Das dürfte damit zusammen hängen, dass nach einer langen Phase der Tabuisierung die Sexualität von Menschen im mittleren und höheren Lebensalter erst in jüngster Zeit ein gesellschaftliches Thema und damit auch Gegenstand der Forschung geworden ist. Fragestellungen wie die Veränderung sexueller Normen und Verhaltensweisen wurden zumeist an jüngeren Bevölkerungs-gruppen untersucht. Zum anderen dominieren klinische Fragestellungen (z.B. Lustlosigkeit, Sexualstörungen, sexuelle Gewalt) die sexualwissenschaftliche Forschung.Im Rahmen der Interdisziplinären Koordinations- und Forschungsstelle für Sexualwissenschaften der Universität Zürich haben Sie vor ein paar Jahren eine Studie zum Thema „sexuelles Erleben und Verhalten in der zweiten Lebenshälfte“ durchgeführt. Inwiefern ist es wichtig diese Problematik interdisziplinarisch anzugehen?
Die menschliche Sexualität liegt im Schnittpunkt verschiedener Disziplinen. Für ein umfassendes Verständnis sind beispielsweise die biologischen Grundlagen der Sexualität, aber auch Persönlichkeitsfaktoren, beziehungs- bzw. partner-schaftsbezogene Faktoren sowie gesellschaftliche Normen und Werte zu berücksichtigen.
Nach welchen Kriterien wurden die Teilnehmer der Studie ausgesucht?
Ziel der interdisziplinären Studie war es, sexuelles Interesse, sexuelle Aktivität und sexuelle Zufriedenheit bei Menschen in der zweiten Lebenshälfte zu untersuchen. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer an der Studie waren 641 Männer und 857 Frauen aus der deutschsprachigen Schweiz zwischen 45 und 91 Jahren. Sie wurden in einem aufwändigen, mehrstufigen Verfahren ausgewählt, das nach dem Zufallsprinzip erfolgte und die Anonymität der schriftlich gemachten Angaben gewährleistete.
Zu welchen neuen Erkenntnissen sind Sie dank dieser Studie gekommen?
Ein großer Teil der Ergebnisse bestätigt bereits vorliegende Erkenntnisse. Eher überraschend war, dass der für die Alterssexualität proklamierte Trend „Von der Genitalität zur Zärtlichkeit“ nicht bestätigt werden konnte. Alle Varianten sexueller Verhaltensweisen wiesen mit zunehmendem Alter sinkende Tendenzen auf. Der bereits in der mittleren Lebensphase stark ausgeprägte Wunsch nach Zärtlichkeit bleibt bis ins hohe Lebensalter bestehen. Er tritt also nicht an die Stelle von genitaler Sexualität, sondern war bereis in früheren Jahren hoch und bleibt es bis ins hohe Alter. Und trotz Abnahme von sexuellem Interesse und Aktivität, insbesondere im hohen Alter, bleibt über sämtliche Altersgruppen hinweg die sexuelle Zufriedenheit konstant.
Inwiefern ändert sich die Sexualität im Alter?
Die sexuelle Aktivität nimmt mit zunehmendem Alter ab, vor allem nach dem fünften Lebensjahrzehnt. Allerdings erlischt das Interesse an Zärtlichkeit und Sexualität nur bei wenigen völlig. Das Bild des asexuellen alten Menschen wird in unseren Befragungsergebnissen nicht bestätigt.
Der Rückgang der sexuellen Aktivität ist bei Frauen ausgeprägter als bei Männern. Als wichtigste Determinante hierfür erwies sich der Partnerstatus: Menschen, die einen festen Partner haben, sind auch sexuell aktiver. Dieser Zusammenhang erklärt auch den bei Frauen stärkeren Rückgang der sexuellen Aktivitäten: Verantwortlich hierfür ist die frühere Sterblichkeit von Männern und der dadurch bedingte Mangel an sexuellen Partnern im hohen Lebensalter. Sicherlich spielt auch die unterschiedlich ausgeprägte gesellschaftliche Akzeptanz und Toleranz gegenüber einem sexuell aktiven alten Mann und einer sexuell aktiven alten Frau eine Rolle.
Wie stark das sexuelle Interesse in der zweiten Lebenshälfte ist, hängt wesentlich von der Bedeutung ab, welche die Sexualität in jüngeren Jahren hatte. Spielte die Sexualität in jungen Jahren eine wichtige Rolle, ist das sexuelle Interesse auch in der zweiten Lebenshälfte größer als bei Menschen, die ihr in jungen Jahren nur eine geringe Bedeutung zugemessen haben. Hier zeigt sich die biografische Prägung der Sexualität, in der sich die persönliche Bedürfnis- und Beziehungsgeschichte sowie das Erleben der eigenen Geschlechtlichkeit als Mann oder als Frau manifestieren.
Welche physiologischen Veränderungen beeinflussen die Alterssexualität bei Männern und Frauen?
In der zweiten Lebenshälfte treten beim Mann vermehrt Beschwerden im Zusammenhang mit der erektilen Dysfunktion auf. Das zeigen auch die Ergebnisse unserer Studie. Sexuelle Funktionsstörungen beeinträchtigen Männer vermutlich mehr als Frauen, denn sie sind beim Mann offensichtlicher feststellbar, was zu einer Verunsicherung im sexuellen Bereich führen kann. Im Extremfall kann es dazu führen, dass er seine sexuelle Aktivität aus Versagens-ängsten einstellt trotz fortbestehenden sexuellen Interesses.
Die Veränderungen bei der Frau werden in hohem Maße durch den Abfall des Serumöstrogenspiegels in den Wechseljahren bestimmt. Die niedrigeren Östrogenspiegel führen zu einer Atrophie der Eierstöcke, der Gebärmutter und der Scheide, welche sich zurückbilden und an Elastizität verlieren. Dadurch wird die Scheidenschleimhaut trocken, weshalb ältere Frauen den Geschlechts-verkehr nicht selten als schmerzhaft erleben.
Das sexuelle Erleben und Verhalten nach den Wechseljahren wird nicht zuletzt auch durch gesellschaftliche Vorstellungen darüber geprägt, ob das Ende der Reproduktionsfähigkeit der Frau auch das Ende ihrer Sexualität bedeutet. Wenn beispielsweise der Austritt aus der reproduktiven Phase bei der Frau an eine Statuserhöhung und neue Freiheiten geknüpft ist, wie dies in vielen islamischen und afrikanischen Gesellschaften Brauch ist, werden die Wechseljahre mit weniger physiologischen und psychologischen Symptomen erlebt.
Seit einiger Zeit stehen für den Mann medikamentöse Behandlungsmaßnahmen der erektilen Dysfunktion zur Verfügung. Dieser Zugang wird allerdings kontro-vers, insbesondere unter dem Aspekt einer Medikalisierung der Sexualität diskutiert. Es ist auf jeden Fall zu beachten, dass emotionale und psycholo-gische Aspekte wie z.B. sexuelles Verlangen wichtige Voraussetzungen für eine wirksame Therapie von Potenzstörungen sind.
Welche Vorteile bietet der Sex im Alter?
Wird von einer Frau Sexualität eng an die Reproduktionsfähigkeit geknüpft, kann der Verlust der Fähigkeit, schwanger zu werden und Kinder zu gebären, zu einer Verunsicherung im sexuellen Bereich führen. Die Menopause kann aber auch als sexuelle Befreiung erlebt werden, wenn die Angst vor unerwünschter Schwan-gerschaft wegfällt. Sexualität und Zärtlichkeiten können bis ins hohe Alter helfen, Bedürfnisse nach Nähe, Vertrautheit und Intimität zu verwirklichen. Daneben kann Sexualität eine wichtige Ressource sein, um physisches und psychisches Wohlbefinden bis ins hohe Alter aufrecht zu erhalten.
Die Fragen stellten Elisabeth Stirnemann und Tatjana Marwinski.
ARTE 2006






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