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Berlinale 2009

Verfolgen Sie vom 05. bis 15. Februar mit ARTE und arte.tv das Tagesgeschehen eines der bedeutendsten Filmfestivals der Welt.

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Berlinale 2009 - Schwerpunkte - 10/02/09

Berlinale goes digital

Die 2004 eingeleitete Digitalisierung der Berlinale schreitet munter voran.

Am Potsdamer Platz im Januar: Eine Vorab-Pressevorführung der Sektion „Perspektive deutsches Kino“, der Eröffnungsfilm „Distanz“ wird neugierigen Journalisten präsentiert – ein Film über einen Gärtner, der zum Mörder wird, kalt wie der Berliner Januar draußen. Nach gut zwei Dritteln des Films nimmt der harmlos-schüchtern wirkende Heckenschütze zum wiederholten Mal einen Jogger ins Visier, diesmal vom Fenster seiner eigenen Wohnung aus, seine neue Freundin schläft nebenan. Ein stiller Film ist das, wortkarge Charaktere, die Spannung steigt – wird das Mädchen aufwachen und entdecken, was ihr Freund so treibt? Dann eine lange Schwarzblende, man hört den Protagonisten atmen, mit dem Gewehr hantieren, den Hahn spannen. Seltsam lang, diese Schwarzblende, zu lang – eine Panne. Unruhige Journalisten rutschen auf ihren Sitzen, die Pressefrau schließt sich angespannt mit dem Vorführraum kurz, auf der Leinwand plötzlich wieder Bild. Ohne Ton. Dann ein lustiges Hüpfen – des Bildes, nicht im Publikum, denn da erreicht die Stimmung allmählich den Gefrierpunkt. Schließlich läuft der Film weiter, hoffnungslos asynchron pendelnd zwischen Bild und Ton, doch immer fortschreitend in der Handlung, das Verpasste wird nicht nachgeliefert. Verschiedene Informationen und hektische Entschuldigungen – die digitale Projektion erlaube kein Rückspulen, man würde nun aber auf die ursprüngliche Kassette zurückgreifen und in 20 Minuten noch einmal ab dem Zeitpunkt der ersten Panne starten. Mehrere Journalisten verlassen den Saal auf Nimmerwiedersehen, für den anwesenden Produzenten ein Dilemma.
Angesichts der Tatsache, dass die 2004 eingeleitete Digitalisierung der Berlinale flächendeckend munter voranschreitet – 29 von 49 Leinwänden sind inzwischen mit digitalen Kinoservern und damit einer einheitlichen technischen Grundlage ausgestattet – aber auch ein Grund zur Beunruhigung. Wie zuverlässig sind die neuen, nach einer europaweiten Ausschreibung von der Tübinger „Bewegte Bilder AG“ gestellten Server und Mastering Stationen und warum wagt ausgerechnet die Berlinale, die parallel eine Retrospektive dem 70-mm-Breitbandfilm widmet, als weltweit erstes A-Festival den umfassenden Schulterschluss mit serverbasierter Vorführtechnik?

Auskunft gibt André Stever, Leiter der Berlinale-Filmverwaltung. Die Motivation für die fortschreitende Digitalisierung ist leicht zu verstehen: Es galt, die Formatvielfalt im Vorfeld zu bündeln, den logistischen Aufwand durch eine einheitliche Abspielbasis deutlich zu reduzieren. Im Vorjahr gab es beim Festival samt European Film Market fast 400 Filme auf unterschiedlichen Videoformaten, deren jeweilige Zuspieler in den einzelnen Kinos zur Verfügung gestellt wurden, für HD-Cam ein HD-Cam-MAZ, für Digibeta ein Digibeta-Maz usw. Ein enormer Druck für die Vorführer: Zwischen zwei Vorführungen hatten sie höchstens 10 publikumsfreie Minuten, in denen Formate gewechselt, Zuspieler und Ausgabe von Bild- und Ton eingerichtet und kurz gecheckt werden konnten. Angesichts des stetigen Anwachsens von digital aufgenommenen Formaten stieg das Bedürfnis nach einem einheitlichen Vorführformat, der Vermeidung des Stresses zwischen den Screenings.

Die Bedienung der digitalen Server, die bereits in den letzten Jahren zunehmend verwendet, aber erst jetzt flächendeckend eingeführt wurden, ist im Vergleich sehr viel simpler als der Aufwand der Jahre zuvor, zudem wurde das Personal entsprechend geschult. Statt der 30 Zuspieler in den Kinos hängen nun drei Zuspieler pro Format an Masteringstationen, wo alle Filme encodet, also entpackt, mit Sicherheits-Verschlüsselung versehen, auf dem zentralen Storage-Server abgelegt und von dort für die täglichen Vorführungen in den Kinos auf Wechselfestplatten ausgespielt und ins Kino gebracht werden – aufgespielt und abgespielt also, ein reibungsloser Work-Flow. Und die Vorteile für das Kinopublikum? „ Idealerweise merkt der Zuschauer gar nicht, dass sich etwas geändert hat“, so André Stever. Und tatsächlich, eine pannenfrei verlaufene Pressevorführung der Panorama-Sektion beweist, dass die digitale Projektion im E-Cinema-Bereich der Vorführung von Magnetbändern aller Formate absolut gleichwertig ist – und was auf 35mm gedreht wurde, wird schließlich auch auf der Berlinale nach wie vor so projiziert. Dort ersetzen dann die altbekannten Streifen oder kurz auf der Leinwand erscheinende Zahlen an der Grenze zum nächsten Akt das vereinzelte sekundenbruchteilkurze „Hängen“ des digitalen Bildes – beides unterschiedliche Nebenwirkungen noch nicht ganz ausgereifter Vorabversionen, die sich beim eigentlichen Festival erledigt haben dürften.

Generell ist die digitale Projektion erstaunlich hochwertig, die Server der „Bewegte Bilder Medien AG“ spielen Full-HD aus, also mit einer Auflösung von 1920 mal 1080 Pixeln – wobei die genaue Auflösung von den in Korrelation zur Leinwandgröße installierten Projektoren abhängig ist. Bis zu 2k reicht die Qualität, wobei dies vor allem für den Bereich des Wettbewerbs gilt: Bei ganzen sechs Filme werden hier die schweren Filmrollen durch digitale Datenserver ersetzt, im Vorjahr waren es noch drei. Für das „digitale Sextett“ im offiziellen Programm 2009, darunter Eröffnungsfilm „The International“ und Stephen Frears „Cherie“, werden weiterhin ausschließlich D-Cinema-Systeme verwendet, d.h. externe Partner wie Dolby und Barco stellen Server, Projektoren und eigenes Personal, lange erprobte Systeme verhindern so unliebsame Pannen.

Und die 29 frisch digital ausgerüsteten Säle des E-Cinema-Bereichs der Berlinale? „Es ist nicht zu leugnen, wir haben im Vorfeld Erfahrungen gemacht, vor denen wir uns beim Festival hüten wollen und müssen“ räumt Stever ein und gibt schließlich Aufschluss über die Hintergründe der Projektionspanne bei der „Distanz“-Pressevorführung: „Die eigentlichen Festivalserver haben wir erst heute geliefert bekommen. Für die Pressevorführungen und als Test für unser Encoding hatte „Bewegte Bilder“ Vorabversionen zur Verfügung gestellt. Es gab dann verschiedene Probleme im Workflow, etwa ein Softwareproblem auf dem in den Pressevorführungen eingesetzten Server, Bild und Ton sind auseinandergelaufen. Zum großen Teil sind diese Probleme aber bereits behoben: Wir haben schon jetzt eine neue Softwareversion und auch die Spulfunktion ist bei den neuen Servern endlich implementiert.“ Also alles bestens? „Wenn wir nicht guten Mutes wären, würden wir es nicht tun“ verkündet André Stever gelassen. Bleibt, der Berlinale, ihren Technikern und Vorführern, vor allem aber dem Publikum zu wünschen, dass ab dem 5. Februar tatsächlich alle Kinderkrankheiten der flächendeckenden Digitalisierung des Festivals behoben sind – wenn ganz altmodisch ein schlichter Vorhang den Blick auf viele spannende, hoffentlich technisch ungetrübte Kinoerlebnisse freigibt.

Kyra Scheurer

Erstellt: 22-01-09
Letzte Änderung: 10-02-09