Eine Alphabetisierungskampagne ohnegleichen
1988 brachte die Regierung die National Literacy Mission (NLM) auf den Weg; Ziel dieser Alphabetisierungskampagne war die funktionale Alphabetisierung aller 15- bis 35-Jährigen bis zum Jahr 2005. Die funktionale Alphabetisierung dient der Vermittlung „funktionaler Literalität“, d.h. der Fähigkeit zu eigenständigem Lesen, Schreiben und Rechnen. Das NLM-Programm kann nicht genügend gewürdigt werden, ist es ihm doch gelungen, die Alphabetisierung ins Zentrum der bildungspolitischen Debatten und Prioritäten zu rücken. Im Rahmen des Programms setzte man die Kampagnenmethode und die soziale Aktivierung und Motivation als treibende Kräfte ein, um auch den letzten Winkel des indischen Subkontinents zu erreichen und nach der eigentlichen Alphabetisierung weitere Lern- und weiterführende Bildungsphasen zu organisieren. Bis zum Jahr 2005 hatte das Programm 529 der insgesamt 588 Distrikte erfasst und verzeichnete 125 Millionen Lernende in weiterführenden Bildungsmaßnahmen sowie 12 Millionen Freiwillige. Durch das Programm konnten 98,15 Millionen Erwachsene alphabetisiert werden. 61% der Lernenden sind Frauen und 36% zählen zum Kreis der benachteiligten Gruppen und Kasten.
Wesentlich für den Erfolg des Programms waren die Übertragung der Zuständigkeiten an die örtlichen Behörden, die Betonung des „ständigen Lernens“, der Wille, mehr zu vermitteln als nur elementare Lese-, Schreib- und Rechenkenntnisse, eine Optimierung der Reichweite durch umfassende Einbindung der NRO und die Inanspruchnahme von IKT, Medien, Banken und Privatunternehmen, um Jugendliche und Erwachsene und auch Kinder außerhalb der Schule zu erreichen. Das Engagement der Freiwilligen und ein gebietsbezogener, zeitgebundener und kontextbezogener Ansatz, der die jeweiligen Sprachen vor Ort berücksichtigte, waren weitere Erfolgsfaktoren.
Grundbildung für alleIn den Neunziger Jahren und seit dem Jahr 2000 hat die Regierung das NLM-Programm durch eine nationale Kampagne zur Vermittlung einer Grundbildung für alle ergänzt. Die 1979 geschaffenen nicht-formalen Bildungsstrukturen haben wirksam dazu beigetragen, Schulabbrecher und andere Kinder zum Wiedereinstieg in das reguläre Bildungssystem zu bewegen. Förderkurse und Verknüpfungen mit der Regelschule eröffnen denjenigen eine „zweite Chance“, die den Schulbesuch vorzeitig abgebrochen haben. Auf institutioneller Ebene wurde das NLM-Programm durch ein Monitoring- und Evaluierungssystem, ein pädagogisches Fördernetzwerk und staatliche Informationszentren unterstützt; förderlich war auch das positive Echo in Presse und Fernsehen.
Ein wesentliches Ergebnis der NLM-Kampagne war die große Nachfrage, die bei den Eltern für Bildungsangebote für ihre Kinder und insbesondere für Mädchen deutlich wurde. Große Auswirkung hatte das Programm auch auf die Fertilität der Frauen, die ja eng mit dem Grad an mündiger Selbstbestimmung und insbesondere dem Bildungsstand der Frauen zusammenhängt. Außerdem trug das NLM-Programm dazu bei, in der Gesellschaft ganz allgemein das Bewusstsein für die Gründe von Ausgrenzung und Benachteilung durch Armut, Geschlechterdiskriminierung und Kastentrennung zu schärfen.
Es existieren zwei unterschiedliche Vorstellungen von Alphabetisierung. Die eine repräsentiert den Blickwinkel der Regierung und der für die Verwaltung der Programme Verantwortlichen. Die andere ergibt sich aus einem Ansatz, der Alphabetisierung nicht nur aus verwaltungstechnischer Perspektive, sondern aus Sicht unterschiedlicher sozialer Gruppen – Frauen, benachteiligte und besondere lokale ethnische Gruppen – betrachtet. Feldstudien haben gezeigt, dass im Zuge der Alphabetisierungskampagne vielfältige und sehr unterschiedliche Bedürfnisse zum Ausdruck kamen, der Staat aber nicht in der Lage war, diesen Bedürfnissen umfassender gerecht zu werden, da dies Maßnahmen erfordert hätte, die über eine Alphabetisierung im engeren Sinn hinausgegangen wären. Kritische Stimmen haben außerdem angemerkt, eine kurze und intensive Kampagne reiche nicht aus, um einen Analphabetismus auszumerzen, der in jahrhundertealter Ungleichheit, Armut und Diskriminierung wurzelt.
Angesichts dieser Tatsachen konzentriert man sich im Rahmen der Alphabetisierungsprogramme nun auf Einrichtungen, die weiterführende Bildungsmöglichkeiten bieten; diese Einrichtungen stellen den Versuch dar, die Alphabetisierung und die Bereitstellung von Leseräumen und Bibliotheksangeboten mit Angeboten zur Förderung der sozialen Gerechtigkeit zu kombinieren, die sich mit Fällen von Diskriminierung aufgrund von Kastenzugehörigkeit befassen und sich der Förderung von Einkommenssituation, Unternehmergeist und Lebensunterhalt ebenso widmen wie der Chancengleichheit von Mann und Frau und dem Kampf gegen Kinderarbeit, Alkoholmissbrauch und die entzweienden Effekte von Kasten- und Religionszugehörigkeit.
Und trotzdem lässt der Staat die Menschen zu sehr im StichWas derzeit den öffentlichen Diskurs in Indien prägt, ist die Forderung von Politikern und Wissenschaftlern, die wissenschaftliche und technologische Entwicklung in Indien voranzutreiben, damit das Land im globalen Wettbewerb bestehen kann. Indische Wissenschaftler und Politiker haben Projekte und Institutionen auf den Weg gebracht, die dazu dienen sollen, die Massen durch den Zugang zum Wissen und durch Bereitstellung computergestützter Wissenssysteme in indischen Dörfern an die mündige Selbstbestimmung heranzuführen.
Ironischerweise geht die Institutionalisierung der Alphabetisierung damit einher, dass die elementaren, für die Demokratie grundlegenden Institutionen – der Verwaltungsapparat, die Politik und das staatliche Schulwesen – die Menschen im Stich lassen. In den staatlichen Schulen beispielsweise erscheint jeder vierte Lehrer nicht zur Arbeit; der Staat sollte jedoch nicht aus der Verantwortung entlassen werden, für die verfassungsmäßig verbriefte Vermittlung von Grundbildung und Grundfertigkeiten zu sorgen.
Was verbessert werden muss..
Was in Indien einer radikalen Umgestaltung bedarf, ist die „Organisationskultur“. Die derzeitige Fixierung auf die statistische Evaluierung der Alphabetisierung, die geringe Toleranzschwelle bei Fehlern und Misserfolgen und die übermäßige Gewichtung schriftlich formulierter Gedankengänge müssen abgeschafft werden... Dies alles wird in Zukunft nichts mehr bringen; dies gilt umso mehr angesichts einer Situation, in der die Alphabetisierung eng mit Faktoren wie Armut, ungleicher Beteiligung an gesellschaftlich relevanten Entscheidungsprozessen und Ungleichheit beim Zugang zu den Ressourcen verbunden ist. Von Nöten wäre eine umfassendere Verflechtung von oraler und schriftlicher Kommunikation, denn nur unter dieser Voraussetzung kann sich ein echter Dialog zwischen unterschiedlichen Formen des Wissens entwickeln, der auch spezifisch lokales und traditionell verwurzeltes, einheimisches Wissen einbezieht. Wichtig ist, zu erkennen, dass die Analphabeten, die als unfähig wahrgenommen werden, für sich selbst zu sorgen, in Wahrheit das Rückgrat der Wirtschaft darstellen und mit ihren produktiven Fähigkeiten und Fertigkeiten die expandierende kapitalistische Wirtschaft tragen. Es geht also darum, vollkommen neu zu bestimmen, wer zur Gruppe der so genannten „Analphabeten“ und wer zur Gruppe der „Alphabetisierten“ zu zählen ist. Bei allem ist natürlich die Bedeutung nicht zu unterschätzen, die staatliche und nicht-staatliche Alphabetisierungsmaßnahmen in der Vergangenheit zukam und auch heute noch zukommt.
von Madhu Singh
Die indische Soziologin und Erziehungswissenschaftlerin Madhu Singh arbeitet als Senior Programme Specialist an dem UNESCO Institute for Lifelong Learning in Hamburg. Ihre thematischen Schwerpunkte sind u.a. außerschulisches Lernen und nachhaltige Entwicklung: Kompetenzerwerb in der informellen Ökonomie; Anerkennung und Akkreditierung von erfahrungsbezogenem und informellem Lernern. Zur Zeit liegt der Schwerpunkt ihrer Arbeit auf Afrika und der Süd-Süd Kooperation.






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