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Schön anzuschauende, aber oberflächliche Verfilmung des Colette-Romans, mit großen Schauspielern, die in schönen Kostümen amüsante Dialoge sprechen.

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28/11/01

Absolut Warhola

Kinostart 28.11.2001

ABSOLUT WARHOLA

Ein Film von Stanislaw Mucha
Deutschland 2001

Irgendwo im Nirgendwo, im ,,ruthenischen Bermuda-Dreieck‘‘ zwischen Slowakei,
Polen und der Ukraine, steht das einzige Pop-Art-Museum Europas.
Stanislaw Muchas dokumentarische Komödie spürt in Medzilaborce und im Nachbardorf Miková den Wurzeln der amerikanischen Pop-Ikone Andy Warhol nach, dessen Sippe schon immer hier lebte und immer hier leben wird.

Die Tanten, Vettern und Kusinen haben Zeit im Übermaß, sie haben Schnaps und haben einander, sie haben keine Arbeit – aber sie haben jeder eine eigene vage Ahnung von Warhol: Sein Name wurde für sie zum Mythos, zur Vision, zum greifbaren Grad der Verwandtschaft mit der unbegreiflich fernen, großen, unverstandenen Welt ...

Stanislaw Muchas dokumentarische Komödie entwickelt schon bald eine unaufhaltsame und kuriose Eigendynamik: Er richtet seinen Blick von der Popart und Andy Warhol auf die Menschen und ihre Kunst, das Leben trotz Armut und Aussichtslosigkeit mit gesundem Phlegma und heiterer Gelassenheit zu meistern.

Hintergrundinformationen

1990. Die Demokratie hatte gesiegt, aber in Polen gab es noch immer kein gutes Bier.
Wie eh und je wurde Qualität nur für den Export hergestellt. Um also ein gutes Bier zu
organisieren, ging man ins nahegelegene Ruthenland, die Ostslowakei. Allerdings war
die Wanderung über die ’grüne Grenze’ mit einem kleinen Risiko verbunden - die polnischslowakische Grenze war damals noch streng bewacht.

Deshalb fanden die Expeditionen nur in der Dämmerung statt: morgens hin, abends zurück.
Damit die 'Bierholer' von den Grenzpatrouille, genauer, von deren Hunden nicht erwischt wurden, packten sie zwei Katzen in den Rücksack. Waren die Grenzer in der Nähe, ließman die erste Katze los. Sie beschäftigte die aufgeregten Hunde und jene wiederum die Polizisten.
Die zweite Katze blieb für den Rückweg.
In gleicher Mission begab auch ich mich eines Morgens außer Landes. In einer
ostslowakischen Bergwirtschaft belud ich meinen großen Rucksack mit Bierflaschen.
Aber wo war meine Katze für den Rückweg? Sollte sie wirklich entwischt sein?
Sie hatte ein weißes Fell, graugrüne Augen, war schön und stolz.
Vielleicht hatte sie deshalb kein Interesse am profanen Job einer Schmugglerkomplizin und ist ins unendliche Weiß der Schneeberge entschwunden.
Leider konnte ich ohne sie nicht zurück. Der Wirt riet mir in die nächste Ortschaft zu gehen und dort nach Ersatz zu fragen. So kam ich zum ersten Mal nach Miková.
Aber in Miková interessierte sich niemand für Katzen. Hier drehte sich alles um einen
gewissen Andrijku, den 'größten Sohn' des Dorfes, nein, der Region, des Landes, der
gesamten östlichen Hemisphäre ...

Ich hatte einiges über diesen Warhola gehört, wusste, dass er ein amerikanischer Popart-Künstler war und eigentlich Andy Warhol hieß. Ehrlich gesagt dachte ich immer, dass er polnischer Herkunft sei. Leider habe ich diese irrige Auffassung wohl auch geäußert.
Deshalb war niemand bereit, mir einen vierbeinigen Begleiter zu überlassen.
Weil nicht jeder Mensch als Held geboren wird und mir die Vorstellung, den Grenzern
schutzlos ausgeliefert zu sein, höchst mulmig war, beschloss ich, meine zahlreichen Biere gleich vor Ort zu eliminieren. So erfuhr ich, dass Andy Warhol "durch-und-durch Slowake"war und alles, was er je gemacht hat, schon allein deswegen großartig gewesen sein musste, weil die Wurzeln seiner Familie in den Karpaten liegen.
Hier lebten seine Verwandten, die stolzesten Menschen unter Gottes Sonne; zumindest seit sie aus dem Fernsehen erfahren hatten, dass Andy nicht Anstreicher in New York war, wie sie immer glaubten, sondern ein Künstler von Weltrang.
Schließlich konnten wir nach zahlreichen Bieren sogar in der Nationalitätenfrage einen Kompromiss erzielen: Andy Warhol war ein Ruthene, was in der Praxis halb Slowake und halb Pole bedeutet.

Zehn Jahre später bin ich wieder in der Gegend und recherchiere für einen Film.
Ich denke an die weiße Katze mit den graugrünen Augen ...

Stanislaw Mucha

Kommentar

Dieser Dokumentarfilm ist absolut anders als alles, was man bisher über Andy Warhol erfahren hat. Aus dem hintersten Winkel der Ostslowakei stammen seine Verwandten. Wie bei einem Road-Movie nimmt der polnische Filmemacher Stanislaw Mucha den Zuschauer mit auf die Reise. Es ist nicht einfach, in dem slowakisch-polnisch-ukrainischem Grenzgebiet den kleinen Ort Miková zu finden, aus dem Andy Warhol stammt. Andrijku Warhola nennen sie ihn dort. Warholas gibt es außer ihm vor Ort noch eine ganze Menge. Tanten, Vettern und Cousinen. Besucht hat er sie dort nie, der Künstler aus Amerika.

Ganz lange wußten seine sozialistischen Verwandten nur, daß er Maler ist. Aber nicht, ob er Wände anstreicht oder Kunst macht, denn Warhol und Pop-Art waren verboten. Erst nach seinem Tod 1987 haben die Warholas aus dem Fernsehen erfahren, daß ihr Andrijku weltberühmt ist.

Viel persönliches können sie deshalb gar nicht über ihn erzählen. Eigentlich nur das, was sie von anderen über ihn gehört haben. Erfahrungen aus erster Hand gibt es nicht. Aber das macht nichts, denn der Film porträtiert nicht Andy Warhol, sondern seine Wurzeln. Daß Filmemacher Stanislaw Mucha dabei manchmal von seinem Thema abschweift, ist ausgesprochen gut. Er läßt dann etwa Roma zu Wort kommen, denen es verboten ist, das einzige europäische Popartmuseum in Medzilaborce - dem Nachbarort des Warholortes Miková - zu besuchen. Der Museumsdirektor, Dr. Michal Bycko widerspricht den Aussagen der Roma: ‚Wenn sie sich waschen und zivilisiert kleiden, dann dürfen sie schon hinein.‘ Dr. Bycko hat eigentlich auch ganz andere Probleme. In der Vorhalle seines Museums stehen mehrere bunte Plastikeimer. ‚Das ist keine Installation, wir haben nur kein Geld, das Dach reparieren zu lassen‘ klagt er, und bittet dann um eine Spende an folgende Adresse: Andy Warhol Museum, Bank Humenne in Medzilaborce, Kontonummer, 16530-532/0200.

Der Museumsdirektor ist sehr stolz, daß er Andys Taufkleid, seine Brille und ein von Andy persönlich getragenes Jackett präsentieren kann. Er hat auch einige sehr schöne Drucke Warhols, die er thematisch für die Bevölkerung ordnet. Das Bild mit der Absolut Wodka Flasche ist der Renner. Das Kuhporträt und Lenin sind auch sehr beliebt. Dr. Bycko hat es nicht leicht, sein Museum mit Besuchern zu füllen. Die Bewohner des Grenzgebietes sind fast alle arbeitslos, und Touristen kommen kaum. ‚Die Menschen saufen lieber Absolut Wodka statt das Bild mit der Flasche zu bewundern und Katharsis zu erleben‘, seufzt er.

Die Bevölkerung ist eben praktisch eingestellt. Helena Boschnivichova (55) eine Cousine von Andy Warhol hat regelmäßig von Warhol persönlich bemalte Stöckelschuhpäckchen aus Amerika bekommen. Alles Einzelstücke, handbemalt. Und was hat sie damit getan? Sie hat sie getragen, bis sie kaputt waren, dann hat sie sie weggeworfen. Weil es Einzelstücke waren, hat sie eben verschiedene Modelle und Farben miteinander kombiniert. ‚Am liebsten habe ich Rot-Grün getragen. Oh Gott, Gott... Ich meine, heute kann ich es nicht fassen. Wir wären Millionäre, wenn wir einen davon hätten.‘ sagt sie. Darauf stößt sie mit einem Absolut Wodka an. ‚Was weg ist, ist weg.‘, fügt sie lakonisch hinzu.

Um Menschen wie Helena geht es in diesem wunderbaren Dokumentarfilm. Um Menschen, die die Dinge in ihrer ihnen ganz eigenen Weise begreifen. Weiter weg von Warhols Pop-Art könnten sie nicht sein. Und doch haben sie einen derart eigensinnigen Ansatz, der sie der Popart schon wieder fast nahebringt. Oder auch dem finnischen Wesen, das ähnlich lakonisch funktioniert. Würde Kaurismäki Dokumentarfilme machen, würden sie so aussehen.

Hier wird pausenlos auf alles angestoßen. Auf Andy Warhol, auf das Leben, auf Miková. Diese Menschen haben wenig, sind fast alle arbeitslos. Und doch verströmt dieser Film über diese einfachen, eigensinnigen Menschen eine solche Wärme und Lebenslust, wie es meist eben doch nur ein Dokumentarfilme vermögen.

Auf jeden Fall muß an dieser Stelle noch erwähnt werden, wie der Regisseur sein Thema gefunden hat, auch wenn dies ein wenig abschweift (ich passe mich da dem Film an).

Stanislaw Mucha erzählt: ‚1990. Die Demokratie hatte gesiegt, aber in Polen gab es noch immer kein gutes Bier. (..) Um also gutes Bier zu organisieren, ging man ins nahegelegene Ruthenenland, die Ostslowakei. Allerdings war die Wanderung über die ‚grüne‘ Grenze mit einem kleinen Risiko verbunden - die polnisch-slowakische Grenze war damals noch schwer bewacht. (..) Damit die ‚Bierholer‘ nicht von der Grenzpatrouille, genauer von deren Hunden nicht erwischt wurden, packten sie zwei Katzen in ihren Rucksack. Waren die Grenzer in der Nähe, ließ man die erste Katze los. Sie beschäftigte die aufgeregten Hunde und jene wiederum die Polizisten. Die zweite Katze blieb für den Rückweg. In gleicher Mission begab auch ich mich eines Morgens außer Landes. In einer ostslowakischen Bergwirtschaft belud ich meinen großen Rucksack mit Bierflaschen. Aber wo war meine Katze für den Rückweg? Sie war mir entwischt. (...) Der Wirt riet mir, in die nächste Ortschaft zu gehen, und dort nach Ersatz zu fragen. So kam ich zum ersten Mal nach Miková. Aber in Miková interessierte sich niemand für Katzen. Hier drehte sich alles um einen gewissen Andrijku, den ‚größten Sohn des Dorfes‘, nein, der Region, des Landes, der gesamten östlichen Hemisphäre...(...) Weil nicht jeder Mensch als Held geboren wird, und mir die Vorstellung, den Grenzern schutzlos ausgeliefert zu sein, höchst mulmig war, beschloss ich, meine zahlreichen Biere gleich vor Ort zu eliminieren. So erfuhr ich, daß Andy Warhol ‚durch-und-durch Slowake‘ war, und alles, was er je gemacht hat, schon allein deswegen so großartig gewesen sein mußte, weil die Wurzeln seiner Familie in den Karpaten liegen.‘

Zehn Jahre später fuhr Stanislaw Mucha erneut zum zweiten Mal nach Miková. Diesmal mit Team, und diesmal mit dem Anliegen einen Film über die Verwandten von Andy Warhol aka Andrijku Warhola zu drehen. Und dieser Film ist ihm verdammt gut gelungen. Na zdranie!

Nana A.T.Rebhan

Erstellt: 20-04-04
Letzte Änderung: 28-11-01