Sein Debüt in den USA gab er am 2. Januar 1955 in der Philipps Gallery in Washington D.C. und erregte dort hohes Aufsehen. In der daurauffolgenden Woche gab er sein New Yorker Debüt in der Town Hall. David Oppenheim, der Direktor von Columbia Masterworks (später Sony Classical), nahm ihn kurzer Hand gleich am Morgen nach dem Konzert unter Exklusivvertrag. Damit begann die internationale Karriere von Glenn Gould mit weiteren Konzerten in den Vereinigten Staaten, Europa und Russland.
Aufsehenerregend waren diese frühen Auftritte jedoch hauptsächlich wegen Glenn Goulds künstlerischer Darbietung. Sie begründeten seinen Ruf als einer der herausragendsten und ungewöhnlichsten Pianisten seiner Generation. Die Musikkritiker der ganzen Welt überboten sich in neuen Superlativen und ergingen sich in Abhandlungen über seine außergewöhnliche Musikalität und zugleich haarsträubende Technik. Viele zeigten sich erstaunt über seine unorthodoxen Bach-Interpretationen. Die „Goldberg-Variationen“ fanden starke internationale Beachtung und wurde zu einem Meilenstein in Goulds Laufbahn.
1964, auf dem Höhepunkt seines Erfolgs, zog sich Glenn Gould vom Konzertgeschehen zurück, um sich Studioaufnahmen sowie zahlreichen anderen Interessen zu widmen. So widersprüchlich die Gründe für seinen Rückzug auch waren, er blieb bei seiner Entscheidung und verschwand gänzlich von der öffentlichen Bühne. Kein berühmter Musiker hatte je etwas Derartiges getan und gewagt. Doch dieser scheinbar nicht sehr geschäftstüchtige Schritt tat seiner Popularität keineswegs Abbruch; seine Platten verkauften sich weiterhin.
Goulds Studioeinspielungen sind inzwischen Legende geworden - nicht nur wegen seiner inzwischen vielzitierten Extravaganzen: Neben Stapeln von Handtüchern (Gould tauchte seine Hände vorher zwanzig Minuten lang bis zu den Ellbogen in warmes Wasser) benötigte der Pianist zwei große Flaschen Mineralwasser, fünf verschiedene Sorten Pillen mit diversen Indikationen sowie einen speziell angefertigten Stuhl, dessen unverwechselbares Knarren zu Goulds musikalischem Markenzeichen wurde. Auch musste die Innentemperatur unbedingt konstant bleiben; jede Temperaturschwankung wurde ungnädig registriert. Kein Wunder, war doch Gould zur Überraschung der Toningenieure zur ersten Aufnahme mitten im milden New Yorker Juniwetter eingemummelt in einen dicken Mantel, mit Baskenmütze, Schal und Handschuhen erschienen.
Gould starb am 4. Oktober 1982 an einem Schlaganfall, nur zehn Tage nach seinem fünfzigsten Geburtstag. Das Erbe, das er uns hinterlassen hat, ist groß : Aufnahmen im Umfang von mehr als fünfzig Stunden sind im Handel erhältlich, Radio- und Fernsehsendungen, die Musik für die beiden Filme „Slaughterhouse-Five“ (1972) und „The Wars“ (1982) und einige der frischesten und unerschrockensten Musikkritiken des späten 20.Jahrhunderts, sowie Schriften über Medien und Tonaufzeichnung.






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