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Wim Wenders: zum 60. Geburtstag - 09/08/05

Biografie

(Ernst Wilhelm Wenders)


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Der Arztsohn studiert nach dem Abitur in Oberhausen vier Semester Medizin und Philosophie in München, Freiburg und Düsseldorf. 1966/67 dreht er seinen ersten eigenen Kurzfilm Schauplätze. Danach einjähriger Aufenthalt in Paris mit vergeblicher Bewerbung an der Filmhochschule IDHEC, ab 1967 Studium an der Hochschule für Fernsehen und Film in München (HFFM). Während des Filmstudiums entstehen mehrere Kurzfilme; zugleich schreibt er über Film und Rockmusik in Filmkritik, Süddeutsche Zeitung und Twen. Als Abschlussarbeit legt Wenders 1971 seinen ersten abendfüllenden Film Summer in the City vor. 1971 gründet er mit zwölf weiteren Filmmachern den genossenschaftlichen Filmverlag der Autoren, der Produktion und Vertrieb neuer deutscher Filme fördern soll.

Mit Die Angst des Tormanns beim Elfmeter (1971) setzt Wenders die Zusammenarbeit mit Peter Handke fort, die 1969 mit dem Kurzfilm 3 Amerikanische LP’s begonnen hatte. Seine Protagonisten sind introspektive Aussteiger, denen als persönliche Zuflucht nur ziellose Reisebewegungen, Pop-Musik oder larmoyante Nichtstuerei bleibt. "Alice in den Städten", der 1974 den Preis der deutschen Filmkritik erhält, präsentiert in Rüdiger Vogler den quintessentiellen Wenders'schen Sinnsucher, der in Falsche Bewegung (1974/75), nach einem Drehbuch von Handke und Motiven von Goethe – von der Nordsee bis zur Zugspitze kreuz und quer durch die Bundesrepublik reist. 1975/76 entsteht ohne festes Drehbuch "Im Lauf der Zeit": die Reise zweier Männer (Vogler und Hanns Zischler) entlang der innerdeutschen Grenze beklagt ebenso das Kinosterben in der Provinz wie es die Stimmung Mitte der 1970er Jahre trifft.

Der amerikanische Freund (1976/77) nach Patricia Highsmiths Krimi weckt das Interesse von Francis Ford Coppola, der Wenders Ende 1977 die Regie von Hammett anbietet. Verschiedene Drehbuchfassungen, die Suche nach einem geeigneten Hauptdarsteller und Unstimmigkeiten über den Schluss verzögern und unterbrechen wiederholt die Dreharbeiten, so dass der Film erst 1982 in Cannes mit mäßigem Erfolg uraufgeführt wird. In den Herstellungspausen inszeniert Wenders in Lissabon Der Stand der Dinge (1981/82), der sich mit den Problemen eines Filmteams beschäftigt und in Venedig mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet wird.

Paris, Texas, 1983/84 als deutsch-französische Co-Produktion in den USA gedreht, der schon im Titel das bei Wenders zentrale Verhältnis zwischen alter und neuer Welt reflektiert, erhält in Cannes die Goldene Palme und ist international erfolgreich. Wegen Streitigkeiten über das Verleihkonzept zieht sich Wenders aus dem Filmverlag der Autoren zurück. Der Himmel über Berlin, die Engel-Allegorie in der geteilten Stadt, kommt bei Kritik und Publikum gut an und wird 1987 in Cannes mit dem Regiepreis ausgezeichnet. Der seit über einem Jahrzehnt geplante Wahrnehmungs-Science-Fiction Bis ans Ende der Welt (1990/91) ist ein weltumspannendes Roadmovie, das hinter den selbstgesteckten hohen Erwartungen zurückbleibt. Mit In weiter Ferne so nah (1992/93) kehrt Wenders in das Berlin der Engel zurück, mit Lisbon Story (1994/95) in das Lissabon der scheiternden Filmprojekte. The End of Violence (1997) dreht Wenders wiederum in den USA, eine Reflexion über Gewaltdartellung in den Medien.

Er folgt seinem alten Weggefährten Ry Cooder, von dem die Musik zu Paris, Texas und The End of Violence stammt, nach Kuba, wo mit Buena Vista Social Club (1998) eine weltweit erfolgreiche Video-Dokumentation über die alten Männer des Son entsteht. Auch in den folgenden Jahren bleibt er der Musik-Dokumentation verbunden und zeigt in Willie Nelson at the Teatro (1998), nach einem Konzept des Musik-Produzenten David Lanois, die Aufnahmen zu einem Album des Country-Superstars. Viel passiert – Der BAP Film (2000-02) widmet sich den kölner Mundart-Rockern. Mit The Soul of a Man (2003) beteiligt sich Wenders an einer von Martin Scorsese multimedial produzierten Reihe von TV-Dokumentarfilmen zum Jahr des Blues.

Unter anderem nach einer Idee des U2-Sängers Bono dreht er in einer heruntergekommenen Absteige in Los Angeles The Million Dollar Hotel (1999) mit Mel Gibson als Co-Produzent und Darsteller. Auch bei seinen nächsten Spielfilmen steht Amerika als Thema und Schausplatz im Zentrum. Während sich Land of Plenty (2004) kritisch mit dem Nationalismus und der Sicherheits-Paranoia nach den Anschlägen des 09/11 auseinandersetzt, kehrt er bei Don't Come Knocking (2004), einem Roadmovie über einen alternden Western-Star, wieder zum mythisch verklärten Amerikabild der 1980er zurück. Autor und Hauptdarsteller ist der US-Schriftsteller Sam Shepard, von dem bereits das Drehbuch zum Erfolgsfilm Paris, Texas stammte.

Zwischen den Spielfilmen findet Wenders immer wieder Zeit für persönliche filmische Essays, die häufig von Wenders verehrten Filmkünstlern huldigen, wie Nick’s Film (1979/80) über das Sterben von Nicholas Ray oder Tôkyô-ga (1983/85) über Yasujiro Ozu. Wenders arbeitet auch als Produzent, Darsteller, Kameramann oder Co-Regisseur in diversen anderen Projekten mit.
Seit 1974 betreibt er die Produktionsfirma Wim Wenders-Produktion, 1976 gründet er die Road Movies Filmproduktion GmbH, die er mit wechselnden Partnern führt.

Im Rahmen der Technik-Euphorie engagiert sich Wenders mit seiner Firma bei der New Media-AG Das Werk. Als diese nach dem Ende des New Economy-Booms Konkurs anmelden muss und Wenders der Verlust der Rechte an seinen Filmen droht, gründet er 2002 gemeinsam mit Peter Schwartzkopff in Hamburg die Reverse Angle Production GmbH mit verschiedenen Tochterfirmen im In- und Ausland. Im Rahmen dieser Firmen entstehen neben seinen eigenen Filmen auch Werke anderer Regisseure. Ausserdem betreuen sie die verschiedenen internationalen DVD-Editionen des Wenders'schen Alt-Katalogs.

Wenders, der auch als Fotograf mit Büchern und Ausstellungen international erfolgreich ist, wird 1989 Ehrendoktor der Theologie der Sorbonne in Paris, Mitglied der Akademie der Künste in Berlin, Vorsitzender der European Film Academy und seit 1993 Professor an der HFFM. 1990 erhält er das Bundesverdienstkreuz, 1991 den Murnau-Preis. Im Rahmen seiner Professur an der Hochschule für Bildende Künste Hamburg realisiert Wenders 2004/05 mit seinen Studenten ein Projekt über Träume im Film.

© hmbock

Erstellt: 09-08-05
Letzte Änderung: 09-08-05