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ARTE Reportage - 16. November 2005 - 20/02/06

Birmingham: Ein Königreich und seine Krawalle

David Muntaner, Alexandre Rossignol und Hervé Thiry ARTE GEIE - Frankreich 2005


Großbritannien hat 60 Millionen Einwohner, fast fünf Millionen sind ausländischer Herkunft. In den 1980er Jahren tobten in den Vororten der britischen Großstädte schwere Unruhen; die Regierung hat daraufhin eine effektive Integrationspolitik für ethnische Minderheiten in die Wege geleitet.
Vor drei Wochen kam es in Lozell, einem Viertel im Norden von Birmingham, der zweitgrößten Stadt Großbritanniens, zu erneuten Ausschreitungen; Autos gingen in Flammen auf, ein Mann wurde getötet. Ein Krieg gegen die Regierung hat sich dennoch nicht entwickelt. Wie ging diese mit der Krise um? Wie leben die Menschen in einem der ärmsten Viertel Großbritanniens?


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Lozell Street


Lozell Street, im Herzen der nördlichen Viertel von Birmingham… den so genannten « Problemvierteln »...
Hier gibt es zwar keine Hochhaussiedlungen, aber die Bevölkerung ähnelt der der französischen „Cités“: 90 Prozent Einwanderer; aus Jamaika, Pakistan, Indien, Bangladesh... In Lozell Street stehen Kirchen neben Moscheen und hinduistischen Tempeln. Eines haben die Menschen hier alle gemeinsam: Sie sind arm. Über ein Viertel der Bewohner sind arbeitslos.
Sich durchschlagen und kämpfen mussten die Menschen in Lozell Street schon immer...


Bini, Sprecher der Farbigen in Lozell

Bini ist der beste Freund von Moqapi. Bini ist Sprecher der Farbigen in Lozell, er leitet dieses Gemeinschaftszentrum. Auch er musste kämpfen - seit er 16 ist, seit er sein Heimatland Jamaika verlassen und zum ersten Mal britischen Boden betreten hat.

„Diese Fotos zeigen Reaktionen gegen die Brutalität der Polizei, einer Brutalität, der die Schwarzen ausgesetzt waren, als sie in den 50er Jahren in großen Maße nach Großbritannien kamen. Auf den Rassismus reagieren die Jugendlichen mit radikalem Protest. Außerdem haben die Jugendlichen immer mehr mit der Arbeitslosigkeit zu kämpfen; hier sind vor allem die Schwarzen davon betroffen, in Frankreich die Nordafrikaner. Doch das interessiert keinen. Sobald es zu einem Zwischenfall kommt, folgt die Reaktion der Jugendlichen – mit dem einzigen Mittel, das sie haben, um sich aufzulehnen und ihrer Wut Ausdruck zu verleihen...“


Bandenkämpfe

Am 22. Oktober diesen Jahres war die Wut in den Straßen von Lozell wieder ausgebrochen. Bandenkämpfe zwischen Jugendlichen aus Asien und Jamaika haben ein Todesopfer gefordert. Autos brannten, Schaufensterscheiben zerbrachen; das Viertel stand kurz vor der Explosion.


Drei Wochen später ist davon kaum noch etwas zu sehen. Die Wut scheint so schnell verschwunden, wie sie ausgebrochen ist.
Solche Bilder sind in Frankreich unvorstellbar: Die britischen Bobbies patrouillieren wieder im Viertel; friedlich und unbewaffnet. Die Unruhen in Frankreich sind auch nach drei Wochen noch nicht unter Kontrolle, die britische Polizei hat schon nach zwei Tagen wieder für Ruhe und Ordnung gesorgt.

„Die Lage in Frankreich ist momentan um einiges problematischer als in Großbritannien. Auch hier gab es Probleme, aber die waren innerhalb eines Abends gelöst. Am nächsten Tag herrschte wieder Ruhe...“



Eine bürgernahe Polizei

Die Polizisten kommen alle aus dem Viertel, wir kennen sie gut, sie machen hier ihre Arbeit. Die Anführer der verschiedenen Gruppen kennen sie auch; sie reden miteinander und organisieren Begegnungen. So können Probleme einfacher gelöst werden.

Nigel Smith ist ein Vertreter dieser bürgernahen Polizei. Sei 27 Jahren geht er durch die Straßen des Viertels, unterhält sich mit den Bewohnern. Hier kennt ihn jeder. Die Gewalt während der Unruhen hat sich deshalb auch nie gegen die Polizei gerichtet.
Selbst die Polizeiwache um die Ecke wurde verschont...



Mohammed Hanif – Ein Polizeibeamter pakistanischer Herkunft

Mohammed Hanif koordinierte die Polizeieinsätze während der Unruhen. Der Polizeibeamte pakistanischer Herkunft ist stolz darauf, das Schlimmste verhindert zu haben...

„Ich weiß, dass die Unruhen in Frankreich nun schon einige Tage andauern. Das könnte in Großbritannien nicht passieren, glaube ich. Denn wir verfolgen das Konzept der bürgernahen Polizei, wir sind in Kontakt mit den Menschen vor Ort. Wir reden mit ihnen über die Probleme, die sie beschäftigen. Und dann versuchen wir, diese Probleme zu lösen. Wir pflegen einen engen Kontakt zu den Bewohnern des Viertels.

In meinem Bezirk kann ich in einer Stunde an die 50 Bürgervertreter an einem Tisch versammeln, um aktuelle Probleme zu besprechen. Für die Kriminalitätsbekämpfung ist das sehr nützlich. Vor kurzem sind wir gegen ein Netz von Drogendealern vorgegangen; es waren die Bewohner, die uns sagten, wo wir sie finden können.
So konnten wir innerhalb weniger Tage das Netz des Drogenhandels zerschlagen und Drogen beschlagnahmen. Genau so verstehe ich die Arbeit der Polizei: Sie muss mit den Bewohnern arbeiten, nicht gegen sie.“



Ndo und die Revolution

Doch ganz so idyllisch ist es nicht in Lozell Street. Arbeitslosigkeit und Armut schüren die Rivalitäten zwischen den ethnischen Gruppen. Darüber und über die Unruhen in Frankreich möchten die Leute auf der Straße lieber nicht reden; man weiß nie, wer zuhört...

Darüber redet man höchstens in den Hinterhöfen der Arbeiterviertel.
Ndo kennt die Jugendlichen, die an den Unruhen beteiligt waren; er hat sie sogar gefilmt, am Nachmittag des 22. Oktobers, als sich die Gemüter erhitzten.

„Das musste passieren, die Jugendlichen mussten es tun, damit die Regierung endlich reagiert. So beginnen Revolutionen; und das war eine Revolution, sie musste stattfinden. Das, was in Frankreich passiert, hätte genau so gut auch hier passieren können. Der Unterschied liegt in der Art und Weise, mit der die Behörden damit umgehen. Wenn auf den Straßen überall schwerbewaffnete Polizisten zu sehen sind, schürt das die Wut noch mehr, dann kommt es erst recht zu einem Aufstand. Die Polizei hat es verstanden, sich im richtigen Moment zurückzuziehen, vielleicht ist die Lage deswegen nicht so eskaliert wie in Frankreich.“



Minderheiten in den Stadträten

Ein weiterer Grund liegt vielleicht darin, dass die Minderheiten aktiv am politischen und gesellschaftlichen Leben ihres Viertels beteiligt sind. In einer Schule findet an diesem Abend das erste „Schlichtungstreffen“ nach den Unruhen statt. In Birmingham gibt es insgesamt 120 gewählte Stadträte. Das sind die Vertreter des Bezirks von Lozell: Eine junge Sikh, ein Jamaikaner, ein Pakistani...

Wir besuchen den pakistanischen Stadtrat bei sich zu Hause. Mahmood Hussein kann auf eine erfolgreiche politische Karriere in Großbritannien zurückblicken. Seine Jugend bis zum 11. Lebensjahr hat er in den Bergen von Kaschmir verlebt:


„Ich möchte Ihnen ein Foto aus meiner Jugend zeigen, wenn ich eins finde…
Das bin ich, das ist meine Frau, und das meine Schwester und mein jüngerer Bruder. Als ich 1962 nach Großbritannien kam, sprach ich kein Wort Englisch. Jahre später wurde ich zum Bürgermeister gewählt...
Als wir hierher kamen, ließ unsere Familie sich in Blackpool nieder. In der Schule war ich das einzige asiatische Kind. Die ersten Tage waren sehr schwer für mich; ich konnte kein Englisch und konnte mich nicht mit den anderen Kindern unterhalten oder mit ihnen spielen. „

Aus dem Nichts bis zu einem verantwortlichen Amt :
Mahmood Hussain hat einen beachtlichen Sprung nach oben gemacht ; er war zwei Jahre lang Bürgermeister der zweitgrößten Stadt Großbritanniens…


„Dieser Erfolg ist der britischen Politik zu verdanken, es ist aber auch ein Erfolg für die ethnischen Minderheiten im Land. Es gibt nicht nur Bürgermeister, die aus ihren Reihen gewählt werden, sondern auch Abgeordnete, die die Minderheiten im Parlament vertreten. Wenn man sich wirklich engagiert, gibt das politische System jedem die Möglichkeit, es in diesem Land zu etwas zu bringen“.



Ethnische Ghettos?

Seine Integrationspolitik hat Großbritannien in den 80er Jahren entwickelt. Damals kam es in Vororten aller großen Städte zu den schwersten Unruhen in der Geschichte des Landes. Sie ist in Europa vielleicht die toleranteste Politik gegenüber Minderheiten. Aber sie hat auch negative Folgen: Sie führt zu wahren ethnischen Ghettos und verhindert, dass die Einwanderer – wie Moqapi – sich wirklich als Briten fühlen:


„Ich fühle mich als Afrikaner. Ich bin in England geboren, aber ich fühle mich nicht als Brite, denn für die gibt es ein ganz bestimmtes Muster: Sie sind weiß, angelsächsisch und protestantisch. Ich bin weder das eine noch das andere, kann mich also mit diesem „britischen oder englischen Muster“ nicht identifizieren.
Aber wir möchten, wie alle anderen, unseren Platz in dieser Gesellschaft bekommen. Denn wir arbeiten hier und wir zahlen Steuern.
Wir haben ein Zentrum für unsere Bevölkerungsgruppe, das ist alles, was uns gehört. Einige von uns sind seit 50 Jahren hier – und ich weiß nicht, wann wir uns endlich als Briten fühlen werden. Ich glaube nicht, dass es so weit kommen wird. Ich fühle mich nicht als Brite, ich weiß nicht, ob meine Kinder sich als Briten fühlen und ob meine Enkel es eines Tages tun werden... Ich glaube nicht daran.“


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ARTE Reportage
Mittwochs um 21.40 Uhr, 52 Min.
Wiederholung donnerstags um 16.50 Uhr
ARTE G.E.I.E., Frankreich

Erstellt: 23-01-06
Letzte Änderung: 20-02-06