
Ein Film von Baz Luhrmann (Australien/USA 2008, 166 Min.)
Mit: Nicole Kidman (Lady Sarah Ashley), Hugh Jackman (Drover), Brandon Walters (Nullah), David Wenham (Neil Fletcher), David Gulpilil (King George)

Kritik: Mit seinen früheren Filmen („Romeo & Julia“, „Moulin Rouge“) hat Baz Luhrmann schon seine Vorliebe für melodramatische Effekte unter Beweis gestellt, wenn auch noch mit erfrischend ironischen Brechungen und Wendungen, die das romantische Glotzen zumindest leicht verfremdeten. Hier bei „Australia“ sollte man sich am besten gar nicht erst gegen den sentimentalen Wärmestrom wehren, Nicole Kidman als gouvernantische Lady, die ihre verschütteten Emotionen entdeckt, der hübsche und kluge Aborigene-Junge Nullah und der handfeste Drover mit dem Herz auf dem rechten Fleck, bilden zusammen ein Gefühlskraftfeld, dem sich niemand entziehen kann. Zumal der Film darüber hinaus mit phantastischen Landschaftsaufnahmen aufwartet, und der politisch korrekten Botschaft, dass man sich gefälligst nicht in die Kultur und die Lebensformen der Ureinwohner einmischen soll.
Ein frommer Wunsch, den das Aussie-Team Luhrmann, Kidman, Jackman leider etwas spät thematisiert, immerhin hat sich die australische Regierung für die zwangsweise Umerziehung der Aborigene-Kinder in christlichen Missionsschulen inzwischen offiziell entschuldigt. Das Thema dient hier aber sowieso nur – ebenso wie der Zweite Weltkrieg – als historische Kulisse für die große Liebesgeschichte zwischen Sarah und Drover, mit der fast schon wieder sympathisch ungehemmt die großen Liebespaare der Filmgeschichte zitiert werden.
Wenn Drover seinem Aborigene-Freund und Helfer verbietet, auf der Mundharmonika eine Melodie zu spielen, die ihn an Sarah erinnert („not that tune!“), ist „Casablanca“ nicht weit, wenn er sich nicht an Heim und Herd binden lassen will, sondern seine Freiheit braucht, klingt „Jenseits von Afrika“ an, und natürlich erinnert der anfänglich raue Umgangston zwischen den beiden direkt an Bogart und Hepburn in „African Queen“. Weitere Bezüge, von „Titanic“ bis zu „Vom Winde verweht“, ließen sich jederzeit herstellen, nur entsteht daraus vielleicht nette Kino-Unterhaltung und auch eine wunderbare Kußszene, aber noch lange kein eigenständiger großer Film.
Sogar vom „Dschungelbuch“ haben sich Luhrmann und seine Ko-Autoren deutlich inspirieren lassen, nur haben sie das Thema einfach gegen den Strich gebürstet: Nullah gehört am Ende eben nicht in die Zivilisation der Weißen, sondern geht zu seinem Großvater in die Wildnis, während Mowgli bekanntlich den umgekehrten Weg einschlägt - vom Dschungel in die Menschensiedlung. Abgesehen von der etwas romantischen Verklärung der Aborigenes hat der Film doch gerade in der Auseinandersetzung mit deren Kultur seine stärksten und berührendsten Momente, die aber im tränenreichen Melodram fast untergehen. Das ist zwar aufwändiges, großes Gefühlskino, aber durch die märchenhafte, fast kindliche Erzählweise und das ungebrochene Pathos der Nah- und Landschaftsaufnahmen dürften die geweckten Emotionen beim erwachsenen Kinobesucher nicht lange nachwirken.
Thomas Neuhauser






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