- In Zusammenarbeit mit dem Goethe-Institut laden wir Sie am 21.10.2005 zu einem Gespräch über Auswärtige Kulturarbeit zwischen Seoul und Pjöngjang ein! Mehr Informationen dazu in unserem Weblog.
Koreanische Innenschau
Ein Interview mit Günther Butkus, dem Verleger des Pendragon-Verlags, der moderne koreanische Literatur verlegt:
Herr Butkus, Ihr Verlag hat sich auf moderne koreanische Literatur spezialisiert. Was ist das eigentlich, die moderne koreanische Literatur?
Von diesem Begriff kann man erst seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs sprechen, eigentlich sogar erst seit 50 Jahren, weil die Koreaner unter jahrhundertelanger chinesischer und japanischer Besatzung gar keine Chance hatten, eine eigenständige Literatur zu entwickeln. Sie durften ja nicht einmal in ihrer eigenen Sprache schreiben.
Sie sprechen von Korea, meinen aber Südkorea …
Das ist richtig. Der Norden ist nach wie vor ein dunkler Fleck auf der literarischen Landkarte.
50 Jahre nach Ende des Koreakriegs sind Nord- und Südkorea über einen Waffenstillstand noch nicht hinausgekommen. Gibt es eine kulturelle Annäherung?
Der Süden bemüht sich stärker um einen Dialog als der Norden, der übrigens auch die Beteiligung an der Buchmesse abgesagt hat. Zwar gab es im Juli zum ersten Mal seit Jahrzehnten ein Treffen nord- und südkoreanischer Schriftsteller in Pjöngjang, doch die Autoren durften nur sehr oberflächlich miteinander plaudern. Sie standen unter ständiger Beobachtung, so dass ein kritischer Dialog gar nicht möglich war.
Dennoch scheinen sich die Autoren füreinander zu interessieren. Gibt es Gemeinsamkeiten?
Das ist die Frage, die auch die südkoreanischen Autoren beschäftigt: Haben wir überhaupt noch dieselbe Sprache? Ganz abgesehen von den literarischen Inhalten – welches Wortmaterial wird verwendet? In so unterschiedlichen Systemen wie Nordkorea, wo die Sprache einer rigorosen Zensur unterliegt, und Südkorea, wo sie sich frei entfaltet, kann sich eine Sprache in 50 Jahren weit auseinander entwickeln.
Worüber schreiben die Südkoreaner?
Ich unterscheide drei Generationen moderner Autoren: Die modernen Klassiker der 1950er Jahre, zu denen der Schriftsteller Lee Hochol gehört, setzen sich in ihren Romanen mit dem innerkoreanischen Krieg auseinander – einem Krieg, der drei Millionen
zivile Opfer forderte und der für die ältere Generation noch immer ein sehr schmerzhaftes Thema ist. Die Autoren der politischen Literatur der 80er Jahre dagegen thematisieren die Militärdiktatur, die bis Ende der 80er Jahre in Korea herrschte. Studentenaufstände wurden auf brutale Weise niedergeschlagen. Lim Chul-Woo ist mit seinem kafkaesken Erzählungsband „Das rote Zimmer“ ein Vertreter dieser zweiten Generation.Nach dem Ende der Militärdiktatur gab es einen Umbruch: Seit 1988 ist Südkorea eine Demokratie. Hat sich das auf die Entwicklung der Literatur ausgewirkt?
Man kann schon sagen, dass die Autoren der dritten Generation weniger politisch sind als ihre Vorgänger – was ja übrigens in Westeuropa ähnlich ist. In Korea gab es einen drastischen Industrialisierungs- und Modernisierungsschub. Dort fand in den letzten 40 Jahren das statt, was in Deutschland bereits Mitte des 19. Jahrhunderts einsetzte. Andererseits sind in der koreanischen Gesellschaft traditionelle Werte wie Familienzusammengehörigkeit und Verantwortung gegenüber der älteren Generation nach wie vor sehr stark präsent. Besonders die jungen Autoren setzen sich mit diesem Konflikt zwischen Tradition und Moderne auseinander und fragen sich: Wo stehe ich im Leben? Welche Werte sind mir wichtig?
Was bedeutet das für die Literatur?
Plötzlich spielen Ideen wie Selbstverwirklichung und Ich-Findung eine Rolle, die im westlichen Europa eine lange Tradition
haben. So sagte die junge Autorin Eun Heekyung 1998 bei der Verleihung des Yi-Sang-Literaturpreises: Sie, die nicht die großen Themen ihrer Vorgänger habe, könne nur von ihrem scheinbar „belanglosen Leben“ schreiben. Indem sie das tut, halten jedoch Themen Einzug in die Literatur, die lange undenkbar waren. Wenn Eun Heekyung – als Frau – in ihrem Roman „Ein Geschenk des Vogels“ über Erotik und Sexualität schreibt, dann ist das ein Politikum.Frauen spielen eine herausragende Rolle in der koreanischen Gegenwartsliteratur. Wie ist das zu erklären?
Die aktuelle starke Präsenz von Autorinnen ist historisch begründbar. Erst die politischen Veränderungen in Korea ermöglichten es den Frauen, ihren Erfahrungen eine Stimme zu geben. Das tun sie auf wunderbare Weise und haben damit großen Erfolg.
Was ist es, das ihre Werke so besonders macht?
Mehr noch als eine spezifisch weibliche Thematik ist es der besondere Blick dieser Frauen auf die Welt. Ich würde es Innenschau nennen.
Das heißt?
Ganz im Gegensatz zu den älteren koreanischen Autoren, die meist das historische Geschehen in den Vordergrund stellen, dreht sich bei jungen Autorinnen, wie Jo Kyung Ran mit ihrem Roman „Zeit zum Toastbacken“, alles um das Individuum, das sich umsieht und fragt: Was passiert um mich herum? Auch Empfindsamkeit und die Sinnlichkeit der Sprache spielen bei den Frauen eine große Rolle.Kann man koreanische Autoren lesen, ohne viel über ihr Land zu wissen?
Auf jeden Fall! Denn man erfährt dabei sehr viel über die Menschen, über die koreanische Kultur und Gesellschaft. Und das Schöne an einem Roman ist doch, dass er uns mitnimmt auf die Reise.
Das Gespräch führte Maike van Schwamen für das ARTE-Magazin, September 2005
Zur Person: Günther Butkus gründete 1981 den Pendragon Verlag und verlegte 1997 mit „Wind und Wasser“ von Kim Wonil erstmals einen koreanischen Roman. Heute umfasst die „Edition moderne koreanische Autoren“ 30 Titel.
- Die wichtigsten Links:
Edition moderne koreanische Autoren im Pendragon-Verlag
Korea: Gastland der Frankfurter Buchmesse 2005
Korea heute (Nachrichtenmagazin der Botschaft der Republik Korea)






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