DVD.News - 28/01/06
Alles über meine Mutter
Ein Film von Pedro Almodóvar
SZ-Edition N° 11
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Darsteller: Cecilia Roth, Marisa Paredes, Penélope Cruz, Candela Peña u.a.
Spanien/Frankreich, 1999, 97’
Synopsis: Die allein erziehende Krankenschwester Manuela (Cecilia Roth) muss erleben, wie ihren 17-jähriger Sohn wegen eines von einer Schauspielerin erbetenen Autogramms von einem Auto überfahren wird. Sie geht zurück nach Barcelona, wo sie den Vater des Jungen zu finden hofft. Der aber ist jetzt eine ‚Sie’, genauer gesagt ein Transvestit. Zunächst trifft Manuela auf Agrado, den Gefährten von Ex-Mann Lola und ebenfalls Transvestit, dann auf die Nonne ROSA, die durch Zufall persönliche Assistentin bei genau jener Schauspielerin wird, wegen der ihr Sohn überfahren wurde. Durch die neuen, intensiven Begegnungen rückt Manuelas eigene Trauer zunehmend in den Hintergrund.
Der Film: Eine ideale Mutter-Sohn-Beziehung steht im Zentrum von Almodóvars Melodram – nicht zu anhänglich oder von Abhängigkeiten geprägt, sondern von großzügiger, aufmerksamer Herzenswärme. Dass der gerade 17-jährige Esteban trotzdem seine Mutter verlassen will, um eine Schriftstellerkarriere zu wagen und eine berühmte Bühnenschauspielerin damit zu tun hat, gibt dem Film seinen tragischen Impuls: Ein Blick noch zwischen dem flammenden Esteban und der Schauspielerin HUMA, dann ist der Junge tot, dann entsteht im geordneten Leben der Krankenschwester Manuela eine große traurige Leere. Den Anfang hat sich Almodóvar bei Cassavettes abgeschaut. Da aber ist es die Schauspielerin, gespielt von Gena Rowlands, die durch den Unfalltod eines jungen Fans aus der Spur gerät. Und beide Regisseure lassen aus dieser existentiellen Trostlosigkeit völlig unterschiedliche Geschichten entstehen, wenn auch ihre Protagonistinnen sich ähnlich unantastbar würdevoll durch die eigene Misere kämpfen und am Ende als unzerstörte Lebenskünstler dastehen.
Diese in ihr Herz gerissene Leere also zwingt Almodóvars Protagonistin dazu, das Terrain zu wechseln, in ihre Vergangenheit zurückzukehren, mit der sich längst abgeschlossen zu haben meinte. Alles noch einmal von vorne also: Wie bin ich der geworden, der ich bin? Wo komme ich her? Habe ich etwas falsch gemacht in meinem Leben? Sie gibt sich Mühe, zu verstehen, dem Tod ihres Sohnes nachträglich einen Sinn zu geben. Doch diese Rosa ist dabei alles andere als eine leidende Madonna und nervige Samariterin. Geheimnisvoll funkelnde Augen, kein Selbstmitleid, Pragmatismus, das sind ihre Waffen. Und da sie ihre Mission mit offenen Visier angeht, entdecken auch wir, die Zuschauer, hinter den schrillsten Maskeraden die edelsten Gefühle.
Ein fröstelndes Barcelona im Winter gibt den atmosphärischen Hintergrund für dieses Requiem, das sich von seiner anfänglichen Schwermut immer weiter emporschwingt zu einer Feier des Lebens. Wieder einmal sind es bei Almodóvar die Transvestiten und ihr hinter dicker Schminke ungeschönt-sarkastischer Blick auf die besonders ihnen so heimtückisch zusetzende Welt, die eine Schlüsselrolle spielen. Dabei verzichtet er auf alles Süsslich-Sentimentale, auf überzogene Emotionen oder Symbolkitsch. Einsamkeit, Trauer, Verzweiflung, Liebe und Freundschaft, sie werden durch diese gesellschaftlichen Außenseiter nicht exzentristisch ausgestellt, sondern dem Zuschauer durch sie, gepaart mit Almodóvars stilistische mit besonderer Intensität nahegebracht. Die Welt, die Manuela ebenso wie das Publikum freiwillig nie betreffen hätte, kann sehr gemein, voller Schienbeintritte sein, aber sie ist auch voll des absurden Witzes und reich an unverstellter Menschlichkeit.
Martin Rosefeldt
Erstellt: 28-01-06
Letzte Änderung: 28-01-06