Schriftgröße: + -
Home > Kultur entdecken > Buch- und Krimiwelt

Buch- und KrimiWelt

Am 17. März 2011 feiert Siegfried Lenz seinen 85. Geburtstag: ARTE gratuliert mit einem Schwerpunkt. Kommen Sie mit auf Entdeckungstour!

> Krimi-Bestenliste März 2010 > 04. Angelo Petrella: Nazi Paradise

Buch- und KrimiWelt

Am 17. März 2011 feiert Siegfried Lenz seinen 85. Geburtstag: ARTE gratuliert mit einem Schwerpunkt. Kommen Sie mit auf Entdeckungstour!

Buch- und KrimiWelt

KrimiWelt auf www.arte.tv - Rezensionen aus der Jury - 26/02/10

Angelo Petrella: Nazi Paradise

Vorsicht, das tut jetzt weh: Im Mittelpunkt von Angelo Petrellas Thriller „Nazi Paradise“  steht ein rechtsradikaler Skinhead aus Neapel. Seine Wochenenden verbringt er mit einer Horde gewaltbereiter Freunde im Stadion San Paolo, um anschließend mit einem fröhlichen „Sieg Heil“ auf den Lippen „standardmäßig“ auf „Nigger“ und „Schwucheln“ einzuprügeln. Ansonsten amüsiert er sich bei illegalen Hundekämpfen oder diskutiert im Vereinsheim der Skin Front Neapel mit seinen Kameraden bei ein paar Bierchen angeregt über Politik, also über den Mussolini, Hitler, und den „Intellektuellen“ Goebbels.  

Klingt vielleicht merkwürdig, aber dieses Buch ist zunächst einmal ziemlich komisch – vor allem weil der namenlose Nazi-Skin sich selbst für supersmart hält. Er glaubt fest daran, dass er im Gegensatz zu seinen stumpfsinnigen Kameraden nicht nur ein gewisses Talent für schwere Körperverletzung hat, sondern auch ein richtiges Computergenie ist. Unter dem patriotischen Nickname „Dux“ versucht er sich in fremde Bankkonten einzuhacken, wird dabei allerdings umgehend von der Polizei erwischt. Und damit fängt der Ärger an.

Er hat die Wahl. Entweder er wandert in den Knast, oder er erledigt einen kleinen Job für die Polizei: Leitende Beamte sind in Drogen- und Geldwäschegeschäfte verwickelt, und ihr „kleiner Nazifreund“ soll ihnen jetzt helfen, ein paar belastende Unterlagen verschwinden zu lassen.  

Das Szenario ist gar nicht mal so unrealistisch. Die Lokalpolitik in Neapel ist bekanntlich ein einziger Albtraum. Die Bürgermeisterin Rosa Russo Iervolino und der zuständige Gouverneur Antonio Bassolino stolpern von einem haarsträubenden Skandal in den nächsten, ohne das es zu Konsequenzen zu käme: Wie überall in Italien laufen auch hier die rechtsstaatlichen und zivilgesellschaftlichen Kontrollmechanismen ins Leere. Es ist darum nur konsequent, dass sich der 1978 geborene Angelo Petrella den Ereignissen vom äußersten Rand her nähert – und eine bösartige, politisch offensichtlich inkorrekte Position einnimmt. Vor dem Hintergrund des Trauerspiels der italienischen Demokratie kann sogar ein unterbemittelter Hooligan noch zur moralischen Instanz werden. Es ist gemein, aber es funktioniert: Man erwischt sich beim Lesen immer wieder auf der Seite des Skinheads.

 

Kolja Mensing/Der Tagesspiegel Dez.2009

KrimiWelt-Bestenliste Januar 2010

Na, da ist doch mal ein bemerkenswerter Anti-Held: Der Erzähler von Angelo Petrellas Kriminalgeschichte "Nazi Paradise" ist ein junger Hacker aus der rechtsradikalen Hooliganszene aus Neapel. Ein Skinhead. Virtuell treibt er sich in (erotischen) Chatrooms herum; körperlich in einschlägigen Kneipen, auf Nazidemos, im Knast und natürlich im Stadion. Ein Leben im Zeichen von Suff und Prügelei - bis er eines Tages in eine Falle tappt: Weil der Ich-Erzähler sich beim heimlichen Zocken gewisser Geldbeträge von gewissen Konten zu Gunsten seines eigenen erwischen ließ, wird er zum Spielball der örtlichen Polizei. Und die hat für den jungen Mann einen klaren Auftrag: Will er nicht auf ewig in den Bunker wandern, hat er, entsprechend gekleidet, bei einer Party des linksliberalen Establishments zu erscheinen - um dort den Rechner des Gastgebers zu knacken, auf dem die korrupten Bullen belastende Unterlagen vermuten. Ein Himmelfahrtskommando für den Glatzenmann - und das ausgerechnet auch noch mit einer Hippietante als Kontaktfrau.

Wie gesagt, ein bemerkenswerter Anti-Held. Der insbesondere Leser, die sich nicht der politischen Rechten zuordnen, vor gewisse Herausforderungen stellt; auch deshalb, weil er letztlich nicht völlig unsympathisch ist, sondern hier und da ganz nett rüberkommt und insgesamt sowieso ein Produkt seiner Lebensumstände ist: Einer, der genauso gut Autonomer hätte werden können, der zwar durch Zufall stattdessen bei den Nazis landete, der aber kein Faschist im ewiggestrigen Sinne ist. In erster Linie ein Verlierer; ein junger Mensch auf Abwegen, eben.

Dessen "Abenteuer" leuchtet Autor Angelo Petrella in einer sehr knappen, reduzierten und direkten Sprache aus, die in guten Momenten sehr nahe dran ist, an der Wut und der Ohnmacht, die zu solchen Lebensumständen führen mögen - die in nicht ganz so guten Momenten hier und da allerdings leider ein bisschen zu zart und brav ins Deutsche übertragen wurde.

Natürlich darf man eine solche Erzählung nicht als Reportage lesen: Angelo Petrella leuchtet nicht aus, wie es in der Hooliganszene Neapels exakt zugeht; er ist schließlich "nur" Schriftsteller, nicht Naziaktivist. Aber Petrella schafft es durch die Wahl seiner Erzählperspektive und seines Antihelden sehr bildstark darzustellen, wie kaputt die Gesellschaft ist, in der der Erzähler zu leben gezwungen ist: Eine demokratische Gesellschaft, deren oberste Repräsentanten statt durch kluge Politik mit Sexpartys, Korruption und Vorteilsnahme "glänzen" - eine Gesellschaft also, die so verkommen ist, dass selbst ihr vermeintlicher Abschaum sich angewidert abwendet.

Ulrich Noller/Funkhaus Europa 6.1.10

KrimiWelt-Bestenliste Januar 2010

Erstellt: 26-05-09
Letzte Änderung: 26-02-10


+ aus Kultur entdecken