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Jahrhundertaufnahmen Jazz

Ab sofort präsentiert ARTE-Online zusammen mit der SWR 2-Jazzredaktion in einer neuen Reihe die "Jahrhundertaufnahmen des Jazz" – von den Anfängen bis zur (...)

Jahrhundertaufnahmen Jazz

Jahrhundertaufnahmen des Jazz - 28/11/08

Braxton, Anthony - Quartet (Dortmund 1976)

hatOLOGY 557


Die Architektur musikalischer Logik
von Bert Noglik

Die Auswahl im Überblick

Mit dem Konzert beim Festival in Dortmund, so berichteten Zeitzeugen und Kenner der Musik von Anthony Braxton, erreichte die nur knapp sechs Monate existierende Quartettbesetzung ihren musikalischen Höhepunkt. Doch erst Anfang der neunziger Jahre entdeckte man den Live-Mitschnitt des WDR für eine CD-Veröffentlichung. Anthony Braxton, der seine Laufbahn im Kreise der Chicagoer Musikerkooperative AACM begonnen hatte und sich von Anfang an sowohl für freie Improvisation als auch für kompositorische Strukturen interessierte, begreift seine Quartett-Musiken als „eine große Plattform, die eine Architektur aus stabilen Logiken demonstriert, in der sich die Musiker in einem Netz architektonischer Welten bewegen und nach den Gesetzen der architektonischen Strukturen improvisieren und interagieren.“

Mit seinen vier Bände umfassenden „Tri-Axium Writings“ hat Anthony Braxton eine musikphilosophische Fundierung seiner sich unterschiedlicher Strategien bedienenden musikalischen Praxis geschaffen, die im Falle der Quartett-Musiken auf eine Integration von vorgegebenen kompositorischen Strukturelementen und improvisatorischen Einflussnahmen zielt. Bereits parallel zu der 1971 formierten Gruppe „Circle“ mit Anthony Braxton, Chick Corea, Dave Holland und Barry Altschul entstand ein Quartett mit dem Trompeter Kenny Wheeler, das allerdings erst ab 1974 regulär zu spielen begann. An die Stelle von Wheeler trat 1976 der Posaunist George Lewis, der – ebenso wie vor ihm Braxton – durch die AACM in Chicago geprägt worden war. Aus gemeinsamer Erfahrung schöpfend, werfen Braxton und Lewis bei dem Konzert in Dortmund die Ideen kongenial und lustbetont hin und her. Braxtons Musik, der von Kritikern mitunter vorgeworfen wurde, sie sei kopflastig, entfaltet hier einen sinnlichen Reichtum.

Im Mittelpunkt steht die vom Komponisten Braxton intendierte „Dynamik der Interaktion“. Die mit graphischen Zeichen, Zahlen- und Buchstabenkombinationen überschriebenen Stücke werden im Prozess des Spiels vital ausgestaltet, wobei die Vorgaben von repetitiven Strukturen und Collage-Elementen bis zu Marsch-Fragmenten und Post-Bebop-Themen reichen. Unterschiedliches Material und eine Vielzahl von Klangfarben nutzend, ergeben sich musikalische Gestaltungsmöglichkeiten, die über eine konventionelle Vorstellung von Jazz weit hinausreichen.
Zugleich wird mit den Quartettaufnahmen durchaus ein Bezug zur Geschichte der afroamerikanischen Musik hergestellt, mit Widmungen an Lou Donaldson und Leroy Jenkins die Kontinuität der Entwicklung betont und mit spielerischer Intensität die Verbundenheit mit der Tradition bezeugt. Anthony Braxton erweist sich hier nicht nur als ein innovativer Musikdenker, sondern – einen schon von der AACM favorisierten multiinstrumentalistischen Ansatz fortsetzend – auch als ein klangforschender Instrumentalist und als ein mitreißender Improvisator.


Text: Bert Noglik

Anthony Braxton Quartet (Dortmund) 1976
hatOLOGY 557
Antony Braxton – Alt-, Kontrabass- und Sopranino-Saxophon, Klarinette, Eb-Klarinette und Kontrabassklarinette
George Lewis – Posaune
Dave Holland – Kontrabass
Barry Altschul – Schlagzeug und Percussion
aufgenommen am 31. Oktober 1976 live beim Jazzfestival „Jazz Life“ in Dortmund

Erstellt: 19-07-07
Letzte Änderung: 28-11-08


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