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06/11/07

André Gorz: Brief an D.

Der Philosoph, Essayist und Journalist André Gorz hat sich am 24. September zusammen mit seiner Frau Dorine das Leben genommen. 2006 hatte er ihr sein letztes Buch gewidmet: Brief an D. Ein letzter Liebesbrief, im Rückblick ein prachtvolles Brautlied – und ein Todesgesang.

«Bald wirst Du jetzt zweiundachtzig sein. Du bist um sechs Zentimeter kleiner geworden, Du wiegst nur noch fünfundvierzig Kilo, und immer noch bist Du schön, graziös und begehrenswert. Seit achtundfünfzig Jahren leben wir nun zusammen, und ich liebe Dich mehr denn je. Kürzlich habe ich mich von neuem in Dich verliebt, und wieder trage ich in meiner Brust diese zehrende Leere, die einzig die Wärme Deines Körpers an dem meinen auszufüllen vermag».

Die französische Kritik war nach dem Lesen dieser Eröffnungssätze sprachlos. Wegen der strahlenden Jugend eines Verliebten von über achtzig Jahren. auch wegen der fast unanständig sinnlichen Anziehung, die ein von Krankheit verformter Körper hier hat. Doch am meisten überraschte die Unterschrift unter dem Brief: André Gorz, der Theoretiker der Entfremdung und des Kapitalismus in der Krise. Wie konnte der Autor von Zur Strategie der Arbeiterbewegung im Neokapitalismus (1974), Abschied vom Proletariat (1980) oder auch der Sinnfragen am Ende der Arbeitsgesellschaft (1997) die theoretische Analyse hinter sich lassen und nun eine so radikale Subjektivität wählen?

Die deutschen Leser dieses heißblütigen Liebesbriefes müssen sich die zentrale Rolle, die André Gorz in französischen Geistesleben gespielt hat, wohl erst vergegenwärtigen. 1923 in Wien als Gerhard Hirsch geboren, floh er als Gérard Horst aus Österreich ins schweizerische Lausanne, wo er seine spätere Frau, die Engländerin Dorine, kennen lernte. Das Paar ließ sich dann 1949 in Paris nieder. Gérard Horst bewegte sich im engsten Umfeld von Jean Paul Sartre und Pierre Mendès-France, er schrieb unter dem Pseudonym Michel Bosquet zahllose Artikel zu Wirtschaftsthemen im Express, im Nouvel Observateur und in Sartres Temps modernes. Unter dem Pseudonym André Gorz veröffentlichte er mehrere politische und philosophische Essays, die das französische Denken über Arbeit und Kapitalismus grundlegend geprägt haben. In den 1970er Jahren vertrat er in der Nachfolge seiner Freunde Ivan Illich und Herbert Marcuse die Idee einer Verwandlung der Gesellschaft durch größere individuelle Freiheit und Sorge um die Umwelt. Gorz wurde damit zu einem der französischen Gründerväter der Ökologie in der Politik. In den 1980er Jahren zog er sich plötzlich aus Paris zurück und ließ sich mit Dorine auf dem Land nieder. Die Frau, die ihn 58 Jahre begleitet hat, litt an einer fortschreitenden unheilbaren Krankheit. Von da an begann ein neues Leben für den Philosophen: nun sollte sich alles nur noch um «das Wesentliche» drehe.

Brief an D. ist in der Tat ein Text, wie ihn André Gorz nie zuvor geschrieben hatte. Er ist keine Analyse des Gefühls Liebe, vielmehr ein «Diskurs der Liebe» wie Roland Barthes ihn definierte. Das Buch eines Liebenden, der von Liebe spricht, der die Liebe ausdrückt, statt sie zu denken, der ihre subversive Kraft zeigt, statt zu theoretisieren.

Der, der da spricht, erinnert sich: wie er die junge Engländerin mit den rotbraunen Haaren gesehen hat, umringt von drei Männern, die um sie warben. Er hatte gedacht, diese so schöne Frau müsse für ihn auf immer unerreichbar bleiben. Und doch war er ihr nachgelaufen an einem Oktobertag mit Schnee in der Luft im Jahre 1947, er hatte sie zum Tanzen aufgefordert. Und sie waren gemeinsam nach Paris gezogen, in eine ungesicherte Existenz, die sich einzig um seine schreibende Tätigkeit drehte. Er immer im Mittelpunkt. Sie immer im Hintergrund. Beide verbunden im gemeinsamen Willen, sein Werk entstehen zu lassen. Es folgen Geldmangel, Umzüge, erste Aufträge, erste Enttäuschungen: Jean-Paul Sartre lehnt seinen Essai ab. Sie steht hinter ihm und unterstützt ihn. Sie ist seine Dokumentarin, seine Gesprächspartnerin, seine Kritikerin. Und dann erscheint das erste Buch, 1958. Ein autobiographischer Essay mit dem Titel Der Verräter, in dem der, der sich inzwischen André Gorz nennt, vergeblich versucht, vor seinem eigenen, schwierigen Sein zu fliehen in die abstrakte Reflexion. Doch auf der Suche nach der Wahrheit besiegelt Der Verräter eine Lüge. Er macht aus Dorine eine Fremde: eine anfällige Frau namens Key, die nicht Französisch spricht und die sich selbst zerstörte, hätte er sie nicht beschützt. Sartre schreibt ein lobendes Vorwort, das Buch wird ein Verkaufserfolg.

Dieser Liebesgesang ist so bewegend, weil er auch den zerreißt, der ihn schreibt, weil er ihn immer weiter zwingt hin zum Undenkbaren, zum nicht Eingestehbaren: Warum Dorine in seinen Texten so wenig präsent ist. Warum er im Verräter ein falsches, entstellendes Bild von ihr gezeichnet hat. Der Brief stößt sich immer wieder an dieser unersättlichen Leerstelle, die nur der Körper, ihr Körper füllen kann: «Doch nichts von alledem kann das unsichtbare Band beschreiben, durch das wir uns von Anfang an vereint fühlten. So verschieden wir sein mochten, immer spürte ich, dass uns etwas Fundamentales gemeinsam war, so etwas wie eine ursprüngliche Wunde».

Ohne diesen Liebesbrief wäre André Gorz zweifellos der Fremde geblieben, der er sein Leben lang war. Gerhard Hirsch war sein Geburtsname, als Gérard Horst flüchtet er aus Österreich und vor dem dortigen Antisemitismus; er landet in «einem Land, in dem man immer ein Fremder bleibt ». Und in Frankreich, als er anfängt für Paris Presse zu arbeiten, sagt man ihm deutlich, dass er seine Artikel unmöglich mit seinem deutschen Namen unterzeichnen könne, «denn die Franzosen lieben les Boches nicht». Aus Horst wird nun Bosquet. Und als er seinen ersten Essay unterschreiben soll, wählt er einen Namen, den er auf dem Fernglas liest, das er vom Vater geerbt hat: Gorz, eigentlich Görz, heute Gorizia und italienisch, früher Teil des Österreichischen Kaiserreiches.

Nur ein derart verliebtes «Ich» konnte es wagen, in den Marmor des Werkes endlich einen Namen einzugravieren. Der ist nicht Gerhard, Gérard, Michel oder André, auch nicht Dorine. Eine einfache Initiale: D. Für die Ewigkeit: «Jeder von uns möchte den Anderen nicht überleben müssen. Oft haben wir uns gesagt, dass wir, sollten wir wundersamerweise ein zweites Leben haben, es zusammen verbringen möchten. So endet der Brief an D.» Letzte Sätze - wie eine Grabinschrift.


Eine Rezension von Christine Lecerf

Erstellt: 08-10-07
Letzte Änderung: 06-11-07