05/11/08
Bino Olivi (Italien)
Ein Architekt des europäischen Aufbauwerks
Wohl niemand könnte die Geschichte des europäischen Aufbauwerkes, das sich im März zum 50. Mal jährte, besser erzählen als Bino Olivi. Er war zwanzig Jahre lang Sprecher der Europäischen Kommission in Brüssel. Wie ging dieser Aufbau vonstatten? Es war ein steiniger Weg nach Europa, bestimmt von Hürden, Fallstricken und Krisen. Der Historiker Bino Olivi war mit dieser Geschichte und all ihren Protagonisten unmittelbar konfrontiert. Seit über 50 Jahren setzt er sich für ein geeintes Europa ein.
Sein Buch L’Europe difficile („Schwieriges Europa“) erzählt die Geschichte „dieses politischen Konstrukts, das eher unbekannt ist, mit Sicherheit schlecht erklärt wird und auf immer weniger Gegenliebe stößt“, wie er in der Einleitung schreibt. Es geht ihm nicht darum, „die Unvollkommenheit und die Fehler der gemeinschaftlichen Unternehmung zu leugnen – wie es der Titel ja bereits besagt“, fügt er hinzu.
Über ein halbes Jahrhundert Geschichte Europas, vom Haager Kongress von 1948 bis hin zum Entwurf für eine europäische Verfassung von 2001: Man könnte befürchten, ein solches Referenzwerk sei schwerer Tobak. Das Gegenteil ist der Fall: Alle Themen werden verständlich, eingängig und mit pädagogischem Ansatz behandelt. L’Europe difficile ist soeben in seiner dritten, aktualisierten Auflage erschienen und berichtet über die jüngsten Entwicklungen: den Europäischen Konvent, das Nein der Franzosen und Niederländer zur Europäischen Verfassung im Jahre 2005 und den Beginn der Beitrittsverhandlungen mit der Türkei. Überarbeitet wurde das Buch von Alessandro Giacone, einem jungen Politologen, der insbesondere für die letzten Kapitel über Die EU in den letzten Jahren des Jahrhunderts und Die Verfassung verantwortlich zeichnet.
Die neue Einleitung behandelt den Zustand Europas, das in einer schweren Krise steckt, weil es nicht über das geeignete Instrumentarium für die Stärkung des Integrationsprozesses verfügt, und das bei fortschreitender Erweiterung. Folglich bleiben die Argumente für eine gemeinsame Verfassung weiterhin aktuell:
Die Autoren
- Arendt, Hannah (Deutschland)
- Fleischer, Alain (Frankreich)
- Gorbatschow, Michail (Russland)
- Havel, Vaclav (Tschechische Republik)
- Kohl, Helmut (Deutschland)
- Levi, Primo (Italien)
- Mitterrand, François (Frankreich)
- Olivi, Bino (Italien)
- Rupnik, Jacques (Tschechische Republik / Frankreich)
- Sombart, Nicolaus (Deutschland)
- Tanović, Danis (Frankreich)
- Thatcher, Margaret (Vereinigtes Königreich)
- Trichet, Jean-Claude (Frankreich)
- Veil, Simone (Frankreich)
- Wajda, Andrzej(Polen)
- Weiss, Louise (Frankreich)
„Daher braucht Europa mehr denn je funktionsfähige Institutionen und ein von allen getragenes politisches Projekt. Seit Jahren hatten sich diese Notwendigkeiten im Entwurf für die gemeinsame Verfassung konkretisiert, der zum Aufbau der Zukunft der Europäischen Union beitragen sollte, indem er Grundsätze und Instrumente für die Funktionsweise des Systems bereitstellte. Die Gründe, die für eine gemeinsame Verfassung sprachen, haben nichts von ihrer Aktualität verloren: Es geht um die Bestimmung einer Organisationsform für eine aus mehreren Dutzend Staaten bestehende Gemeinschaft. Ganz im Gegensatz dazu verhindert der Vertrag von Nizza, der im Dezember 2000 in einer von Lustlosigkeit und Zynismus geprägten Atmosphäre beschlossene wurde, dass die EU zu einem großen Einigungs- und Friedensinstrument wird; er könnte sie geradezu in eine entpolitisierte Freihandelszone verwandeln und dabei das Projekt Europa allmählich zerstören.
In der heutigen globalisierten Welt muss die Europäische Union ihre Identität und Handlungsfähigkeit bekräftigen, nicht nur als großer Wirtschaftsakteur, sondern auch als einer der Protagonisten des 21. Jahrhunderts. Es obliegt Frankreich, sich an vorderster Front für diese Grundsätze stark zu machen, um eine verpasste Chance nachzuholen.“
Bino Olivi et Alessandro Giacone
L’Europe difficile
Histoire politique de la construction européenne
Gallimard, 2007, Paris
ISBN 978-2-07-034575-5
Erstellt: 28-06-07
Letzte Änderung: 05-11-08