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DVD-News - 25/10/06

Boogie Nights

Ein Film von P.T. Anderson


Ein echtes amerikanisches Filmwunder

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  • Synopsis

Der 17-jährige Nachtclub-Tellerwäscher Eddie Adams (Mark Wahlberg) steigt dank seines ‚guten Stücks’ und Porno-Produzent Jack Horner (Burt Reynolds) unter dem Pseudonym ‚Dirk Diggler’ zu einem der bekannten Pornostars der amerikanischen Pornoindustrie der 70er Jahre auf.


  • Der Kommentar zum Film

Gerade einmal 27 Jahre alt war Regisseur Paul Thomas Anderson, als er für sein opulentes, über zweieinhalb Stunden langes Hollywooddebüt „Boogie Nights“ gleich eine ganze Schar bekannter und etwas in Vergessenheit geratener (Burt Reynolds) Hollywoodstars versammeln konnte und damit nicht nur seinen Ruf als vielleicht genialster Nachwuchsregisseur Hollywoods festigte, sondern auch die Karrieren einiger Schauspieler beförderte. Kein Wunder, dass weniger später für das Nachfolge-Projekt „Magnolia“ sogar Tom Cruise bei Anderson anklopfte, um für wenig Gage eine kleine Nebenrolle spielen zu dürfen.

„Boogie Nights“ basiert einerseits auf einem Kurzfilm Andersons über einen fiktiven Pornoschauspieler namens „Dirk Diggler“ und andererseits auf Pornodarstellerbiographien wie die von 70er-Jahre-Superstar Paul Holmes, dessen Filme ‚PTA’ als Teenager, der selbst in den Vororten der Filmkapitale Los Angeles – im San Fernando Valley aufwuchs, zu Dutzenden konsumierte. Wie Anderson wächst auch Eddie Adams in dieser Möchtegern-Vorstadt-Pseudoidylle auf, in der die Neurosen blühen und sich die Menschen einander entfremdet haben, um schließlich auszubrechen und auf der Suche nach einem neuen Zuhause nach neuen Ersatzfamilien Ausschau zu halten.

Diese Ersatzfamilie sucht und findet Eddie (grandios verkörpert vom damaligen berühmten Calvin-Klein-Unterwäschemodell Mark Wahlberg) in „Boogie Nights“ im spendablen Haus von Pornoregisseur Jack Horner, gespielt von Burt Reynolds, dem unter Anderson ein sehr wagemutiges Comeback als Qualitätsschauspieler gelingt; musste Reynolds doch einerseits gleich gegen eine ganze Riege von jungen Hotshots des amerikanischen Independent-Kinos, wie Philip Seymour Hofmann, John C. Reilly oder William Macy anspielen, die zugleich auch Andersons Freunde waren und andererseits seitenlange Texte als fürsorglicher Pornoübervater einstudieren. Genauso wie er brillieren auch Julianne Moore als Horners Muse Amber Waves, Heather Graham als rollerbladende Pornoatrice oder Philipp Seymour Hofmann als tuntiger Regieassistent, der Eddie alias Dirk Diggler mit Haut und Haaren verfällt.

„Boogie Nights“ ist als Film ein echtes amerikanisches Filmwunder – gelingt es doch einem Newcomer, ein großes Ensemble von hervorragenden Schauspielern einerseits zu führen und ihnen andererseits allen Platz für ihre darstellerischen Freiheiten zu lassen. Dafür sorgt auch Andersons virtuoser Umgang mit der Kamera. Ständig ist sie in Bewegung, umkreist ihre Figuren, ändert urplötzlich ihre Richtung bzw. folgt sie neuen Personen. So z.B. auf einer der berüchtigten Poolpartys im Haus des Pornoregisseurs, wo Anderson mit einer Spezialkamera einem Mädchen im Bikini sogar unter Wasser ins Swimmingpool folgt, um vor John C. Reilly wieder aufzutauchen. Doch Anderson ist vor allem auch ein großartiger Drehbuchautor, der Sätze minimal ausfeilt, mittels kleiner Satzzeichen Betonungen und Interpretationshilfen für seine Schauspieler liefert. Dieser Präzision und absoluten Beherrschung seines Handwerks steht auf der anderen Seite jener Mut zur Improvisation gegenüber, die Andersons Inszenierungsstil und die Schauspielleistungen kennzeichnen. Da stört es wenig, wenn „Boogie Nights“ manchmal etwas zu detailverliebt und vom geraden Handlungsfaden abweichend Nebenschauplätzen und –figuren folgt. Mit Hilfe eines großartigen Soundtracks, der zusätzlichen Filmmusik seines Freundes Michael Penn (der in einer Nebenrolle als Toningenieur auftritt) hat P.T. Anderson ein präzises, humorvolles und dennoch tiefgründiges Abbild der Pornoindustrie der 70er entworfen, samt ihres Größenwahns, ihrer Drogenexzesse und Hysterien, die schließlich mit Auftauchen der Videotechnik in einem totalen Zusammenbruch und dem Karriereende vieler 70er-Jahre-Pornohelden gipfeln sollte.


  • Das Bonusmaterial

Leider ein paar Jahre zu spät, aber nicht zu spät hat Arthaus die Rechte der amerikanischen New Line- DVD-Edition erworben und diese wunderbare Premiumausstattung auch originalgetreu übernommen. Die Extras verteilen sich auf beide DVDs. Am aufschlussreichsten sind die beiden Audiokommentare – einerseits von P.T. Anderson, andererseits von Schauspielern wie Don Cheadle, Julianne Moore oder William Macy eingesprochen, die zu unterschiedlichen Zeitpunkten vom Regisseur befragt wurden. Auf der Extra-DVD findet sich nicht nur ein von Anderson gedrehtes, geniales Musikvideo zum Song „Try“ seines Freundes Michael Penn, sondern auch herausgeschnittene Szenen, die zeigen, mit wie viel Spaß und Improvisationslust das Team bei der Sache war. Höhepunkt dabei sind die „John C. Reilly-Files“, Improvisationen des Anderson-Lieblingsschauspielers, in denen Reilly in seiner Rolle als bester Freund von „Dirk Diggler“ und Pornokollege zu grandioser Form aufläuft.

Martin Rosefeldt

Boogie Nights
Label: Arthaus
Genre: Drama
Produktionsjahr: 1997
Produktionsland: USA
Kinostart: 04.06.1998
FSK: ab 16 Jahren
Lauflänge: ca. 149 Minuten
Darsteller: Juliane Moore, Mark Wahlberg, Burt Reynolds, John C. Reilly, Heather Graham, William Macy, Philip Seymour Hofmann u.a.
USA, 149’, 1997, 2,40:1 (widescreen)
Arthaus/Kinowelt

Stab
Regie: Paul Thomas Anderson
Drehbuch: Paul Thomas Anderson
Kamera: Robert Elswit
Produktion: Lloyd Levin, Paul Thomas Anderson, John Lyons, JoAnne Sellar

Technische Angaben
DVD Bild: 2,35:1 (anamorph)
DVD Sprachen/Ton: Deutsch, Englisch (5.1 Dolby Digital)
DVD Untertitel: Deutsch

DVD Extras
- Audiokommentare von P. T. Anderson und dem Filmteam
- Deleted Scenes mit Audiokommentar von P. T. Anderson
- Musikvideo "Try", The John C. Reilly Files, Die Musik im Film, Farbbalken, Easter Egg

Erstellt: 24-10-06
Letzte Änderung: 25-10-06