Interview mit Pierre-André Boutang, Produzent, über seine Arbeit an dem Dokumentarfilm
Ohne die Mitarbeit der Pekinger Behörden wäre Mao, eine chinesische Geschichte nicht zustande gekommen. Aber die Arbeit war nicht immer einfach, wie der Produzent des Films, Pierre-André Boutang, erzählt.
- Die Produktion von Mao, eine chinesische Geschichte beanspruchte vier Jahre. Wie sind Sie an diese langwierige Arbeit herangegangen?
Der Regisseur Adrian Maben, mit dem ich schon viel gearbeitet hatte, sagte mir, dass er den Mao-Biografen Philip Short kenne und dass die chinesischen Behörden vielleicht grünes Licht für eine Reihe über Maos Revolution geben würden. Unser Dokumentarfilm sollte sich nicht auf Dissidenten außerhalb Chinas stützen, wie es so oft geschieht, sondern auf Zeitzeugen aus dem inneren Kreis, die bereit wären, sich zum ersten Mal vor der Kamera zu äußern. Dann traf ich mich mit Philip Short. Er reist seit fast dreißig Jahren kreuz und quer durch China und hat dort wertvolle Verbindungen aufgebaut.
Nach der Zustimmung von ARTE überlegten wir, welches Material wir verwenden könnten. In Peking besuchten wir das „Institut für das Zeitgenössische China“, eine höchst offizielle Institution, die dem Zentralkomitee der Kommunistischen Partei Chinas untersteht. Wir einigten uns auf eine klare Aufgabenverteilung: Die Mitarbeiter sollten uns beim Finden von Archivaufnahmen und bei der Kontaktaufnahme mit bestimmten Personen behilflich sein, und im Gegenzug verpflichteten wir uns, der „historischen Wahrheit“ treu zu sein. Aus mir unbekannten Gründen gab es Schwierigkeiten, und letztlich mussten wir mit einer von der Regierung abhängigen Produktionsgesellschaft arbeiten. Zu unserer großen Überraschung gewährte diese uns einen sehr viel größeren Handlungsspielraum, als wir erwartet hätten. Wir durften nicht nur nahe Verwandte Maos sowie seiner damaligen Kollegen (z. B. von Zhou Enlai und Liu Shaoqi) interviewen, sondern auch Menschen, deren Ansichten über die chinesische Zeitgeschichte überhaupt nicht auf der offiziellen Linie liegen.
- Wurde Zensur ausgeübt, sollten bestimmte Aspekte der Geschichte verschleiert werden?
Es gab keine Zensur im eigentlichen Sinne, was ich ganz erstaunlich finde. Doch aus den Filmen, die wir zuvor in Peking gesichtet hatten, waren einige Einstellungen herausgeschnitten, als wir das Material dann in Paris anschauten. Aus einem einfachen Grunde: Die chinesischen Dokumentalisten wollten es nicht riskieren, uns Sequenzen zu liefern, deren Verbreitung in China verboten ist. Das große Tabu betrifft derzeit die Kulturrevolution, sie wird völlig aus der Geschichte ausgeklammert. Dieses Jahr, also vierzig Jahre nach dem Großereignis, wurde der chinesischen Presse einfach verboten, darüber zu schreiben.
- Dennoch haben Sie unveröffentlichtes Archivmaterial über diese Zeit gefunden.
Die stärksten Aufnahmen entstammen einer den Pekinger Behörden ziemlich nahestehenden Quelle außerhalb Chinas, die seit Jahrzehnten Filmmaterial aufbewahrt. Sie vertraute es uns in der Hoffnung an, dass das Land heute reif genug sei, um sich mit seiner eigenen Geschichte auseinanderzusetzen. Und genau das bereitet uns Probleme. Sogar die höchsten Parteikader hatten solche Bilder nie zuvor auf Leinwand oder Bildschirm gesehen. Nach der Vorführung der Filme im Juli in Peking (der wir nicht beiwohnen konnten), sollen alle totenbleich gewesen sein, wie uns ein Teilnehmer erzählte. Gleichzeitig wissen die Chinesen ebenso gut wie wir, dass die Filme vollkommen der historischen Wahrheit entsprechen. Wir haben keine Doku-Fiktion gedreht: Die Szenen, in denen einer der berühmtesten Marschälle des Langen Marsches von Roten Garden in den Schmutz gezogen wird, ist weder erfunden noch nachgestellt!
- Wie haben Ihre chinesischen Partner auf Ihre Arbeit reagiert?
Ich muss sagen, sie versuchten nicht, die Realität zu leugnen, und das ehrt sie. Vor einiger Zeit wollten sie noch, dass wir nicht abgesicherte Stellen im Kommentar ändern, zum Beispiel, ob es bei der Hungersnot Ende der 50er Jahre 20 oder 38 Millionen Tote gab. Offenbar haben unsere Partner später auf derartige Bemühungen verzichtet. Natürlich wäre es ihnen lieber gewesen, wenn wir bestimmte Bilder nicht ausstrahlen. Das kommt für uns selbstverständlich nicht in Frage. Unser Dokumentarfilm wird sicherlich Epoche machen. Es wird ein ungeheurer Fortschritt sein, wenn China einen objektiven Blick auf seine Vergangenheit zulässt. Ich glaube, wir geben eine ausgewogene und unvoreingenommene Darstellung von 100 Jahren chinesischer Geschichte, deren Interpretation sogar im Westen nach wie vor äußerst umstritten ist.
Das Interview führte Emmanuel Chicon für ARTE Magazine