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Montag, 20. Februar um 20.40 - 16/09/08

Blinder Schacht

Mang Jing (Blinder Schacht)
(Hongkong, China/Deutschland 2003, 92')
Regie und Drehbuch: Li Yang
Darsteller: Li Yixiang, Wang Shuangbao, Wang Baoqiang
Berlinale 2003, Wettbewerb: Silberner Bär




Synopsis: Song (Li Yixiang) und Tang (Wang Shuangbao) sind arme Schlucker, die sich in den gefährlichen Kohleminen der inneren Mongolei als Tagelöhner verdingen. Ein heimtückisches Motiv steckt dahinter. Sie reden junge Arbeitswillige auf der Straße an und versprechen ihnen einen Job in der Mine. Einzige Bedingung - die Minderjährigen müssen ihre Papiere fälschen und sich als Verwandte ausgeben. Sobald man sie in die Mine gelockt hat, erschlagen die beiden ihr Opfer und verlangen vom Minenbesitzer die ihnen als "Verwandte" zustehende Provision. So soll es auch dem 16-jährigen Yang ergehen. Aber Song entwickelt für den Jungen väterliche Gefühle.

Kritik: Aus ihren Schlafverschlägen trotten im Morgengrauen ein paar graue Gestalten in die karstige Steinbruch-Landschaft. Sie sind zu müde, um zu sprechen, ihre Rituale auf dem Weg zur Arbeit wirken leblos. Regisseur Li Yang, der in Köln Regie studiert hat und anschließend drei Filme in Deutschland gemacht hat, beginnt seinen Film mit beinahe dokumentarischen Bildern, aus denen eine präzise Beobachtungsgabe spricht. Als die beiden Kumpel in den Schacht hinunterfahren und der Lichtschacht oben immer kleiner wird, da ahnt man schon, dass dieses harte Bergarbeiter-Leben in einem blinden Schacht enden muss.
8000 Kumpel kommen Jahr für Jahr in den teils privatisierten Kohlebergwerken der Inneren Mongolei ums Leben. Auch eine der Minen, in welcher der Regisseur 700 Meter unter Tage filmte, stürzte ein und begrub Menschen unter sich. Kein Wunder also, dass die chinesischen Behörden seinen Film verboten, obwohl er nach einem preisgekröntem Buch über eine wahre Geschichte entstand. Auch eine Karaoke-Szene ist sicher schuld daran - die beiden Antihelden der Geschichte singen dabei mit zwei Prostituierten die Melodie der alten Staatshyme, doch der Text bejubelt ironisch den Siegeszug des Kapitalismus. Li Yang ist ein großartiger Beobachter des Milieus und der darin lebenden Menschen. Der kein Blatt vor den Mund nimmt und keinen Blick scheut, wenn er die Abgründe der Modernisierung Chinas beschreibt. In diesem Wildost-Kapitalismus gieren die Menschen am unteren Ende der Sozialskala nach Arbeit, Geld, Sex und ein bisschen Glück. Das Mitleid, das seinen Akteuren verloren gegangen ist, schenkt ihnen beim Betrachten wieder. So auch Song, der eigentlichen tragischen Figur der Geschichte. Er, der auszog, um Schulgeld für seinen Sohn zu verdienen, damit dieser einmal ein besseres Leben hat, wird selbst zum Mörder eines Jungen, der sein Sohn sein könnte. Warum Mitleid haben, wenn keiner Mitleid mit mir hat?, sagt Song. Wie er es dann doch noch wieder findet, ist dramatisch und bewegend zugleich. Es gibt einen Ausweg aus dem blinden Schacht!

Martin Rosefeldt



Synopsis: Ein Wintermorgen in einer der notdürftig ausgerüsteten Kohlegruben im Norden Chinas - für Song und Tang sowie für dessen Bruder Chaolu, der erst vor ein paar Tagen hier angekommen ist, beginnt ein harter Arbeitstag. Tief unten im Schacht töten Tang und Song Chaolu, tarnen ihr Verbrechen als Unfall und streichen die Entschädigung ein, die für die Familie des Opfers bestimmt ist. Stolz auf ihren genialen Trick, machen sie sich auf die Suche nach einem neuen Opfer. Tang findet schließlich einen jungen Bauern, den 16jährigen unerfahrenen und sanftmütigen Yuan, den sie als Songs Neffen ausgeben.

Kritik: Niemand wird daran zweifeln, dass es für Li Yang, wie er sagt, lebensgefährlich war, diesen Film zu drehen. Blind Shaft ist halb Dokumentarfilm über die illegalen Kohleminen in China, halb Science Fiction über das Elend, das das Gewissen abtötet. Die Aussage dieses Films war ganz sicher nicht nach dem Geschmack der chinesischen Behörden, die sein Erscheinen verboten. Dennoch stellt sich die Frage, ob der Regisseur bei allem persönlichen Mut wirklich die richtigen Ausdrucksmittel gewählt hat. Obwohl Blind Shaft kein Beispiel für eine gute Regie ist und keinerlei Stil hat, kann man ihm nur schwer folgen, und ihn zu mögen ist ganz unmöglich. Die einzelnen Szenen sind so langsam gedreht, dass sie Schmerzen verursachen, ohne jedoch interessant zu sein. Die handelnden Personen, ein Bergarbeiterduo ohne Bildung noch Moral, sucht sich Opfer, um so an deren Geld zu kommen. Zu keinem Zeitpunkt wecken sie unser Interesse oder unser Verständnis. Das Nachdenken über ihre Schuld und das allgemeine Elend, das unter einem an Dostojewski erinnernden Blickwinkel erfolgt, geht nicht sehr tief. Abgesehen von den Aufnahmen der alten schmutzigen Plastikplanen inmitten all des Staubs und Gerölls wirken die unsauberen und schlecht ausgerichteten Einstellungen farblos und tot, was dem Film etwas Schmutziges, Sinnloses gibt.

Delphine Valloire




Erstellt: 03-02-06
Letzte Änderung: 16-09-08