Inhalt: „Die schönste Liebesgeschichte des Jahres 2002“, titelte der Figaro über die Verfilmung des internationalen Bestsellers, die sein Verfasser, Schriftsteller und Regisseur Daij Sije nach längerem Zögern selbst in die Hand nahm. Nahe an der eigenen Biographie hat Sije („Shouzou River“) den Roman verfasst, indem er sich an seine Jugendjahre in einem maoistischen Umerziehungslager in den abgelegenen Bergen Südchinas erinnerte. Im Jahr 1971 kommen dort zwei junge Städter in den zweifelhaften Genuss der Kulturrevolution, indem Bauern sie zu harter körperlicher Arbeit zwingen. Ablenkung verschafft ihnen die schöne Tochter des Dorfschneiders, deren Herz sie mit einem verbotenen Roman von Balzac erobern.
Die Kritik zum Film: Das Drehbuch basiert auf der gleichnamigen Romanvorlage, die ebenfalls vom Regisseur stammt und in der er seine eigenen Erfahrungen verarbeitete. Einstanden ist ein Film über starke Gefühle, über die Liebe zur Kunst und die Macht der Bücher, durch die Menschen über sich selbst hinauswachsen.Die Literatur trägt dazu bei, das innere Gefängnis der Kulturrevolution durch den Blick auf andere Gesellschaften zu überwinden. So dienen die Erzählungen von Dumas dem alten Schneider als Vorlage für die Kleider, die er für die Dorffrauen schneidert; alle weinen, als Luo von einem Roman erzählt und dabei vorgibt, es sei die Zusammenfassung eines albanischen Propagandafilms des Regisseurs „Balzac“.
Auch wenn die Bilder der schmächtigen Körper vor dem Hintergrund der unendlichen Weite und der düsteren Vegetation manchmal etwas Hartes an sich haben, wirken sie, wenn man sich an das besondere Licht gewöhnt hat, rau und poetisch zugleich.
Zwanzig Jahre später kehrt Ma, der in Frankreich Violinist geworden ist, in das Dorf zurück, bevor es im Zuge der Errichtung eines Staudamms geflutet wird und die Wassermassen die jahrtausendalten Steine unter sich begraben.
Mit der Videokamera filmt er den Ort, an dem er zum Mann heranreifte, und trifft seinen Freund Lu, der ein renommierter Zahnarzt geworden ist. In der fantastisch anmutenden Schlussszene lassen die beiden ihre Vergangenheit Revue passieren, die Erinnerungen, die sie im Herzen tragen und die von nichts überlagert werden können.
Delphine Valloire
Das Bonusmaterial: Ein unkommentiertes Mini-Making-Off wirft spärliches, belangloses Licht auf die Dreharbeiten. In den Pausen albern die Schauspieler vor eindrucksvoller Naturkulisse herum, viel mehr gibt es nicht zu sehen. Etwas auskunftsfreudiger sind dann schon die Interviews. Dai Sijie, der in Frankreich Film studiert hat, erzählt, wie von seiner Produzentin überredet werden musste, seinen Roman selbst zu verfilmen. Ein nicht ganz leichtes Unterfangen, wie sich schon während der Produktionsvorbereitungen herausstellen sollte.
Beinahe wiederholte sich das Schicksal, das dem jungen Schriftsteller im Umerziehungslager widerfuhr – die chinesischen Behörden störten sich vor allem an der Figur des Brigadiers, der allzu große Ähnlichkeit mit einem verbohrten kommunistischen Behördenbürokraten von heute aufwies und wollten zunächst die Dreharbeiten behindern. Äußerst schwierig war es auch, den geeigneten Drehort zu finden. Ferner beschreibt Sijie, wie den zur Umerziehung angewiesenen Bauern bei ihrem Vorhaben, aus 20 Millionen Chinesen überzeugte Maoisten zu machen, nach und nach die Luft ausging. Analphabeten, die Alphabeten mit einem Balzac-Roman in der Tasche umerziehen sollten – das konnte einfach nicht funktionieren.
Martin Rosefeldt
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Balzac und die kleine chinesische Schneiderin
Regie & Drehbuch: Dai Sijie
Nach einem Roman von Dai Sijie
Darsteller: Zhou Xun, Chen Kun
Frankreich/China, 2002, 106’
Sprachen:
Deutsch Dolby Digital 5.1.
Chinesisch Dolby Digital 5.1.
Untertitel: Deutsch






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