Der Ruf zu den Waffen
Einer Volkszählung aus dem Jahr 1860 zufolge waren vier Millionen Menschen, also 13% der amerikanischen Gesamtbevölkerung, im Ausland geboren. Nach den Iren waren die Einwanderer aus den deutschen Staaten mit 1.276.075 Personen die zweitstärkste Bevölkerungsgruppe. Die Franzosen lagen mit 109.870 Personen an fünfter Stelle. Trotz dieses großen Abstands wiesen beide Gruppen Gemeinsamkeiten auf: Vorwiegend handelte es sich um erst kürzlich eingewanderte junge Männer ländlicher Herkunft, die in den Vereinigten Staaten ein besseres Leben suchten. Die große Mehrheit dieser Einwanderer ließ sich in den Nordstaaten nieder, die die Speerspitze des industriellen und gesellschaftlichen Fortschritts bildeten, während im nahezu isolierten Süden die Plantagenbesitzer wegen des einträglichen Baumwollgeschäfts und der billigen Sklavenarbeit wenig Interesse an einer rasanten Industrialisierung zeigten. Sie ließen sich vor allem in den großen Städten Neu-Englands (New York, Philadelphia und Boston) sowie im Mittleren Westen nieder, wo viele Bauern billiges Land erwarben. In der Konföderation dagegen nahmen nur Louisiana und Texas ausländische Siedler auf. Die an vielen verschiedenen Orten lebenden Deutschen und Franzosen, darunter viele Revolutionsflüchtlinge, hingen ganz unterschiedlichen Ideen an, versuchten sich neu zu orientieren und neigten im Allgemeinen dazu, in der amerikanischen Bevölkerung aufzugehen.
Es gab verschiedenste Gründe, sich dem einen oder anderen Lager anzuschließen. Die einen begeisterten sich für ihre Wahlheimat und kämpften mit dem Gewehr zugleich um ihre soziale Anerkennung. Andere verteidigten mit der Waffe ihre Überzeugungen: Die Deutschen im Staate Missouri waren militante Gegner der Sklaverei und kämpften massenweise in den Reihen der Union. Die Franzosen in New Orleans unterstützen das Anliegen der Südstaaten. Andere Freiwillige, die unter der kriegsgeschwächten Wirtschaft zu leiden hatten, leisteten Kriegsdienst, um wenigstens vorübergehend der Not zu entgehen. Dazu kamen viele junge Männer, die auf Abenteuer und Zerstreuung aus waren und nicht die geringste Vorstellung von den Gefahren und Strapazen des Soldatenlebens hatten.
Ohne die Deutschen hätten wir die Yankees schon längst besiegt! (Robert E. Lee)
Selten vergaßen die kämpfenden Einwanderer ihre Herkunft. In beiden Lagern waren sie von dem Wunsch beseelt, sich als tapfere Kämpfer der kriegerischen Traditionen ihres Heimatlandes zu erweisen. So kam es zur Bildung ethnisch geprägter Regimenter. In New York wurden nach einer regen Rekrutierungskampagne drei französische Einheiten gegründet: die „Gardes La Fayette“ (55. New Yorker Freiwilligenregiment), die „Zouaves d’Epineuil“ (53. Regiment) und die „Enfants Perdus“ (Independent Korps); in Louisiana/New Orleans entstanden die „Légion française“ und die „Brigade française“ zum Schutz der Bürger. In den Streitkräften des Nordens kämpften etwa 200.000 Deutsche. Daher der berühmte Ausspruch des Konföderiertengenerals Lee: „Ohne die Deutschen hätten wir die Yankees schon längst besiegt!“ An die sechzig Regimenter mit mehrheitlich deutschen Soldaten stritten auf der Seite der Union; die meisten wurden in den Staaten New York, Ohio, Missouri, Pennsylvania und Wisconsin aufgestellt. Das XI. Korps der Potomac-Armee bestand größtenteils aus Deutschen. Im Süden hingegen, wo viel weniger Ausländer kämpften, hatte allein das 20. Infanterieregiment einen erheblichen Ausländeranteil vorzuweisen.
Auf den Schlachtfeldern der Neuen Welt
Zahlreiche Immigranten stiegen ihren Verdiensten entsprechend in der Armee auf. Der aus der Bretagne stammende Adlige Régis de Trobriand, durch nichts für eine militärische Karriere vorherbestimmt, wurde zum Regimentskommandeur der „Gardes La Fayette“ gewählt, stieg dank seiner Verdienste zum General auf und befehligte die in der Schlacht von Gettysburg kämpfende Brigade. Dieselbe Karriere machte Alfred Napoléon Duffié, ehemaliger Kavallerieoffizier der französischen Armee. Auch der im Elsass geborene Victor Girardey, der sich begeistert der Sache der Konföderierten anschloss, wurde Brigadegeneral, bevor er 1864 bei der Belagerung von Petersburg fiel. Die Liste der deutschen Offiziere ist länger. Auf beiden Seiten wurden an die siebzig Regimenter von Deutschen befehligt. Im Nordstaatenkorps machten sich die Generäle Carl Schurz, Franz Sigel und Peter Osterhaus verdient, Ludwig Blenker und Baron Adolf von Steinwehr stiegen zu Brigadegenerälen auf. Auf der Seite der Konföderierten wurde John Wagener nach der Belagerung von Charleston/South Carolina zum General befördert.
Viele junge Adlige, deren Vorbilder La Fayette oder Baron von Steuben waren, strebten nach Ruhm, wollten kämpfen oder suchten einfach Zeitvertreib und traten in die Arme der Union oder der Konföderierten ein, wo der Bedarf an kompetenten und erfahrenen Offizieren groß war. Am bekanntesten dürften die Fälle der Prinzen von Orléans sein. Der Graf von Paris und sein Bruder, der Herzog von Chartres, die Enkel von König Louis Philippe, beide Gegner des Zweiten Kaiserreichs, verließen ihr Londoner Exil und dienten neun Monate als Captain unter General McClellan, dem Oberbefehlshaber der Potomac-Armee. Dort begegneten sie dem aus einer angesehenen preußischen Familie stammenden Kavallerieoffizier Paul von Radowitz, der sich in der Schlacht von Antietam im September 1862 hervortat. Prinz Camille de Polignac, Sohn des ehemaligen Ministers von Karl X. schloss sich den Konföderierten an und erlangte schließlich den Rang eines Generals. In Richmond, der Hauptstadt der Konföderierten, begegnete er dem pommerschen Adligen Heros von Borcke, der als Rittmeister das preußische Heer verlassen hatte, um auf der Seite der Sezessionisten zu kämpfen, wo er es dank General Lee bis zum Oberstleutnant brachte.
All diesen Einwanderern ebnete der Bürgerkrieg den Weg in die Integration.
Die deutschen und französischen Soldaten zahlten einen hohen Preis für ihre Parteinahme in diesem Konflikt. In der Schlacht von Chancellorsville im Mai 1863 wurden die deutschen Einheiten des XI. Korps der Potomac-Armee von der Südstaatenarmee überrascht und unter großen Verlusten geschlagen. Während der Schlacht von Fair Oaks im Juni 1862 verlor das französische Regiment „Gardes La Fayette“ ein Viertel seiner Leute, als es eine Artillerieeinheit verteidigte. Im Staat Missouri hatten es aufständische Freischärler auf die Deutschen abgesehen, gegen die sie einen abgrundtiefen Hass hegten. In zehn texanischen Countys, in denen die Behörden der Konföderierten das Kriegsrecht ausgerufen hatten, wurden die „rebellischen“ Deutschen unaufhörlich von Kavallerieabteilungen verfolgt, so dass Hunderte von Einwanderern Richtung Mexiko fliehen mussten. Zwei wichtige Beiträge verdienen noch erwähnt zu werden: Die französischen Milizen von New Orleans verhinderten in ihrer Eigenschaft als Stadtwachen die Zerstörung der Stadt, als diese im April 1862 von der Unionsarmee erobert wurde. Auf der anderen Seite war es der raschen Mobilisierung der in den Grenzstaaten Missouri und Kentucky ansässigen deutschen Gemeinschaft zu verdanken, dass diese Staaten zumindest zu Beginn des Krieges in der Union verblieben.
All diesen Einwanderern ebnete der Bürgerkrieg den Weg in die Integration. In der Armee wurden Vorurteile abgebaut, es konnten neue Bande geknüpft werden, und es öffneten sich zuvor verschlossene Türen. Die Ausländer, die in der Unionsarmee gedient hatten, erhielten die Staatsbürgerschaft und bekamen sogar eine Rente gezahlt. Im Süden verlieh der Mythos der „Lost Cause“ den Veteranen über mehrere Generationen hinweg einen Glorienschein. Kurz, ob sie nun zu den Gewinnern oder Verlierern zählten, die blaue oder die graue Uniform trugen, sie hatten sich einen Platz in der amerikanischen Nation gesichert.
Farid Ameur







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