Erschütternde Dokumente des Zweiten Weltkriegs finden die Betrachter einer Fotoausstellung, die vom 9. Mai bis zum 28. Juli in Berlin zu sehen ist. Der russische Fotograf Jewgeni Chaldej hat sie aufgenommen. Bilder, die lügen: I wie Ikone
Berlin, 2. Mai 1945: Jewgeni Chaldej, Fotograf der sowjetischen Nachrichten-
agentur TASS, auf Motivsuche vor dem zerstörten Reichstag. Eine rote Fahne, noch in Moskau gemeinsam mit einem Schneider aus Tischtüchern genäht, soll mit auf das Bild.
Bereits zwei Tage zuvor hatte die sowjetische Armee den Reichstag erstürmt, Soldaten hissten eine erste Fahne auf der Kuppel. Da noch gekämpft wurde, war kein Fotograf anwesend. Am 2. Mai lässt daher die Führung der Roten Armee die Kapitulation Berlins nachstellen. Ihre Fotografen erhalten die Erlaubnis zum Fototermin im Reichstag. Chaldej berichtet: „Ich nahm die Fahne, die ich bei mir hatte, und sagte zu den drei jungen Soldaten: ,Lasst uns nach oben gehen und die Fahne hissen.' Also gingen wir los und kamen bis zur Kuppel. Unten im Reichstag brannte es noch, und auf die Kuppel zu klettern, war einfach unmöglich, wenn man sich nicht räuchern lassen wollte."
Der Fotograf sucht eine optimale Komposition, einen beeindruckenden Hintergrund für sein Bild - und findet ihn: die Ostseite des Reichstags, Richtung Brandenburger Tor. Die Ruinen des zerbombten Berlin sind von hier aus deutlich zu sehen. Einer der Soldaten klettert auf eine Säule und hält die an einer Stange befestigte Fahne. Der zweite, ein sowjetischer Offizier, hält seinen Fuß. Der dritte steht mit seiner Kalaschnikow daneben. Eine Serie von Bildern entsteht.
Bereits am 3. Mai fliegt Jewgeni Chaldej nach Moskau zurück und bringt das Foto zu TASS. Die Agentur beabsichtigt, es als offizielles Foto zu verbreiten. Bedingung hierfür ist jedoch, dass Chaldej eine Korrektur vornimmt. Der sowjetische Offizier, der seinen Kameraden auf der Säule stützt, trägt - deutlich zu sehen - an jedem Handgelenk eine Armbanduhr. Plünderung darf auf einem offiziellen Foto jedoch nicht dokumentiert sein, Chaldej muss eine Uhr entfernen. Dieses Foto, das im Laufe der Zeit zu einer Ikone wird, ist also nicht nur kunstvoll inszeniert, sondern zudem retuschiert.
Jewgeni Chaldej ist Jude und gerade deshalb besonders stolz darauf, dass es ihm gelungen ist, den Sieg über Hitler-Deutschland zu dokumentieren und die Siegerfahne in Erinnerung zu halten.Die drei Soldaten auf seinem Reichstagsfoto sind unbekannt. Stalin selbst benennt nachträglich zwei Russen und einen Georgier - Stalin ist auch Georgier. Bis zum Zusammenbruch des Sowjetregimes sind sie Helden, hochdekoriert mit vielen Orden. Als Ana Chaldej, die Tochter des 1997 verstorbenen Fotografen, mit dem Ende der Sowjetunion Repressalien nicht mehr fürchten muss, gibt sie in einem Interview bekannt, dass nicht diese Männer für den Fotografen posierten.
Text aus:
Bilder, die lügen
Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland (Hg.)
Bouvier Verlag, Bonn 1998
ISBN 3-416-09202-X, S. 45
Mehr über die Geschichte dieses und anderer historischer Fotos können Sie in der Ausstellung „Bilder, die lügen“ der Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland erfahren. Die Wanderausstellung fragt nach der Objektivität von Bildern und zeigt Grundmuster der Manipulation von und mit Bildern. Der Besucher taucht ein in ein „Lügen-ABC“. Rund 300 Objekte veranschaulichen die Bandbreite des Themas. Bis 3. Juli ist die Ausstellung in Mainz beim ZDF zu sehen, danach geht sie nach Nürnberg.
Die Wanderausstellung "Bilder, die lügen" ist seit dem 13. März bis zum 3. Juli 2005 im ZDF-Sendezentrum in Mainz zu sehen und wird von der Bundeszentrale für politische Bildung finanziell unterstützt.
Die Rechte am Foto liegen bei: www.voller-ernst.de







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