Drei Gesten. Drei historische Gesten zwischen französischen und deutschen Staats- und Regierungschefs wollen wir nun sehr genau betrachten.Paris , 22. Januar 1963.
General De Gaulle und Konrad Adenauer sind dabei, den deutsch-französischen Vertrag zu unterzeichnen, den sogenannten Elyséevertrag, der die deutsch-französische Aussöhnung einleitete. Man muss sich vorstellen, was die Präsenz des Bundeskanzlers und der Abschluss eines solchen Vertrages mit Deutschland damals in Frankreich, 1963, bedeutete. Nach der Unterzeichnung erhebt sich de Gaulle für eine kurze und kraftvolle Ansprache: (…Es gib wohl keinen Menschen auf der ganzen Welt , der nicht die aussergewöhnliche Bedeutung dieses Aktes ermessen würde…) Bescheiden begnügt sich Konrad Adenauer damit, zu erklären, er habe dem nichts hinzuzufügen. ( … dass ich nichts hinzuzufügen brauche) Die Archivbilder zeigen, dass sich Adenauer anschickt, sich wieder hinzusetzen. Schnitt auf den Kronleuchter. De Gaulle steht auf und wendet sich dabei Adenauer zu, der sich – offensichtlich überrascht – langsam De Gaulle zuwendet... Aber De Gaulle hat bereits die Arme weit ausgebreitet und geht auf Adenauer zu. Steif und die Arme am Körper, scheint dieser noch immer nicht zu begreifen, was vor sich geht.
Sehen Sie jetzt diesen Mann, links, wahrscheinlich der deutsche Protokollchef, der sich diskret von hinten dem Kanzler genähert hat und ihn sanft zu De Gaulle schiebt? Schauen wir uns seine Bewegung noch einmal an: Im vorigen Bild sieht man diesen Mann entschlossen vorangehen. Dann sieht man wie er Adenauer sanft schiebt, bevor er schnell aus dem Bild verschwindet. Erstaunliche Geistesgegenwart. Währenddessen geht De Gaulle noch ein paar Schritte weiter voran, beugt seinen Oberkörper nach vorn, zieht Adenauer zu sich hin, der endlich die Arme erhebt und sich – etwas unbeholfen – umarmen lässt. Nach der ersten Überraschung hat sich der Kanzler jetzt gefangen und ergreift die Arme des Generals. Aber De Gaulle weicht schon zurück, während Adenauers rechte Hand vergeblich versucht, den Moment zu verlängern. Die beiden Männer scheinen etwas verlegen zu sein, sie wenden sich ab, ihre Blicke gehen in entgegengesetzte Richtungen.
Verdun , 24 . September 1984
70 Jahre nach Beginn des Ersten Weltkriegs nehmen François Mitterrand und Helmut Kohl in Verdun an einer grossen Zeremonie teil, zur Erinnerung an die Opfer der Kriege zwischen Frankreich und Deutschland. Nach der Würdigung der 300 000 Toten, deren sterbliche Überreste im Gebeinhaus von Douaumont ruhen, stellen sich der Präsident und der Kanzler vor dem Katafalk auf, der mit einer deutschen und einer französischen Fahne bedeckt ist. Zuerst ertönt die deutsche Hymne. Als sie zuende ist, sucht Kohl Mitterrands Blick, er wendet sich Mitterrand entschieden zu, der ihn seinerseits anschaut; man kann an seinen Lippen erkennen, dass er ein paar Worte an Kohl richtet. Als sich seine Hand leicht vom Mantel abhebt, reagiert Kohl sofort: ihre Hände begegnen sich. Unmittelbar danach wendet Mitterrand wieder den Kopf und blickt mit ernster und feierlicher Miene geradeaus, während Kohl ihn noch einige Zeit anschaut. Kohl versucht nicht, seine tiefe Bewegung zu verbergen, eine fast kindliche Freude verklärt sein Gesicht. Mitterrand bleibt gefasst. War diese Geste im Voraus geplant? Die Initiative ging wohl von Mitterrand aus, aber dieser Händedruck scheint doch Ausdruck echten Einverständisses zu sein.
Caen , 6. Juni 2004
6o. Jahrestag der Landung der Alliierten in der Normandie. Zum ersten Mal ist ein deutscher Kanzler eingeladen. (Chirac: die Franzosen empfangen Sie mehr denn je als Freund, sie empfangen Sie wie einen Bruder.) Schröder hebt an, doch Chirac geht mit offenen Armen auf ihn zu. Umarmung. Ein erstaunliches Bild: Schröders Kopf auf der Schulter des grossen Chirac ruhend, der ihm – es scheint, fast tröstend - auf den Rücken klopft. Diese Umarmung erinnert an die von De Gaulle und Adenauer 41 Jahre zuvor, aber durch ihren informellen Charakter zeigt sie die Entwicklung der deutsch-französischen Beziehungen. Jetzt spricht Schröder. (…) Am Ende seiner Rede wendet er sich Chirac zu, der wieder mit ausgebreiteten Armen auf ihn zugeht. Da man sich bereits umarmt hat, streckt Schröder die Hand zu einem symbolischen Händedruck aus, aber die Hand geht in’s Leere, denn Chirac will Schröder unbedingt noch einmal umarmen. Am Ende der Umarmung legt Chirac den Arm um Schröder. Die beiden Männer richten ihren Blick gemeinsam mit einem breiten Lächeln ins Publikum und in die Kameras.
Drei Epochen, drei Paare, drei Gesten, die sich ergänzen und das Voranschreiten der deutsch-französischen Beziehungen symbolisieren. Drei Gesten, die die zukünftigen Staatsoberhäupter der beiden Länder werden bedenken müssen.









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