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Zitaten - Ballade

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Wajda, Andrzej(Polen) - 16/06/09

Andrzej Wajda rührt an polnische Tabus

Der Filmemacher Andrzej Wajda kam 1926 in der polnischen Stadt Suwałki zur Welt. Seine Jugend wurde von den Ereignissen des Zweiten Weltkriegs geprägt, insbesondere von der Besetzung seines Landes durch Nazideutschland und die Sowjetunion. 1941 wird sein Vater, ein polnischer Offizier, Opfer des Massakers von Katyn. Ein Kriegsverbrechen der Roten Armee, das in Polen viele Jahre lang Tabuthema war. Der junge Andrzej schließt sich in der Folge dem Widerstand an.
Nachdem Polen unter die Knute der Sowjetunion geraten war, findet er seine Berufung im Film, ohne sich jemals vor den Karren des Regimes spannen zu lassen. Seine Arbeiten atmen Freiheit, Poesie, Mut und Fortschritt und machen Wajda zu einem der bedeutendsten Filmemacher des Landes.
Von der polnischen Geschichte bleibt er Zeit seines Lebens wie besessen. In Der Mann aus Eisen beschäftigt er sich 1981 beispielsweise mit der Gewerkschaft Solidarność. Auch sein jüngstes Werk macht darin keine Ausnahme. In Katyn rührt er an das Drama, das sein Land und sein eigenes Leben so tief erschüttert hat.

Katyn, 1943. In einem Wald bei Smolensk – heute Russland – wird ein Massengrab mit den Leichen mehrerer Tausend polnischer Militärangehöriger und Zivilisten entdeckt. Sie waren zwei Jahre zuvor,1941, hingerichtet worden. Andrzej Wajda erfährt wenig später, dass sein Vater unter den Opfern ist.
Nazideutschland macht die Rote Armee dafür verantwortlich, die Sowjets sprechen von NS-Propaganda. Aus Staatsräson und zum Erhalt des nationalen Ansehens breiten die Politiker den Mantel des Vergessens über das Verbrechen. In Polen erfährt man nur wenig über das Verbrechen. Angesichts des Schweigens der Politik erhält die Stimme des Regisseurs ein besonderes Gewicht.

Andrzej Wajda hat seine Karriere auf dem Schicksal seines Landes aufgebaut, dem kommunistischen Regime, den Verletzungen des Zweiten Weltkriegs. Wieder einmal durchbricht der Filmemacher eine Mauer des Schweigens. In Katyn bricht er mit einem Tabu, bringt die Wahrheit ans Licht und sorgt für eine längst überfällige Debatte.
Im vergangenen Jahr wurde der Film den Abgeordneten des Europaparlaments zur Voranschauung vorgeführt. Auch in Frankreich sorgte Katyn für Diskussionen. In einem Artikel der Tageszeitung „Le Monde“ warf ein Kritiker Wajda vor, Nazis und Rote Arme auf eine Stufe zu stellen. Weiter würde der Filmemacher eine „sonderbare Verbindung zwischen Katyn und dem Holocaust“ herstellen.
Verbände, Leser, Historiker... alle zeigten Reaktionen. Kaum war die Debatte in Fahrt geraten, wurde sie durch einen Gastkommentar von Adam Michnik in „Le Monde“ auch schon wieder beendet. Der Journalist und Mitbegründer der Gewerkschaft Solidarność brachte die Dinge auf den Punkt: Katyn ist ein Film über das Massaker von Katyn, nicht über den Holocaust.

Die Polemik erstarb. Was bleibt, ist die Geschichte mehrerer Tausend in Katyn ermordeter Polen – eine Geschichte, die heute allen bekannt ist.

Diese Geschichte [von Katyn, Anm. d. Red.] hat sich in das polnische Kollektivbewusstsein eingebrannt. [...]. Kolportiert wurde indes die Falschbehauptung, das Massaker sei von den Deutschen verübt worden. Ich kannte Leute, die ganz offen davon sprachen, dass es sich um ein sowjetisches Kriegsverbrechen handelte. Einer meiner Kommilitonen an der Filmhochschule Łódź wurde dafür eingesperrt und wurde an der Hochschule nie wieder gesehen. Man musste sich definitiv entscheiden. Mir war bewusst, dass ich nicht in einem freien Land lebte, und ich war stets davon überzeugt, dass ich auf dieser Realität aufbauen musste, um die Dinge zu verändern. Ich musste die Möglichkeiten nutzen, die sich mir in dieser Situation boten, um etwas Wahrhaftiges erzählen zu können. Das Drehbuch zu Der Mann aus Marmor lag zwölf Jahre in der Schublade, bevor ich es umsetzen konnte. Bis 1989 war es unvorstellbar, einen Film über Katyn zu drehen. Die Geschichtsfälschung war in völliges Stillschweigen über das Thema übergegangen.
Le Figaro, 1. April 2009.

LINKS ZUM ARTIKEL
- Im Spiegel der Zeitschriften bei ARTE. Gedächtnis, Geschichte und Politik: eine brisante Kombination, die für Gesprächsstoff sorgt. Die Studenten des Europa-Kollegs stellen sich der Debatte.
- Im Spiegel der Zeitschriften – Polen.

Erstellt: 16-06-09
Letzte Änderung: 16-06-09