Wüstenblues goes Punkrock oder Punkrock goes Wüstenblues – es ist einerlei, wie man das grandiose Bandprojekt des Punkrockers Justin Adams und Gambias Musikerlegende Juldeh Camara nennt. Fakt ist, der musikkulturelle Crossover der beiden Ausnahmemusiker gehört zu den spannendsten Projekten der aktuellen Weltmusik.

Justin Adams & Juldeh Camara„Tell No Lies“
Real World Records / Indigo / Harmonia Mundi
Myspace 
Juldeh Camara ist ein faszinierender Musiker und in Gambia wird er als Griot verehrt. Griot ist die Bezeichnung für musikalische Geschichtenerzähler, die das Wissen oraler Kulturen pflegen und verbreiten, indem sie in einer besonderen Form des Gesangs Texte vortragen. Camara begleitet sich dabei auf der Riti, einer traditionellen einsaitigen Violine, die eine Klangvielfalt von Fidel, Bass bis E-Gitarre aufweist. Justin Adams hat seine ersten musikalischen Erfahrungen als Punkrocker gemacht. Erst später erwacht in ihm das Interesse an afrikanischer Musik und er gründet gemeinsam mit Jah Wobble „The Invaders Of Heart“ und ist fortan in diverse Weltmusikprojekte von Robert Plant und Natacha Atlas involviert.


Während Camara in der Tradition Afrikas verhaftet ist, wurde Adams in der westlichen und europäischen Musik sozialisiert. Nachdem Adams für sich die Wurzeln des Blues und Rock’n’Roll in der ursprünglichen Musik Malis entdeckt hat, beginnt er, sich Pentatonik und den Dreivierteltakt zu erarbeiten. Sein Lehrmeister wird unter anderem der Perkussionist Salah Dawson Miller, ein Spezialist für brasilianische, kubanische, algerische und marokkanische Rhythmen, der ebenso auf „Tell No Lies“, dem zweiten Album von Adams und Camara, zu hören ist. Bereits mit ihrem Debüt „Soul Science“ hatte das Duo einen durchschlagenden Erfolg, sie wurden 2008 mit dem BBC World Music Award geehrt. Und so bleiben sie auch auf dem Nachfolgealbum ihrem Erfolgskonzept treu und spielen mit Versatzstücken von Bo Diddley bis Muddy Waters und paaren diese mit afrikanischen Melodien und Rhythmen.
Es ist frappierend zu hören, wie musikalisch nah sich die ansonsten so fremden Kulturen sind - und sich dabei so kongenial ergänzen. Und vor allem Juldeh Camaras virtuoses Spiel, man beachte, er benutzt dabei nur eine einzige Saite, ist mehr als verblüffend. In den Texten preist Camara die Schönheit der Wüste Sahara sowie der afrikanischen Kultur, und macht darüber hinaus auf politische und gesellschaftliche Missstände aufmerksam. „Tell No Lies“ ist eine musikalische Offenbarung und zugleich ein Plädoyer für die Wertschätzung Afrikas, seiner Bevölkerung und seiner faszinierend mannigfaltigen Kultur.
TOURDATEN:29. Mai: Musiques Metisses, Angoulême
17. Juni: Rio Loco, Toulouse
Matthias Schneider