allein für uns». Unterschrieben hat er den Brief mit: «Cruchard für Sie. Für die Literatur Gustave Flaubert».

Eine Rezension von Christine Lecerf

Erstellt: 02-12-08
Letzte Änderung: 08-01-09