Locarno 2008 - PIAZZA GRANDE - 27/08/08
Berlin Calling
Ein Film von Hannes Stöhr
2* ARTE Koprod) Raven, koksen, schlafen: Berliner Nachtleben leicht gemacht
Synopsis: Martin (Paul Kalkbrenner), alias der berühmte DJ Ickarus, tritt weltweit in Clubs und auf Festivals auf, assistiert von der treuen Mathilde, seiner Freundin und Managerin. Schlafen in Flughafen-Terminals, vor einer gedrängten Menschenmenge Electro auflegen… eine Nacht gleicht der anderen. Zurück in Berlin schafft es Martin nicht, wieder herunterzukommen. Er kann es nicht lassen, mit Hilfe harter Drogen bei jeder Party mit dabei zu sein. Sein Verhalten wird immer unberechenbarer, selbst seine Freunde und seine Arbeitspartner finden ihn zunehmend unerträglicher. Eines Nachts bricht er schließlich zusammen und wird in die Notaufnahme der Psychiatrie eingeliefert, in der er bleiben darf, wenn er sich bereit erklärt, eine Therapie aufzunehmen. Doch will Martin überhaupt Vernunft annehmen? Wird er auf seinen Vater, einen lutherischen Pastor, hören?
Kritik: Man darf an Hannes Stöhrs Film nicht so herangehen, wie an den Film Millenium Mambo (2001) des Taiwanesen Hou Hsiao-Hsien: dem entlarvenden Blick eines Regisseurs auf die ewige Wiederholung von Parties und auf diese zeitgenössische Melancholie, die der Monotonie der dennoch berauschenden Technomusik innewohnt. Der Autor von Berlin is in Germany (2000) widmet sich erneut einer städtischen Chronik, die - wie er selbst empfiehlt - nicht zu ernst genommen werden soll, genau wie schon sein Episodenfilm One Day in Europe (2005). Dafür hat er einen Trumpf: den DJ Paul Kalkbrenner, der für das Label von Ellen Alien Bpitch Control arbeitet. Er ist die Verkörperung der Coolness (andeutungsweise zwischen seinem Hedonismus und seinen Streichen hin- und hergerissen, die sich nur schwer mit seinem nahenden dreißigsten Geburtstag vereinbaren lassen) und flößt seiner Figur ein Phlegma ein, das den Stolperstein des Pathos wenigstens umgeht.
In einer Stadt, in der man jeden Abend feiern kann, und zwar so richtig und für wenig Geld, besteht das einzige Problem darin, durchzuhalten und nicht vom Perpetuum Mobile der ständigen Trips erfasst zu werden. Der Fortgang der Geschichte ist unausweichlich: Wird es DJ Ickarus gelingen, nicht endgültig die Kontrolle zu verlieren, sondern der Musik den Vorrang zu geben und, wie schon im Film Give Me Regards to Broadway mit Paul McCartney (1984), sein Album in einer Stadt, in der die Nächte nie enden, fertigzustellen?
Julien Welter
Berlin Calling
Deutschland 2007, 100 Min.
Buch und Regie: Hannes Stöhr
Mit Paul Kalkbrenner, Rita Lengyel, Corinna Harfouch, Araba Walton, RP Kahl
Locarno 2008 - Piazza Grande
ARTE- Koproduktion
Erstellt: 27-08-08
Letzte Änderung: 27-08-08