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DVD-News - 11/08/08

Am Tag als Bobby Ewing starb

Ein Film von Lars Jessen & Ingo Haeb


Amerikanische Popkultur und westdeutsche
Politideologie in fruchtbarer Wechselwirkung

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  • Synopsis

BRD, 1986: Nach dem betrügerischen Bankrott seines Vaters und der darauf folgenden Trennung seiner Eltern zieht der 17-jährige Niels (Franz Dinda) mit Mutter Hanne (Gabriela Maria Schmeide) in eine Land-WG unweit der Baustelle des Atomkraftwerks Brokdorf. Eben dieses gilt es unter der Führung des langhaarigen, autoritären Hippies Peter (Peter Lohmeyer) gemäß dem Motto „Keine Gewalt, kein Fleisch, kein Dallas“ zu verhindern. Doch statt mit seinen neuen Mitbewohnern Urschreie zu üben und die Gemeinschaftsnacktbadestunde zu zelebrieren, schließt sich Franz lieber Dorfrocker Rakete und der rebellischen Bürgermeistertochter Martina an. Doch dann kommt der Tag, an dem im deutschen Fernsehen „Dallas“-Held Bobby Ewing starb…

  • Der Kommentar zum Film

Es sind schon wahrhaft überwältigende Sinneseindrücke, die der 17-jährige Niels bei Eintreffen in der Anti-Atom-Kommune verarbeiten muss – vier nackte, nicht gerade ansehnliche Erwachsene steigen freiwillig zum Baden in einen engen Waschtrog und diskutieren dazu Politisches. Später beim Frühstückstisch, zu Grünkernmedaillons und Getreidekaffee, wird weiter palavert und ausgewürfelt, wer heute mit Holzhacken, Geschirrspülen oder Schafscheren dran sei. So ähnlich hat auch der aus Kiel stammende Regisseur Lars Lessen seine Jugend in einer Landkommune in Dithmarschen erlebt. 20 Jahre später hat der Absolvent der Kunsthochschule für Medien in Köln seine Adoleszenzphase in einer Komödie verarbeitet, die einer ganzen Generation von Atomkraftgegnern und Grünenspontis humorvoll, manchmal gar ein wenig bissig den Spiegel ihres eigenen Wertesystems und darin zum Vorschein kommenden Spießigkeit und Doppelmoral vor die Nase hält.

Jessen und sein Drehbuchautor und Co-Regisseur Ingo Haeb profilieren sich dabei vor allem als genaue Beobachter und Chronisten einer Zeit, in der sich persönliche Defizite und Abgründe noch allzu leicht hinter der korrekten politischen Gesinnung verbergen ließen. So ist das mit dem Max-Ophüls-Preis ausgezeichnete Debut vor allem zu einem Wiedersehen mit verdrängten Sprachwendungen, Riten, Kult- und Hassobjekten der 80er geworden. Doch ihre Akteure, die verschiedenen Kommunenmitglieder, hätten mit ihren überzeichneten Charakterprofilen bereits 1986 bereits als klischiertes Zerrbild ihres eigenen Selbst gegolten. Sicher darf und soll eine Komödie die historische Wirklichkeit überzeichnen, doch wer allzu deutlich bestimmte Verhaltensklischees mit der jeweiligen Figur verbindet, riskiert auch, den Menschen dahinter aus den Augen zu verlieren. Auch die Inszenierung und die manchmal etwas klamaukigen Schauspielereinfälle gehen in diese Richtung. Andreas Höfers Schulterkamera fehlt oft der richtige Beobachtungsabstand zu den Figuren, die sprunghaften Schnitte wirken desorientiert. Trotz aller Mängel – Am Tag als Bobby Ewing starb demonstriert mit einfachsten Mitteln, dass man amerikanische Popkultur und westdeutsche Politideologie unverkrampft und manchmal auch sehr komisch in eine fruchtbare Wechselwirkung bringen kann.

Martin Rosefeldt


  • Das Bonsumaterial

Ganz klar der beste Bonustrack ist der Audiokommentar mit der Mutter des Regisseurs, Elke Müller-Stahl die Vorbild für die Rolle der „Hanna“ war und George Pauly, der Pate für die Rolle des „Peter“ stand. Im Audiokommentar erinnern sich die beiden gemeinsam mit dem Regisseur Lars Jessen an 1986, als sie damals mit dem roten R4 einzogen in der „Kommune“ in Dittmarschen. Lars war eigentlich erst 9, im Film ist er mitten in der Pubertät, das macht es für den Zuschauer interessanter. Die Mutter und ihr damaliger Geliebter George Pauly kommentieren eifrig, ob sie die Stimmung des Films und die Dekoration für gelungen halten. Lars ergänzt mit skurrilen Anekdoten von den Dreharbeiten und interessanten Überlegungen zur Geschichte. So wurde etwa von der Maskenbildnerin für Nina Petri - eine der „Kommunen“-Bewohnerinnen - extra für die erste Szene ein Achselhaartoupet angefertigt. Lars und seine Mutter werden nackt von Peter und seinen Mitbewohnerinnen empfangen – diese baden gerade in einer im Garten aufgestellten Wanne. George Pauly moniert, dass Peter Lohmeyer, der seine Figur spielt, die langen Haare immer offen trägt. Dies sei total unpraktisch. Er hätte immer lange Haare gehabt, diese jedoch nie offen getragen. Die Rolle, die Richy Müller übernommen hat, erinnert Elke Müller-Stahl an einen Dieter, der „Strümpfe strickte und eine ganz linke Socke war. Äußerlich war er sehr sanft, aber innerlich sehr aggressiv.“ Beeindruckend war auch die Anekdote des Gongs. Jeder der Bewohner durfte einen Gong schlagen, wenn er ein Problem hatte, das er gerne in der Gemeinschaft mit den anderen besprechen wollte. Häufig war der Gong zu hören. Diese Regelung war sehr zeitaufwendig für alle.

Ein weiteres Highlight der Bonustracks sind neben dem gelungenen Trailer die drei Promotion-Takes, in denen Rakete, King of Brokdorf tiefen Einblick in seine Lebensgewohnheiten gewährt. Einmal steht er am Imbissstand und ruft laut „Ich bin die Thüringer.“ Schlingt dann die leckere Wurst hinunter um sich gleichzeitig über Vegetarier aufzuregen, diese „Körnerfresser.“ „Kann mir keiner sagen, dass man davon satt wird. Seh ich aus wie ein Wellensittich? Beim Thema „Krötenwanderung“ lässt er sich über die Naturschützer auf, die Mund-zu-Mund-Beatmung für die armen, platt gefahrenen Kröten machen: „Ich mach auch Krötenwanderung,“ verkündet er lauthals am Biertresen stehend „meine Kröten lasse ich über die Theke in diese Kasse verschwinden. Da sind sie schön sicher.“

Fünf sehr sehenswerte, nicht im Film verwendete Szenen von einer Auseinadersetzung mit der Polizei bis zu einer romantischen Szene in Wollsocken sind ebenfalls bei den Bonustracks zu finden. Insgesamt sind die Extras dieser DVD extrem unterhaltsam ausgefallen.

Nana A. T. Rebhan


Am Tag als Bobby Ewing starb
Kein Fleisch. Keine Gewalt. Kein Dallas.
Mit: Peter Lohmeyer, Gabriela Maria Schmeide, Franz Dinda, Nina Petri, Richy Müller
Regie: Lars Jessen
Kinostart 02. Juni 2005
DVD Veröffentlichung: 16.01.2006

Technische Angaben
Genre: Komödie
FSK: ab 6
Seitenformat: 1,78:1
Laufzeit:ca. 91 Min.
Ländercode: 2
Audio (Deutsch):DD 5.0
Sprachen: Deutsch, deutsche Untertitel für Hörgeschädigte
Bildformat: 16:9 anamorph
ca. 91 Min.

Extras
- Deleted Scenes
- Audiokommentar mit :
Frau Mueller-Stahl ( Vorbild für die Rolle "Hanna")
George Pauly (Vorbild für die Rolle "Peter")
und dem Regisseur Lars Jessen
- "Rakete - King of Brokdorf"
- Trailer
- Rakete – King of Brokdorf

Erstellt: 24-01-06
Letzte Änderung: 11-08-08