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Zitaten - Ballade

„Europa – was ist das eigentlich?“, so fragen sich viele Europäer seit den Anfängen des Aufbaus eines gemeinsamen Europas. Die Definitionen von Historikern, (...)

Zitaten - Ballade

05/11/08

Brigitte Sauzay (Frankreich)

Plädoyer für „Nabokovs Welt“



Brigitte Sauzay (1947, Toulon – 2003, Paris) stammte aus einer südfranzösischen Offiziersfamilie. Sie war für zwei französische Präsidenten - Valéry Giscard d’Estaing und François Mitterrand – als Deutsch-Französisch-Dolmetscherin tätig, bevor sie Bundeskanzler Gerhard Schröder 1998 als Beraterin für deutsch-französische Angelegenheiten nach Berlin holte.
Sie gehörte zu den wenigen Frauen mit politischem Einfluss in Europa. Brigitte Sauzay starb im Herbst 2003.

„1985 untersuchte ich in meinem Buch Die rätselhaften Deutschen die deutsch-französischen Beziehungen. Und wie viele andere beteiligte ich mich an der Debatte über die nationale Souveränität und die Rolle des Nationalstaates in der globalen Wirtschaft. […]

„Es ging in erster Linie darum, die Gemeinsamkeiten mit unseren Nachbarn aufzuzeigen und Wege zu finden, diese gemeinsamen Interessen nutzbar zu machen. Dabei musste versucht und gewährleistet werden, alle Ebenen unserer Gesellschaft einzubinden. Daher gründete ich 1993 in Genshagen das Berlin-Brandenburgische Institut für deutsch-französische Zusammenarbeit in Europa. […]

„Wir müssten als Alternative zur Globalisierung etwas vorschlagen, was ich als „Nabokovs Welt“ bezeichnen würde. Wir müssten den Reichtum unserer Kultur verdeutlichen und aufzeigen, in welch hohem Maße dieser Reichtum unserer Vielfalt entspringt. Dem kann eine globale Kultur in keiner Weise Rechnung tragen. Die europäische Kultur beruht aber auf dieser Vielfalt.
Ich habe den Eindruck, dass wir beginnen, uns dessen bewusst zu werden. Die jungen Europäer realisieren, dass wir auf einigen Gebieten viel besser sind – zum Beispiel hinsichtlich der Beziehungen zwischen den Geschlechtern. In den Vereinigten Staaten wird von einem Krieg der Geschlechter gesprochen, während wir den Widerspruch, der diesem Konzept innewohnt, für falsch halten. Ich glaube, dass es in Europa mehr Frauen mit Einfluss und Macht gibt als in den USA, eben weil wir es vermieden haben, die Geschlechterbeziehungen als einen Krieg zu sehen. Doch ich möchte nochmals betonen, dass nicht die Vereinigten Staaten das Problem sind. Vielmehr haben wir ein Problem, weil es uns an europäischem Engagement fehlt. […]

„Südeuropa ist vom Wesen her europäisch. Die Niederländer und die Briten haben mehr Abstand. Besonders die Briten identifizieren sich gern mit einer globalen Gesellschaft, mit der Macht und der Opulenz, die die globalisierte Wirtschaft verkörpert. Doch auch sie sind Europäer und können dank ihrer Tradition im Bereich der Freiheit des Einzelnen einen entscheidenden Beitrag zur Definition einer neuen europäischen Identität leisten. Wir tendieren in Europa dazu, den Staat als Beschützer zu sehen; doch es würde uns gewiss nicht schaden, wenn wir uns die den Briten so teure Respektlosigkeit gegenüber den Regierenden ein wenig zu eigen machten. […]

„Es ist mir durchaus bewusst, dass Europa Teil der globalen Gesellschaft ist – aber man kann nicht überall gleichzeitig sein. Nur wer sich seiner eigenen Identität bewusst ist, kann sich aufmachen, die Welt zu erkunden.“
Auszug aus einem Interview, das Brigitte Sauzay im Dezember 1999 der Association internationale des interprètes de conférences (AIIC) in englischer Sprache gab.

Erstellt: 22-04-04
Letzte Änderung: 05-11-08