Schriftgröße: + -
Home > Film erleben > Berlinale 2009

Berlinale 2009

Verfolgen Sie vom 05. bis 15. Februar mit ARTE und arte.tv das Tagesgeschehen eines der bedeutendsten Filmfestivals der Welt.

> Tag für Tag > Books at Berlinale

Berlinale 2009

Verfolgen Sie vom 05. bis 15. Februar mit ARTE und arte.tv das Tagesgeschehen eines der bedeutendsten Filmfestivals der Welt.

Berlinale 2009

Berlinale 2009 - Schwerpunkte - 13/02/09

Books at Berlinale

Buch, Bild und Brötchen

Das altehrwürdige Berliner Abgeordnetenhaus an einem recht frühen Berlinalemorgen. In einem Saal rund 20 große Tische mit Croissants, Kaffeekannen und Schildern darauf. Nein, kein Speeddating-Singletreff, hier haben sich Literatur und Film zum Stelldichein verabredet – „Breakfast and Books“.

An der Liaison von Buchstabe und bewegtem Bild per se ist zunächst einmal nichts neu und noch weniger befremdlich, seit Bestehen des filmischen Mediums gehören Drama und Prosa zu seinen wichtigsten kreativen Quellen: Ein geschätztes Drittel der internationalen Filmproduktionen geht auf literarische Vorlagen zurück, vom letztjährigen Oscar-Gewinner „No country for old men“ über aktuelle deutsche Klassikeradaptionen wie „Buddenbrooks“ und „Effi Briest“, erfolgreichen Familienfilme nach Vorlagen von Erich Kästner oder Cornelia Funke, bis zur Verfilmung neuer deutscher Literatur, wie dem auf der diesjährigen Berlinale präsentierte „Vorleser“, einem Bernhard Schlink-Bestseller, in internationaler Starbesetzung von Stephen Daldry verfilmt. Der neue Roman von Bernhard Schlink wurde beim letztjährigen „Breakfast and Books“ präsentiert und erfolgreich verkauft, schon bald soll der Dreh vorbereitet werden.

Es ist nämlich bereits das vierte Bücherfrühstück, dass im Rahmen des Berlinale Co-Production Markets und in Kooperation mit der Frankfurter Buchmesse eine Plattform schafft, bei der Vertreter internationaler Verlage, Literaturagenten und Produzenten aus allen Teilen der Filmwelt zu Pitching und Austausch zusammenkommen. Und genau im Begriff des „Pitchings“ liegt das Ungewohnte, denn dass sich die Verlagswelt mit ihren eigenen Regeln, ihrem ganz eigenen Tempo an filmische Gepflogenheiten anpasst und die entsprechende „Verkaufe“ in Form einer Pitching-Kurzpräsentation praktiziert, ist dann doch neu und in der Ausführung durchaus gelegentlich charmant unbeholfen. Insgesamt 12 ausgewählte Bücher, deren Filmrechte vakant sind, werden bei „Breakfast & Books“ den internationalen Produzenten des Markets, aber auch interessierten heimischen Produktionsfirmen und Freelancern im Kurzdialog auf der Bühne und in einer aufschlussreichen Broschüre präsentiert. Speziell auf die Portfolios der teilnehmenden Produzenten ist die Auswahl abgestimmt, eine feine Mischung verschiedener Genres, Schauplätze und Budgets, von Bestsellern wie „Der weiße Tiger“ oder Margriet de Moors „Sturmflut“ bis zu brandneuen, noch unveröffentlichten internationalen Entdeckungen.

Moderiert wird von einer schwungvollen Amerikanerin, die mit einer Anekdote über ihre New Yorker Eltern einsteigt, die mit 80 Jahren immer noch nicht verstehen, was sie beruflich macht. Wo soll das nur hinführen? Doch der „Charme“ der Einkaufspassagenmodenschau-Moderation täuscht, Conferencierge Syd weiß genau was sie tut und wie die Filmwelt tickt. In einer Kaskade von Fragen klopft sie immer wieder aufs Neue die für die Leinwandwelt wichtigen Eckdaten ab: Warum gerade dieses Buch, muss der Protagonist unbedingt ein Deutscher sein, braucht man beide zentralen Storylines zum Verständnis, wie hoch wird das Budget sein, was wären mögliche Zielgruppen, bietet es Potenzial für einen Spielfilm oder doch gleich eine TV-Miniserie? Die Handlung in einem Satz, der berühmten „Logline“. Das Genre, ganz wichtig. Ist das ein Frauenfilm? Was wären mögliche filmische Vorbilder? Hier wird es dann krude. Lässt man gerade noch das „Rauschen aus dem Blätterwald“ der Buchpräsentationen gleichmütig an sich vorbeiziehen – vorsichtig interessiert, aber doch auch mit dem Gedanken an eine weitere Tasse Kaffee beschäftig – wird plötzlich begeistert ins Mikro gekräht „Piraten der Karibik trifft Yentl“. Während noch skurrile Bilder im Kopf entstehen, wie Johnny Depp zu einer in einer himmlischen Wolke fluoreszierenden Barbra Streisand „Papa can you hear me“ intoniert, läuft auf der Bühne längst der nächste Pitch: „Bourne Identity meets Da Vinci Code“.

Doch inmitten der Verkaufe, die bisweilen sehr nach „Germanys next Top-Novel“ klingt und wo ständig alles „very dramatic“ und „very visual“ ist, gibt es plötzlich diese Momente, in denen sich die Macht der Geschichte zeigt. Wenn die Buchweltbewohner mit vollem Herzen die Substanz ihrer Bücher benennen, wenn es plötzlich um die Fragen geht, die die Literatur stellt und vor allem wenn sie mit ihren Vorträgen Bilder in den Köpfen der Zuhörer entstehen lassen. Dann rauscht nichts mehr vorbei – zur Ruhe kommt die hektische Welt der Berlinale und die Businesspeople werden für kurze Zeit zu andächtig lauschenden Kindern, die eine Gutenachtgeschichte erzählt bekommen. Plötzlich hofft man, dass gerade diese Geschichte den Weg auf die Leinwand findet und man sich ein weiteres Mal ihrem Zauber ausliefern und dann die Macht der Bilder genießen kann.

Kyra Scheurer

Erstellt: 22-01-09
Letzte Änderung: 13-02-09