ARTE: Sie haben das Casting für die Serie begleitet. Was erhoffen sich die Familien von der Spurensuche?
André Bechtold: Wir haben aus dem deutschen Raum knapp 500 Anfragen bekommen, die meisten hochdramatisch und sehr emotional. Viele möchten ganz konkret wissen, wer ihre Vorfahren waren, unter welchen Umständen ihre Urgroßeltern gestorben sind oder ob sie an einer bestimmten historischen Situation beteiligt waren. Häufig ist das Fehlen bestimmter Informationen der Auslöser für die Spurensuche. Die Frage, ob das fehlende Puzzlestück nicht doch wichtig sein könnte für das eigene Leben, ob es nicht irgendeine Auswirkung haben könnte… Es geht um die Geschichte des kleinen Mannes, weniger um die Einbindung in einen größeren historischen oder adligen Kontext. In der Adelsforschung ist die Genealogie sowieso weitgehend gesichert, auch über die mündliche Überlieferung : der Adel weiß woher er kommt und oft auch wohin er will.
Was ist für Sie das Faszinierende an der Spurensuche ?
Genealogisches Forschen ist auch historisches Forschen, "sich reindenken" in eine andere Zeit. Aus vielen zunächst einfach erscheinenden Fällen bekommt man einen Ausblick auf die "große Geschichte" - aus Blickwinkeln heraus, die einen manchmal erschüttern. Die Fälle, die wir ausgewählt haben, sollen Familiengeschichten erzählen – und die Bandbreite genealogischer Forschung aufzeigen. Natürlich waren unter den Anfragen auch klassische Namensfragen und ganz "harte" genealogische Fälle, aber unter dem Gesichtspunkt der "Spurensuche" waren diese Fälle für uns weniger spannend. Jeder Fall ist für sich genommen etwas ganz besonderes – und als Spurensucher bin ich derjenige, der am tiefsten drinhängt. Einige haben bereits Sherlock-Holmes-mäßige Ausmaße angenommen. Da muss man auch mal Pfade einschlagen, die abseits der rein historischen Wege liegen…
"Aus vielen zunächst einfach erscheinenden Fällen bekommt man einen Ausblick auf die "große Geschichte" - aus Blickwinkeln heraus, die einen manchmal erschüttern..."
Haben Sie bereits einen Lieblingsfall?
Jeder Fall ist ergreifend, aber einen finde ich tatsächlich besonders spannend. Er spielt hier in Berlin auf engstem Raum und öffnet sich historisch ganz weit: Eines Tages nach dem 2. Weltkrieg wird ein Mitarbeiter einer Kaffeefirma zu einer Sitzung einberufen, in der es um die allgemeine Versorgungslage Berlins geht. Er soll dort für einen kranken Kollegen einspringen, fährt mit dem Fahrrad los – und kommt nicht mehr zurück. Der Fall ist ein richtiger Krimi, ganz eng verflochten mit den Problemen Berlins nach Kriegsende. Es geht um Fragen, die nach jedem Systemwechsel eine Rolle spielen : Wer ist Verräter, wer ist Mitläufer, warum werden einige denunziert, was geschieht mit denen, die übrig bleiben? Hinzu kommt das familiäre Leid – der Vater verabschiedet sich am Morgen und kommt nicht wieder zurück. Bei diesen Recherchen weiß man nie genau, in welches Wespennest man gerade sticht, und nicht selten stößt man auf Dinge, die den Nachfahren vorher gar nicht klar waren.
Wie erklären Sie sich das steigende Interesse an Genealogie, an historischen Entwicklungen und Fragestellungen?
Im Internet gehört Genealogie gemeinsam mit Sex und Kochrezepten zu den am häufigsten abgerufenen Themenbereichen. Ich finde diesen Zusammenhang durchaus logisch. Sexualität bedeutet Fortpflanzung, die Gewährleistung des Individuums und der Gruppe; Nahrung steht für die momentane Sicherung des Individuums, beide Dinge sind anthropologisch eng miteinander verknüpft. Wenn wir Zeit haben für Kultur – dafür, Identität in einem übergeordneten Zusammenhang zu bilden, entsteht Geschichte als Interpretation von Vergangenheit. Das Interesse daran ist vor allem dann gesteigert, wenn die Entfremdung zunimmt und die Identität zusammenbricht, wie es in Deutschland nach dem zweiten Weltkrieg der Fall war. Aber auch heute leben wir in einer Zeit mit großen Diskrepanzen, nicht nur zwischen den Generationen. Jeder versucht derzeit, sich selber zu finden und zu definieren, in Deutschland und Europa. Im Zuge der zunehmenden Migrationsprozesse interessieren auch jüngere Menschen sich für ihre Vorfahren. Darum sind viele unserer französischen Fälle in den ehemaligen Kolonien angesiedelt.
Welche Tipps geben Sie Anfängern ?
Der erste Tipp ist ganz klar : "lebende" Quellen gehen vor "toten" Quellen. So lange die Vorfahren noch leben, sollte man sie befragen, die Leute reden lassen und alle Daten sammeln, so neutral wie möglich und zunächst ohne Kommentar. Bevor man mit Stammbäumen oder komplizierten Computerprogrammen anfängt, sollte man am Anfang alles "von Hand" machen. Wenn dann die Ergebnisse sorgfältig dokumentiert sind, kann man sich in einem zweiten Schritt die Zusammenhänge anschauen – indem man die Karteikarten z.B. einfach mal auf dem Boden auslegt und versucht, die dahinter stehende Geschichte zu «begreifen». Wenn man weiß, dass der Urgroßvater 1882 geboren ist, sollte man sich konkret überlegen, wie er gelebt hat. Was haben meine Vorfahren gegessen, wie haben sie kommuniziert, gewohnt etc.?
Der zweite wichtige Tipp lautet: immer kritisch sein, sowohl in der Fragestellung als auch bei den Antworten. Man findet nur das, wonach man auch gesucht hat. Viele verrennen sich in ihrer Suche, weil ihre Fragen immer in dieselbe Richtung gehen, und sie sich aus den Antworten das herauspicken, was ihnen passt. Die familiäre Spurensuche ist eine Gratwanderung: offen sein für die Informationen, die man bekommt, ohne seine ursprüngliche Motivation aus den Augen zu verlieren. Als Spurensucher weiß ich zu Beginn einer Suche nie, was ich finden werde und das ist auch gut so. Aber ich finde immer etwas.
Das Interview führte Nicola Hellmann






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