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Historisches Foto des Monats - 22/06/09

Auf der Suche nach Gemeinsamkeiten

Gitterstäbe symbolisieren das Scheitern eines Traums. Der Mai 1968 wurde diesseits und jenseits des Rheins zum Höhepunkt einer Revolte, die in Frankreich so anders verlief als in Deutschland. Interview mit Filmemacher Andres Veiel zu einem Foto aus seinem gerade erschienenen Buch „1968 - Bildspur eines Jahres“.


In Ihrem Band „1968 – Bildspur eines Jahres“ erzählen Sie die Geschichte der Studentenbewegung in Bildern. Für das ARTE Geschichtsmagazin haben Sie ein auf den ersten Blick wenig spektakuläres Foto ausgesucht. Man bekommt nicht etwa eine Straßenschlacht, einen Sit-in oder die Kommune 1 zu sehen, sondern recht freundliche Menschen an einem Werkstor – nur durch Gitterstangen getrennt. Warum haben Sie dieses Foto ausgewählt?

Es ist ein Symbol für mich, ein Symbol für das Scheitern der Studentenbewegung 1968, also ein Wendepunkt.

Auf diesem Foto sieht man Studenten im Gespräch mit Arbeitern der Berliner Telefunkenwerke am 29.5.1968. Von der Kleidung her zu schließen sind es eher Techniker oder leitende Angestellte. Es geht ganz konkret um ein gemeinsames Vorgehen gegen die Notstandsgesetze, die in Deutschland ganz kurz vor der Verabschiedung standen. Die Studenten und zum Teil auch andere Gruppen, also Gewerkschaften, waren in diesen Maitagen in großer Sorge, dass die Notstandsgesetze Vorlage sein könnten für einen schleichenden Entdemokratisierungsprozess, dass bei Unruhen die Bundeswehr gegen Aufständische eingesetzt werden und dass Grundrechte ausgehebelt werden könnten. Das war damals Anlass genug, zu sagen: „Wehret den Anfängen!“ Man sah in den Notstandsgesetzen ein neues 1933, ein neues Reichsermächtigungsgesetz.

In dieser aufgeheizten Situation ging es darum, Koalitionen zu schmieden, und da war Frankreich das Vorbild mit seinem Mai 68: Studenten hatten zusammen mit Arbeitern Betriebe wie Renault und Peugeot besetzt, um gemeinsam gegen die Politik von de Gaulle zu protestieren, um höhere Löhne und eine Demokratisierung der Gesellschaft einzufordern.

In Deutschland hofften die Studenten, dass ein solches Zusammengehen auch möglich sein müsste angesichts einer so fundamentalen Bedrohung der Demokratie. Und hier komme ich zu dem Foto zurück: Zwischen den diskutierenden Studenten und Arbeitern sind Gitterstäbe. Keiner ist bereit, diese Gespräche woanders zu führen und das Tor, das sie trennt, wird nicht geöffnet. Das war typisch für das Verhältnis dieser beiden gesellschaftlichen Gruppen. Man demonstrierte getrennt. Es gab keinen gemeinsamen Weg. Die Notstandsgesetze wurden dann einen Tag später, am 30.5.1968 verabschiedet. Insofern stellt dieses eine Foto sozusagen den Wendepunkt der Studentenbewegung dar, denn der gesamte Aufruhr von 1968 brach in Deutschland dann sehr bald in sich zusammen.

Nachdem es nicht gelungen war, die Notstandsgesetze zu verhindern, war die große Frage: was nun? Der SDS begann sich aufzulösen; es kam zu einer Atomisierung in Splittergruppen: Die roten Garden nahmen sich Mao zum Vorbild, andere die Sowjetunion, die dritten Albanien und Jugoslawien und wieder andere waren der Auffassung, dass nur mit unmittelbarer Gewalt etwas zu erreichen sei. Gudrun Ensslin und Andreas Baader hatten schon im April 1968 ein Kaufhaus in Brand gesetzt und ab Mai 1970 gingen sie den Weg in die Gewalt auch de facto. Dieses Foto fängt also den Moment ein, als die Studenten noch versuchen, eine Gemeinsamkeit herzustellen. Aber die Gitterstäbe machen schon deutlich, dass dies ein Wunschtraum der Studenten bleibt. Viel zu entfernt waren sie mit ihren Forderungen von den Arbeitern. Die Sprache der Studenten war elitär, abgehoben, merkwürdig, ja heute würde man sagen so verschroben, dass sie im Prinzip die Arbeiter gar nicht erreichte. Sie versuchte mit Anleihen beim Marxismus, der neuen Frankfurter Schule, also Horkheimer und Adorno, zum Teil auch Marcuse, die Welt zu erklären.

Wie reagierten die Studenten, als ihnen bewusst wurde, dass die Arbeiterschaft nicht für ihren Kampf zu gewinnen war?

Als sie merkten, dass die Arbeiter nicht nur ganz woanders, sondern auf der anderen Seite standen - und damit sind wir genau wieder bei dem Foto - haben sie sich bei Marcuse eine Avantgarde-Theorie „ausgeliehen“: Die Arbeiter sind durch Konsum saturiert und haben aufgehört über ihre eigene Situation zu reflektieren. Deshalb fallen sie als revolutionärer Faktor aus. Eine neue Avantgarde, die die Revolution vorantreibt, ist notwendig. Das konnten auch einige wenige sein. Und das passte natürlich wunderbar ins Konzept der Studentenbewegung, die jetzt argumentierte: „Nun gut, wenn die Arbeiter nicht mitziehen, muss einer den Anfang machen. Wer, wenn nicht wir?“ Und später hat die RAF das ja zugespitzt: Man kann entweder Teil des Problems oder Teil der Lösung sein.

In Frankreich waren die Arbeiter nicht auf der anderen Seite. Im Gegenteil: Dort gingen die Werkstore – zumindest für einen Moment lang - auf und es gab in Paris einen großen Generalstreik. Warum erreichte man dort die Arbeiter?

Es gab unter De Gaulle eine ganz große Unzufriedenheit. Aber als Ende Mai - nach dreitägigen Lohnverhandlungen - den Arbeitern und Angestellten doch erhebliche und für sie überraschende Lohnerhöhungen zugestanden wurden, war ein Großteil der Arbeiter dann auch befriedet. „Lieber den Spatz in der Hand als die Taube auf dem Dach“ lautete die Devise und der Protest verlor einen ganz wichtigen Außenborder. Und so kam das Ende der französischen Studentenbewegung auch ganz schnell. Ausdruck dafür war die große Gegendemonstration in Paris am 31.5.1968, mit der eine Million Franzosen De Gaulle nach seiner Rückkehr aus Baden-Baden begeistert empfingen und sich damit auch für die Wiederherstellung der Ordnung aussprachen. All das, was in Deutschland auf den Mai 1968 an Radikalisierung noch folgte hat es in Frankreich – bis auf ein paar kleine Nachbeben - in dem Sinne nicht gegeben.

Und warum nicht? Warum war es in Frankreich anders?

In Frankreich war der gesamte Protest wie in einem Durchlauferhitzer durch die Unzufriedenheit der Arbeiter kurz fokussiert auf diesen Mai. Er hatte aber nicht diese Aufladung durch – verkürzt gesagt – Auschwitz. In Deutschland gab es einen viel größeren Generationenbruch, der das Gespenst des Faschismus hinter jeder Tür hat mit aufleuchten lassen. Es ging immer um alles, weil Auschwitz die Konflikte zwischen den Generationen auf Dauer belastete und aufheizte. Wie bereits erwähnt, die deutschen Studenten warfen der Polizei und dem Staat vor, über die Notstandsgesetze einen neuen Faschismus entstehen zu lassen. Das Gespenst von 1933 gab die Rechtfertigung, auf die Straße zu gehen, trug zur Bedeutungsaufladung bei. Das war ein ganz zentraler Punkt und der fiel natürlich in Frankreich weg.

Das Interview führte Angelika Schindler, April 2008.

Erstellt: 02-05-08
Letzte Änderung: 22-06-09