ARTE Reportage - Mittwoch, 31. Mai 2006 - 02/06/06
Brasilien Fußball
Transkription
Rio de Janeiro – und seine Armenviertel: Die Favelas, die sich wie ein Gürtel um den Stadtkern legen... und der Fußball in Rio - DIE große Leidenschaft seiner Bewohner. Für die Kinder aus den Favelas verkörpert Fußball den Traum vom besseren Leben, denn einige der größten Stars kommen aus den Elendsvierteln. Doch wie viele werden wirklich in die Fußstapfen eines Ronaldo oder Zico treten, reich und berühmt werden?
Einmal im Jahr veranstaltet der brasilianische Fußballverband mit 64 Teams die sogenannte Favela-Meisterschaft. Für die Kinder aus den Armenvierteln DIE Chance, ihr Können zu zeigen, vielleicht sogar ein erster Schritt in Richtung Profikarriere. Voller Hoffnung, ihr Elend zu überwinden, treten sie hier an – und vielleicht auch, um die alltägliche Gewalt einmal 90 Minuten lang zu vergessen.
Wir haben zwei Teams begleitet: Agua Branca und Parque de Maré. Durch diesen Sieg gelingt es Agua Branca die Tabellenspitze zu erobern:
"Wir haben uns gut geschlagen, aber noch ist nichts gewonnen. Das ist nur ein Etappensieg. Doch wir haben all jenen, die meinen, es stände immer nur die Elite an der Spitze, gezeigt, dass die Favelados es auch schaffen können. Dieser Sieg war ein Sieg der Bescheidenheit, ein Sieg der Favela".
Wir sind im Norden von Rio: Senador Camara - eines der 700 Armenviertel der "wunderbaren Stadt". Ein Viertel, um das sich keine Stadtverwaltung kümmert, dessen Alltag von blutigen Bandenkriegen und brutalen Polizeieinsätzen geprägt ist. Trotzdem trainieren hier die Spieler von Aqua Branca Tag für Tag. Und sie sind nicht die einzigen. Jede Gasse, jede noch so kleine freie Fläche wird zum Bolzplatz. Gespielt wird barfuss. "Pelada" heißt dieser Straßenfußball, bei dem die kleinen Spieler ihren Idolen nacheifern:
- Ich will Renato vom CR Flamengo sein, Ronaldinho (Gaucho), ich will Robinho sein.
Bebezao spielt im Mittelfeld, Jean im Sturm. Die beiden 14jährigen sind die Stars von Aqua Branca. Wenn nicht gerade ein Match für die Favela-Meisterschaft ansteht, mischen sie sich unter die anderen Kinder des Viertels und spielen eine Runde Straßenfußball. Ihr Trainer Franklin schaut aufmerksam zu. Sie besitzen einen natürlichen Instinkt. Die meisten bekommen als allererstes Geschenk einen Fußball. Deshalb ist Brasilien DAS Fußball-Land:
- Sie stellen sich vor, sie seien Ronaldinho, Dida oder Kaka. Für sie ist das DIE Gelegenheit, ihr Können zu zeigen und sich Respekt zu verschaffen, auch wenn sie aus den Favales kommen.
Eine Gelegenheit, die sich Jean auf keinen Fall entgehen lassen will:
- Ich stehe früh auf und gehe Fußballspielen. Dann muss ich in die Schule und wenn ich zurückkomme, spiele ich weiter. So läuft das jeden Tag.
In diesem bescheidenen Haus wohnt Jean mit seiner Großmutter, seiner Mutter und sechs Brüdern und Cousins. Oft ist er sich selbst überlassen. Der Vater kümmert sich nicht mehr um die Familie, die Mutter ist viel weg. Wie viele Kinder in den Favelas wird er von der Großmutter aufgezogen:
- Schauen Sie Ihrem Sohn beim Fußballspielen manchmal zu?
Jeans Mutter:
- Selten. Meistens geht die Großmutter mit ihm hin, denn ich arbeite.
Großmutter:
- Wenn Jean Fußballprofi wird, wird sich auch unser Leben verbessern. Finanziell geht es uns wirklich schlecht und ich möchte, dass es meine Enkel einmal besser haben. Ich hoffe, Jean kann dann seine Brüder und seine Mutter unterstützen... Auch für seine eigene Zukunft wäre das gut.
- Warum sind Sie so gerührt?
-Weil ich sehe, dass er mit seiner ganzen Kraft für ein besseres Leben kämpft. Gott möge ihm dabei helfen. (04:35)
Neben Dutzenden Medaillenruhen auf Jeans Schultern die Hoffnungen einer ganzen Familie. Trotz seiner Begabung aber hebt er nicht ab:
- Ich will mich anstrengen... noch weiter vorankommen. Ich will Fußballprofi werden. Dann baue ich dieses Haus um, dann mache ich alles neu, alles anders hier. Aber umziehen werde ich nicht. Es wäre schwer für mich, außerhalb der Favela zu leben.
Jeans bester Freund ist Bebezao. Auch er sieht sich schon als Champion. Zum Fußball gebracht hat ihn sein Vater... und nun ist er seinerseits dabei, diese Fußball-Leidenschaft weiterzugeben:
- So habe ich das gelernt... Ich will später Profi werden. Das ist mein Traum.
- Spielen alle in der Familie Fußball?
Bebezaos Mutter:
- Alle. Sein großer Bruder hat auch schon gespielt, aber er hat irgendwann aufgehört. Jetzt schaut er sich alle Spiele von Bebezao an.
- Sind Sie stolz auf Ihren Sohn?
Großer Bruder:
- Wenn ich ihn spielen sehe, bekomme ich ganz glänzende Augen. Ich feure ihn lautstark an. Ich bin ein richtiger Fan von ihm!
Vater:
- Ich habe davon geträumt, Fußballer zu werden, aber die Umstände ließen das nicht zu. Meine Eltern haben mich nicht unterstützt. Ich mache das heute genau umgekehrt. Ich verlange zwar von ihnen, dass sie zur Schule gehen, aber ich lasse sie auch ihre Leidenschaft ausleben, den Fußball.
Wir verlassen Senador Camara. Nächste Station: die Favela da Maré, auch "der Gazastreifen" genannt. Angesichts der Lebensfreude der 200.000 Einwohner könnte man fast vergessen, dass sich hier Drogendealer tagtäglich einen gnadenlosen Kampf liefern. Das Viertel ist die Heimat der Mannschaft Parque de Maré, einer der Favoriten für die Favela-Meisterschaft...
Gian ist der Kapitän. Heute ist die Stimmung getrübt... Parque de Mare hat gerade ein Spiel verloren - der Verbleib im Wettbewerb ist gefährdet:
- Genau das Spiel, das wir auf keinen Fall verlieren durften, haben wir verloren. Daran ist nichts mehr zu ändern, aber auf dem Platz ist immer noch alles drin.
Gian und seine Kameraden müssen das nächste Spiel gewinnen, wenn sie noch ins Finale kommen wollen - ein Ziel, für das sie seit acht Monaten trainieren. In einer Hinsicht hat sich das bereits ausgezahlt: Die spanische Presse ist auf Gian aufmerksam geworden:
- Ich bin eine der Neuentdeckungen der Mannschaft und man hat mich für das Foto ausgesucht.
Bei den Favela-Meisterschaften wurden mehr als hundert Spieler entdeckt, die heute bei den besten Clubs der Welt spielen.
Wagner:
- Gian, wenn Du an den Ball kommst, spiel ihn sofort weiter.
Diese Erfolge sind auch Männern wie Wagner zu verdanken, der die Mannschaft seit 12 Jahren trainiert:
- Der Ball gehört uns. Los hol’ ihn Dir zurück.
Wagner:
- Wenn wir uns für das Viertelfinale qualifizieren.... werden wir kaum mehr zu schlagen sein.
In der Favela da Maré gilt nur ein Gesetz: das der Drogendealer. Gian wohnt bei seiner Großmutter Maria. Sie erlebt die Gewaltausbrüche seit 40 Jahren tagtäglich hautnah mit.
Gians Großmutter:
- Wenn er spielt, denkt er wenigstens nicht an diese schlimmen Dinge. Wenn er nicht so fußballbegeistert wäre, würde er zwangsläufig daran denken. Vielleicht wäre er auch schon gar nicht mehr unter uns. Ich kenne viele in seinem Alter, sogar noch jüngere, die vor die Hunde gegangen sind.
Gian:
- Viele meiner Freunde machen Dummheiten. Wir sind immer noch Freunde, aber ich habe mich entschieden, Fußballspieler zu werden... ihre Zukunft wird anders aussehen.
In einem Viertel, in dem die Familien von weniger als einem Euro pro Tag leben müssen, ist die Versuchung für die Jugendlichen groß, mit Drogen schnelles Geld zu machen. Der Fußball ist zwar eine Alternative, aber ganz nach oben schaffen es letztendlich nur sehr wenige. Diese Jugendlichen haben alle einmal davon geträumt, Fußballprofi zu werden. Manche haben sogar an den Favela-Meiserschaften teilgenommen. Heute dealen sie mit Kokain.
Mozart:
- Ich hatte davon geträumt, bei Flamengo zu spielen. Ich habe sehr gern Fußball gespielt. Letztendlich habe ich mich für dieses Leben entschieden, die Empörung darüber, wie ungerecht wir behandelt werden, war einfach zu stark. Ich habe meine Arbeit aufgegeben, ich war damals 17. Ich habe auch deshalb mit diesem Leben angefangen, weil ich meinen Sohn ernähren musste. Er war gerade zur Welt gekommen.
Rafael:
- Das ist alles nicht so einfach. Irgendwie muss man ja leben. Ich habe immer versucht, Fußballprofi zu werden, das war mein Traum. Doch leider habe ich es nicht geschafft.
Ist der Fußball eine Alternative?
- Sicher. Der Fußball kann verhindern, dass man in dieses Leben reingerät. Er bringt einen auf andere Gedanken. Statt kriminell zu werden, spielen die Jungs Fußball. Heute denke ich wehmütig an diese Zeiten zurück, aber man kann die Zeit nicht zurückdrehen. Uns fehlt es in diesem Land einfach an Möglichkeiten.
Mozart:
- Ich habe keine andere Wahl. Die Polizei hat meinen Cousin umgebracht und meinen Vater. Ich habe keine Alternative. Meine Gegner wollen mich umbringen. Ich werde hier bleiben. Nur tot werde ich dieses Viertel verlassen.
Nur wenige Meter entfernt bekommen einige Achtjährige gerade ihre erste Fußballstunde. Silvio, der Trainer, ist zugleich Sozialpädagoge:
- Wir wollen auf die Titelseite der Sportnachrichten und nicht die Nummer Eins im Polizeibericht.
- An was denken Sie, wenn Sie diese jungen Dealer sehen?
Silvio:
- Ich würde am liebsten heulen... Wenn ich sie so sehe, sage ich mir, sie sind gerade dabei, völlig unterzugehen. Das ist Ivan. Er fehlt uns sehr. Ich habe ihn durch den Fußball aus dem Drogensumpf herausgeholt. Aber dann ist er rückfällig geworden. Ich habe noch einmal versucht, ihn mit Fußball endgültig aus dem kriminellen Milieu herauszuholen. Er hat mir gesagt, er werde wieder aussteigen, aber die Polizei hat ihn leider vorher erschossen.
Zum Glück gibt es einige Spieler, die Erfolg haben - und so weiterhin für Hoffnung sorgen... Leos Sprungbrett zum Erfolg war die Favela-Meisterschaft. Er spielt heute beim RC Flamengo - Brasiliens populärstem Club. Leo stammt aus der Favela da Maré. Regelmäßig kommt er seine Familie besuchen - da, wo alles begonnen hat. Für Gian ist Leo ein Idol.
Leo:
- Seit ich bei Flamengo spiele, bin ich hier bekannter als der 1-Real-Schein! Für mich ist das ein schönes Gefühl, ein Idol, ein Vorbild für die Jugend zu sein - wie für Gian und all diese Kinder. Wenn sie mich so sehen, spornt sie das an, meinem Beispiel zu folgen.
Leos Großvater:
- Seine Mutter wollte nicht, dass er Fußballspieler wird. Sie hat immer gesagt, das ist kein Beruf. Aber ich habe gesagt: Lass ihn. Fußball ist Fußball!
Leo:
- Von außen werden die Menschen aus den Favelas nie als redliche Leute wahrgenommen. Es heißt immer nur: der Junge wird bestimmt Bandit oder Dealer. Sie sehen nie die gute Seite. Ich beweise ihnen das Gegenteil. In den Favelas gibt es nicht nur Loser. Viele Jugendliche können, wenn sich die Gelegenheit ergibt, im Fußball durchaus brillante Leistungen zeigen.
Leo ist mit ganzem Herzen dabei - wie hier bei der Flamengo-Hymne. Der Club hat 8 Millionen Anhänger. Bei jedem Spiel füllen Tausende von ihnen die Tribüne des riesigen Maracana-Stadions. Leo ist gerade dabei, sich einen Namen zu machen...
Jean und Bebezao hoffen darauf, eines Tages genauso weit zu kommen...
Leos Familie sitzt währenddessen zu Hause vor dem Fernseher. Sein größter Fan ist seine Mutter:
- Das ist Leo! Ich hätte nie gedacht, dass ich einmal vor dem Fernseher sitze und meinen Sohn in den Farben von Flamengo spielen sehe! Es ist einfach unglaublich! Eines Tages wird Gian bei Flamengo spielen. Er ist wirklich begabt, der Junge...
Gian:
- Leo hat hart gekämpft. Er hat sich Geld geliehen, um zum Training gehen zu können. Er hat nie aufgegeben. Und jetzt hat er es geschafft.
Auch wenn sie noch nicht im Maracana-Stadion spielen... für die Nachwuchsfußballer ist die Favela-Meisterschaft bereits ein erster Erfolg. Dieser Tag ist besonders wichtig. Es geht um den Einzug ins Halbfinale. Jean und Bebezaos Mannschaft ist zuversichtlich. Um sich fürs Halbfinale zu qualizieren, genügt ein Unentschieden. Jean und Bebezao schießen heute kein Tor. Doch mit diesem zweiten Elfmeter sichert sich Agua Branca den Sieg - und ist im Halbfinale.
Das Maré-Team auf dem Nachbarplatz hat es sehr viel schwerer. Gian und seine Mannschaftskameraden müssen mit mindestens drei Toren Vorsprung gewinnen, wenn sie sich qualifizieren wollen. Doch alle Mühe ist umsonst. Zwei zu zwei unentschieden. Gian und sein Team müssen ihre Hoffnungen erst einmal begraben. Für sie ist das Turnier zu Ende.
Wagner:
- Leider haben wir das Spiel verloren, das wir nicht hätten verlieren dürfen. Aber die Mannschaft hat bis zum Schluss gekämpft. Wir haben nicht aufgegeben, wir waren gleich stark. Aber eine Mannschaft musste nun mal ausscheiden - und das waren leider wir.
Die meisten Brasilianer sind sehr gläubig. Die am weitesten verbreitete Religion ist das Christentum, auch unter den Ärmsten der Armen. Viele große Fußballer bekennen sich offen zu ihrem Glauben. Wie seine Idole geht Bebezao am Abend vor dem Halbfinale in die Kirche, um zu beten. Auch seine Familie betet für ihn.
Bebezao:
- Ich habe große Freude verspürt, als ich gesegnet wurde. Ich habe daran gedacht, dass ich Profi werden will, im Fernsehen auftreten und sehr bekannt werden möchte.
Das Portuguesa-Stadion ist das zweitgrößtes Stadion in Rio de Janeiro. Vor Beginn der Finalrunde: eine Eröffnungszeremonie, wie bei einem Spiel der ersten Liga. Für die Spieler von Aqua Branca nimmt ihr Traum langsam aber sicher Gestalt an. Ein Wochenende lang werden sie auf dem Rasen eines echten Fußballstadions spielen. Die Entscheidung, ob Aqua Branca ins Finale einzieht, fällt schließlich im Elfmeterschießen.
Silvio:
- Du hast es bis hierher geschafft. Alle Welt soll wissen, dass du hierher ins Portuguesa-Stadion gekommen bist, weil du um den Titel kämpfen willst. Lass den Kopf nicht hängen.
Die Nerven liegen blank. Jean und seine Mannschaftskameraden wissen, dass ihr Schicksal in ihren eigenen Händen liegt.
Silvio:
- Wir werden gewinnen, ganz sicher..
Torhüter:
- Ganz ruhig. Wir werden es schaffen. Nur die Ruhe.
Jeans Mitspieler:
- Vergiss die Fans, du stehst alleine vorm Tor, nur du und der Torwart.
Nach den ersten Schüssen liegt Aqua Branca vorn...
- Schaut nicht aufs Tor, schaut zum Himmel ...
- Wie steht es für uns?
- Drei zu eins, drei zu zwei.
Wenn Aqua-Brancas Torhüter den nächsten Schuss hält... ist sein Team für das Finale qualifiziert.
- Er hat ihn gehalten !
Am nächsten Tag im Portuguesa-Stadion: das Finale. Auch Gian ist gekommen, um wenigstens zuzuschauen. Trotzdem ist er froh: Der Erstliga-Club Nova Iguacu hat ihm einen Vertrag angeboten.
Gian:
- Ich denke nur noch an meine Zukunft bei Nova Iguacu. Bei der Meisterschaft hier sind wir ausgeschieden, aber nächstes Jahr stellen wir eine gute Mannschaft zusammen, mit der wir ins Finale kommen. Wir müssen weitermachen.
Dieses Jahr kämpft Aqua Branca mit aller Kraft um den Sieg im Finale... Wenige Minuten vor Spielende steht es immer noch Null zu Null. Die Hoffnungen waren nicht vergebens. In den letzten Sekunden der Begegnung schießt Aqua Branca ein Tor. Bebezao und Jean sind Meister...
Ein Titel, der Jean einen Vertrag mit Vasco da Gama einbringt, einem der besten Fußballclubs Brasiliens. Bebezao hat noch nicht soviel Glück, was jedoch nicht heißt, dass er aufgibt.
Franklin:
- Heute beginnt euer neues Leben. Wir werden für immer zusammenbleiben. Diese Mannschaft wird immer weitermachen...
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Erstellt: 02-06-06
Letzte Änderung: 02-06-06