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KrimiWelt auf www.arte.tv - Rezensionen aus der Jury - 05/02/10

Wolfgang Schorlau - Das München-Komplott

a Der politische Thriller hat in Deutschland nicht gerade Konjunktur.
2.... konstatiert unser Rezensent nicht ohne eine gewisse Wehmut.
1 Auch aus der Sicht der Buchhändler geht der Trend eindeutig zum esoterischen vampirjugendverkeuschungsroman oder zum Allgäuer Provinzkauzkomischkrimi.
2 Auch der Schwabe Wolfgang Schorlau begann damit, sich als Stuttgarter Lokal-Krimi verkaufen zu lassen.
1 Inzwischen macht es Schorlau nicht unter einer bundesweiten Verschwörung.
a... und die hat er am liebsten als Tatsachenroman.
2 „Das München-Komplott“ heißt der fünfte Schorlau-Krimi um den Stuttgarter Privatdetektiv Georg Dengler, der rechtzeitig zu Weihnachten in der Taschenbuchreihe des Kiepenheuer & Witsch Verlages erschienen ist.
1 Gleich auf der ersten Seite lässt Schorlau wenig Zweifel an seiner kämpferischen Gesinnung: Er referiert noch einmal den Sommer dieses Jahres mit all den Vielhundermilliardenpleiten und konstatiert dann: Wir zitieren:
2 „Während die gleichen Figuren, die die Krise verursacht hatten, im Kanzleramt hofiert wurden, ... traten Staat und Konzerne mit nie erlebter Härte nach unten. ... ein Einzelhandelsunternehmen kündigte nach 31 Jahren Betriebszugehörigkeit der Kassiererin, weil sie angeblich 2 Leergutbons im Wert von 80 Cent und 30 Cent, die ein Kunde vergessen hatte, für sich eingelöst hatte.“
A Einerseits Tatsache, andererseits sehr plakativ.
1 Wer so in einen Roman einsteigt, will keine Gefangenen machen und mit der Weltgeschichte keine Kompromisse aushandeln.
2 Den Rest des Krimis geht es um die Vergangenheit, die Unmöglichkeit die NPD zu verbieten und um eine mögliche Verschwörung zwischen US-Geheimdienst und Neonazis. Dazu müssen wir allerdings etwas ausholen:
1 Dengler bekommt von seinem früheren Arbeitgeber, dem BKA, den Auftrag, noch einmal die vielen Aktenordner des Münchner Oktoberfestattentats von 1980 zu sichten. Schnell kommt der Privatermittler drauf, was damals schon vermutet wurde: dass bei den Ermittlungen allzu schnell die Einzeltäterhypothese alle anderen Nachforschungen überdeckt hatte.
2 Schorlau beruft sich bei seinem Buch unter anderem auf Recherchen, die der Münchner Journalist Ulrich Chaussy schon vor Jahren unternommen hat. Darüber hinaus ist Schorlaus Thriller eine Illustration der beängstigenden Thesen, die Tobias von Heymann im vergangenen Jahr in seinem Buch „Die Oktoberfest-Bombe - München 26. September 1980“ veröffentlichte.
1 Von Heymann hatte in den Stasi Akten zu diesem Thema recherchiert und viele Bezüge zwischen der Neonazi-Szene und dem damaligen Attentäter entdeckt.
2 So wie diese Bücher von Chaussy und von Heymann legt jetzt auch Wolfgang Schorlau nahe, dass die Einzeltäterhypothese auch 28 Jahre nach dem Verbrechen nicht mehr zu halten ist..
1 Im Nachwort erzählt Krimiautor Schorlau geheimnisraunend, wie er an den Stoff kam: Ihn hätten eines Abends zwei Informanten angerufen:
2 „Wir haben Informationen für Sie, die Sie sicherlich interessieren:“,
1... raunte es am Telefon. Schorlau schloss daraus, dass es sich um eine Polizistenstimme handeln müsse.
2 Ob man sich treffen könne?, fragte die Polizistenstimme.
1 Ja gerne, sagt der Autor, wann und wo?
2 Na, sofort, man stünde bereits vor dem Haus und hätte einige Akten dabei.
1 Mit dieser Räuberpistole begründet Wolfgang Schorlau, wieso er einen Enthüllungskrimi über das Münchner Oktoberfestattentat habe schreiben müssen. Eine Nacht lang hätten zwei Männer, die sich nicht vorgestellt hätten, ihm Dokumente vorgelegt und sich im Morgengrauen in der Hoffnung verabschiedet, dass er, Schorlau der Autor, daraus einen Krimi machen würde.
a... und Schorlau machte.
1 Er steht damit nicht alleine: auch andere treibt dieses ungelöste Verbrechen um:: Im letzten Jahr gab es zu den Unstimmigkeiten des Falles eine 14 Seiten lange Anfrage der Grünen im Bundestag, die sich wie ein Expose zu Schorlaus Roman liest.
2 Denn: Weder die Rolle der Rechtsradikalen noch das irritierende Verhalten der Ermittlungsbehörden im größten Terroranschlag, den es in der BRD jemals gab, ist bis heute geklärt.
1 Ein grandioser Stoff für einen professionellen Wadlbeißer wie Schorlau, der sich gern in Verschwörungstheorien und Fakten verliert und - manchmal etwas holzschnittartig - daraus seine Krimis zimmert.
2 Aber gerade weil „Das München-Komplott“ von Wolfgang Schorlau, erschienen als KiWi-Taschenbuch, über weite Strecken ein verstörender Tatsachenroman ist, stört das Gewollte der literarischen Konstruktion, unter dem Schorlaaus Krimis manchmal leiden, diesmal wenig.
1 Man sieht - weil es gegen Ende richtig spannend wird - auch darüber hinweg, dass sich die Liebe einer adligen kostümbekleideten Staatssekretärin zu einem glutäugigen, linksradikalen Tübinger Studenten, sich etwas arg kitschig liest.
a Aber schließlich geht es um die gute Sache.
2Für den politisch interessierten Linksliberalen ...
1... meint unser Rezensent ...
a... ist dieses Buch das ideale Weihnachtsgeschenk.

a = Ammer 1 +2 = Sprecher

Andreas Ammer/Bayrischer Rundfunk 21.12.09
KrimiWelt-Bestenliste Februar 2010

Erstellt: 26-05-09
Letzte Änderung: 05-02-10


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