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Cannes 2008

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Cannes 2008

Internationale Filmfestspiele Cannes 2008 - Im Wettbewerb - 21/08/08

24 City

Ein Film von Jia Zhangke


Eine alte Ersatzteilfabrik und ihre ehemaligen Angestellten sind Thema dieses hybriden Werks, einer Untersuchung des unermüdlichen Autors von „Still Life“.

Synopsis: Chendgdu heute: Wolkenkratzer, soweit das Auge reicht und ein sich ständig veränderndes Panorama. Die Fabrik 420 und ihre vorbildhafte Arbeitersiedlung machen Platz für einen Gebäudekomplex mit Luxusappartements: 24 City. Drei Generationen, acht Personen: ehemalige Arbeiter und chinesische Neureiche, zwischen der wehmütigen Sehnsucht der Alten nach dem Sozialismus der Vergangenheit und dem Erfolgsstreben der Jungen. Ihre Geschichte ist die Geschichte Chinas.

Kritik: In der Fabrik 420 werden Ersatzteile für Militärflugzeuge hergestellt. Jia Zhang Ke macht uns mit diesem Umfeld in einer Mischung aus Fiktion und Dokumentarfilm vertraut, ohne sie einander gegenüberstellen oder diese absurde Zäsur in Frage stellen zu wollen. In Wirklichkeit erweitert die Fiktion das Blickfeld des Dokumentarfilms mit einem unerwarteten Augenzwinkern, als der Rundgang eines Wachmanns durch ein stillgelegtes Gebäude dadurch unterbrochen wird, dass jemand - wahrscheinlich der Regieassistent - einen Pflasterstein durchs Fenster schleudert: Endlich kann man seinen Spaß haben, alles kaputt zu machen, ohne befürchten zu müssen, von einem Aufseher in Arrest genommen oder von einem Kollegen denunziert zu werden – das scheint uns diese Sequenz zu sagen. Die Schauspielerin Zao Thao ist Jia Zhang Ke treu geblieben und ebenfalls mit von der Partie. Spielt sie die Tochter einer ehemaligen Arbeiterin, die mit Tränen in den Augen den Leidensweg ihrer Erzeugerin erzählt, bevor sie fortgeht, um in ihrem funkelnagelneuen Volkswagen zu fahren, oder verrät sie uns ihre eigene Geschichte? Diese Zweideutigkeit ist die der chinesischen Geschichte. Man nimmt sie beim aufmerksamen Anhören der dramatischen, mitunter sogar tragischen Zeugenberichte wahr, die jedoch meistens in ein angenehmes Umfeld gebettet sind, einen lichtdurchfluteten Raum oder einen Saal, wo im Hintergrund gespielt wird.

Es geht nicht nur darum, einen Rahmen zu bieten. Es geht darum, in den Überresten des alten Chinas jenes Kino neu zu erschaffen, dem Jia Zhang Ke unermüdlich immer wieder neue Impulse gibt. Mitten in einem Land, wo so viele Langfilme mit kleinen Digitalkameras und ohne die Erlaubnis des Filmbüros in Peking gedreht werden, hat sich der Ehrgeiz der jungen Regisseure grundlegend gewandelt. Statt die Konventionen abzulehnen, fragen sich letztere, wie sie einem China folgen können, das fortwährend mit gigantischen Veränderungen zu kämpfen hat. Wenn die von Präsident Hu Jintao so gepriesene harmonische Gesellschaft seinen Weg finden muss, so gilt das auch für das Kino. In „24 City“ verbindet Jia Zhang Ke weiterhin hochmodernes Material (HD mit verblüffender Wiedergabe) mit der alten Welt und hält dabei in aller Ruhe das Verschwinden eines Industriekomplexes fest, der hochmodernen Wohnsiedlungen Platz macht. Das Schaffen mischt sich mit dem Chaos.

Der Filmemacher bewegt sich auch jenseits jener Faszination oder Abneigung gegenüber dem Fortschritt. Seinen Film zu politisieren würde jeden dazu veranlassen, ihm zuzustimmen oder nicht. Es nicht zu tun bietet die Möglichkeit, China anders wahrzunehmen und dabei die Apriori in Frage zu stellen. Die in diesem Film vorgestellten Porträts löschen die übliche Bezeichnung des Guten und des Bösen aus, zugunsten eines freizügigen Denkansatzes gegenüber der Globalisierung. Für den Autor stehen die abgerissenen Hochöfen sinnbildlich für die überholten Strukturen sowohl der Industrie als auch des kollektiven Gedächtnisses seines Landes. Von unvergänglicher Inspiration erfasst, ist ihm die Umgebung der verlassenen Hangare ein Zuhause geworden. Als sich die Arbeiter äußern, deren tägliches Umfeld dieser Ort einmal war, wird das vergangene Jahrhundert aufgerollt, mit all seinen Wechselfällen und Momenten des Glücks, oft in einer einzigen festen Einstellung. Was Avantgarde ist, wird hier zum Klassischen und das Klassische zur Avantgarde: Die elementarste Inszenierung steht für den Neuanfang. Brachliegend oder industrialisiert hat das 21. Jahrhundert mit Jia Zhang Ke einen Beobachter gefunden, der ihm gewachsen ist.

Julien Welter
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24 City
Von Jia Zhangke
(2008, China, 1h52)
Mit Joan Chen, Lv Liping, Zhao Tao, Chen Jianbin…
Wettbewerb

Erstellt: 16-05-08
Letzte Änderung: 21-08-08