Auszug aus einem Gespräch mit Andrei Pleşu, erschienen in Rencontre européenne (Nr. 6), Juli 2007, herausgegeben von der Vereinigung Notre Europe.
Loblied auf die Langsamkeit
Wer so über Europa spricht, ruft zweifellos hier und da ein Stirnrunzeln hervor. Doch während in diesen Zeiten der Globalisierung und des Wettlaufs um immer höhere Wachstumsraten Europa nach allgemeiner Auffassung wohl eher an seiner Unbeweglichkeit als an einem übereilten Vorpreschen krankt, denkt der rumänische Philosoph Andrei Pleşu anders. Für den früheren Kultur- und Außenminister seines Landes ist es für das „zu geschwätzige, zu aufgeregte, zu ungeduldige“ Europa an der Zeit, einmal inne zu halten und sich Zeit zu nehmen für eine analytische Rückschau vor der nächsten Erweiterungsrunde. Andrei Pleşu war 1994 Mitbegründer des New Europe College in Bukarest, wo er als Universitätsprofessor tätig ist. Als scharfsinniger Beobachter unserer Zeit hat er klare Unterschiede historischer, wirtschaftlicher und kultureller Natur ausgemacht, die das Europa des Westens von dem des Ostens trennen: „Die letzten Jahrzehnte haben schreckliche Schranken entstehen lassen, eine Asymmetrie der Erfahrungen, der Mentalitäten, der Offenheit zwischen Ost und West“. In diesen beiden Teilen Europas, die sich schwer tun einander zu verstehen, gehen die Uhren einfach anders. Darüber hinaus leiden die Länder des Ostens unter dem Minderwertigkeitskomplex, nur von nachrangiger Bedeutung zu sein. Wie soll man damit umgehen? Sich damit abfinden, dass es ein Europa der zwei Geschwindigkeiten gibt? Darauf hoffen, dass die neuen Mitgliedstaaten rasch ihren „Rückstand“ aufholen? Andrei Pleşu sieht durchaus noch eine andere Alternative. Und darin liegt die Originalität seines Denkens und die gesamte Tragweite seiner Botschaft. Die neuen EU-Mitglieder können Europa genau das vermitteln, woran es ihm mangelt. Das, was der Philosoph Andrei Pleşu fast poetisch die „Faulheit der Geschichte“ nennt. Sie, die sie gelernt haben, den Amokläufen der Geschichte zu misstrauen, können vielleicht verhindern, dass Europa „die Pferde durchgehen“. Dies könnten sie als originären Beitrag ihrerseits leisten. Alles, was sonst ständig wiedergekäut wird über die Werte, die nationalen Traditionen, die europäische Identität, ist bloße Rhetorik.
Die Autoren
Auszug aus einem Gespräch mit Andrei Pleşu, erschienen in Rencontre européenne (Nr. 6), Juli 2007, herausgegeben von der Vereinigung Notre Europe.
Erstellt: 21-12-07
Letzte Änderung: 05-11-08