Es sind Odysseen quer durch ganz Osteuropa, wie z.B. die des Artur Singer aus Bessarabien, der 1940 seine damals rumänische Heimat verließ, als sie von den Sowjets annektiert wurde, zwei Jahre in einem Lager bei Chemnitz ausharrte, um dann ins „Generalgouvernement“ in Polen ausgesiedelt zu werden. Drei Jahre später floh er vor den Überfällen polnischer Partisanen und der nahenden Front in den Westen. Bis zum Ende des Kriegs blieb Artur Singer ein glühender Nationalsozialist und naiv. Er wollte nicht wissen. Heute schämt er sich dafür.Diese Haltung ist nicht untypisch. Artur Singer war gerade mal 18 Jahre alt, als er im Dezember 1942 mit seinem Vater einen Hof im Kreis Zamość zugewiesen bekam und misstrauische polnische Arbeiter ihn empfingen. Im Alltag mit anderen Nationalitäten
zusammenzuleben, das kannte er aus seinem Heimatdort Hoffnungstal in Bessarabien all zu gut. Nun waren es eben polnische Kutscher und Knechte, mit denen er zurecht kommen musste. Warum sollte er auf die Idee kommen, die neue Konstellation in Frage zu stellen, zumal er sich stets um einen freundlichen und höflichen Umgang mit den Polen bemühte und sich persönlich nichts vorzuwerfen hatte?Viele der Fluchtgeschichten spielen auf ostpolnischen Boden
Sie dokumentieren den „Krieg im Krieg“ zwischen Polen und Ukrainern. Die jeweiligen Untergrundorganisationen verübten mörderische Anschläge - zumeist auf Zivilisten der anderen Seite. Bei diesen polnisch-ukrainischen Auseinandersetzungen kamen zwischen 1943 und 1948 7000-8000 Polen und 10-12 000 Ukrainer ums Leben. Ursache des Konflikts war die Tatsache, dass die Ukrainer bei der Neuordnung Europas nach 1918 leer ausgegangen waren. Ihnen war in Versailles kein eigenes Staatsgebiet zugeteilt worden wie den Polen. Doch gerade in Ostpolen machten Ukrainer 60 % der Bevölkerung aus. In der Hoffnung, eine der Okkupationsmächte würde sie unterstützen, nutzten ukrainische Untergrundgruppen den Ausbruch des Zweiten Weltkriegs, um die Machtverhältnisse in ihrem Sinne zu ändern. Noch heute ist das Verhältnis zwischen Ukrainern und Polen vergiftet, denn eine Aufarbeitung der gegenseitigen Brutalitäten war 50 Jahre lang nicht möglich: In kommunistischer Zeit galten Polen und Ukrainer offiziell als Brudervölker. Außerdem besteht - wie Helga Hirsch hervorhebt - eine Konkurrenz der Opfer. Für die Deutschen hingegen war die eigene Schuld eindeutig und stand in ihrer Erinnerungskultur lange im Vordergrund, so dass das Verhältnis zwischen Deutschen und Polen heute weniger schwierig ist wie das Verhältnis zwischen Ukrainern und Polen. Erst ganz allmählich setzt man sich auch in Polen mit diesem Teil der Vergangenheit auseinander und kommt davon weg, polnische Gräueltaten zu verschweigen.
Pogrome nach KriegsendeDass die Verfolgung der Juden nach Auschwitz längst nicht zu Ende war, musste Kupple Miller aus dem polnischen Boleslawiech schmerzhaft erfahren. In dem Bericht „Mein Gott, Du lebst“ kehrt der Auschwitzüberlebende in sein Heimatdorf zurück. Acht andere Juden aus dem Ort haben wie er die Lager überlebt und sind nach Boleslawiech zurückgekehrt, doch am 29.11. 1945 werden sie – bis auf Kupple Miller - alle ermordet. Wahrscheinlich von antikommunistischen Partisanen, doch bis heute ist die Tat nicht aufgeklärt. Das Dorf Boleslawiech war kein Einzelfall: Die antisemitischen Ausschreitungen nach Kriegsende begannen mit den Pogromen in Kielce und anderen Orten im Frühjahr und Sommer 1945 und gipfelten 1968 in einer Kampagne der kommunistischen Partei gegen weitgehend assimilierte jüdische Intellektuelle.
Kein Blick für das Leid anderer
Was Helga Hirsch bei ihren Recherchen erschreckt hat, ist die Beobachtung, wie wenig Mitleid Menschen mit den Opfern haben: Kaum waren Juden im Krieg deportiert worden, schleppten Polen das Wohnungsinventar weg und gruben ihre Gärten um in der Hoffnung, Wertgegenstände zu finden. Es ist schwer nachvollziehbar, dass Menschen, die selbst von Vertreibung betroffen waren, oft keinen Blick für das Leid derer hatten, deren Häuser sie als Neusiedler übernahmen. Heute sieht das anders aus: Gerade polnische Vertriebene aus Ostpolen, die in den westpolnischen Gebieten angesiedelt wurden, und ihre Nachkommen haben durchaus Verständnis für die deutschen Vertriebenen. Sie teilen nicht die Position der Kaczynski-Brüder und nationalkonservativer Kreise, denen es darum geht, die Erinnerung an die deutsche Schuld zu zementieren.Wie erinnern?
Helga Hirschs Verdienst ist es, auf Vertreibungsgeschichten und Konfliktherde aufmerksam zu machen, die hierzulande eher unbekannt
sind. Sie weitet den Blick und sie engagiert sich: Sie befürwortet das vom Bund der Vertriebenen in Berlin geplante „Zentrum gegen Vertreibungen“, in dessen Beirat sie sitzt. Sie ist der Auffassung, dass man nicht den Heimatlust von einem großen Bevölkerungsanteil ignorieren kann. „Das Zulassen von Trauer darf nicht als revanchistisch missinterpretiert werden. Eine Ausgrenzung aus der kollektiven Erinnerung darf nicht stattfinden“. Als viel wichtiger empfindet sie es, den Opfern emotionale Sicherheit zu geben, in dem man ihr Leid anerkennt: „Dann sind sie auch viel eher in der Lage, für die Notlage anderer offen zu sein. Fragen wie die eines kläffenden Hunde „Wer denkt an mich“ erübrigen sich dann. Erst wenn das Schicksal des Einzelnen respektiert wird, kann er es auch in einem historischen Kontext reflektieren.“ Von Angelika Schindler, ARTE








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