24/11/05
Bürgerkrieg und Franko-Regime: eine Vergangenheit, die nicht vergeht?
Stéphane Michonneau lehrt an der Universität Poitiers und an der Schule für Politikwissenschaften "Science Po Poitiers".
Der Bürgerkrieg ist zweifellos das wichtigste Ereignis in der jüngeren Geschichte Spaniens. Unzählige Historiker in Spanien selbst und im Ausland haben sich ihm so intensiv gewidmet, dass er gewissermaßen zu einem „Schwarzen Loch“ wurde, in dem die restliche Geschichte des 19. Jahrhunderts praktisch verschwand. So entstand insbesondere der Eindruck, der Staatsstreich von 1936 sei ein zwangsläufiges Ereignis gewesen. Die heutige Historiografie stellt den Bürgerkrieg dagegen in einen größeren Zusammenhang und betrachtet ihn nicht mehr als ein isoliertes historisches Phänomen. Vergleichende Studien von Bürgerkriegen relativieren ferner die Tragweite von Konflikten dieses Typs, die im 20. Jahrhundert fälschlicherweise als die denkbar blutigsten und traumatischsten Auseinandersetzungen angesehen wurden.
Noch bis in die 1960er Jahre hinein gab es im eigentlichen Sinne überhaupt keine kritische Geschichtsanalyse des Bürgerkriegs. Britische Historiker erstellten als erste Gesamtbetrachtungen, darunter Thomas und Southworth, die das Thema von einer liberalen Warte aus beleuchteten. Im Exil trafen weiterhin die aus den Bürgerkriegszeiten ererbten kontroversen Standpunkte des anarchistischen Lagers (Broder, Témime) und des kommunistischen Lagers (Badia) bei der historischen Beurteilung aufeinander: Auf der einen Seite predigten die Anarchisten die bedingungslose Revolution als Triebfeder des Krieges, während die Kommunisten und ihre gemäßigteren Verbündeten dem Krieg den Vorrang vor der Revolution gaben. Innerhalb des republikanischen Lagers wurden erstere bekanntlich von letzteren hart in die Schranken gewiesen, was zu einer Verbitterung führte, von der die Geschichtsbetrachtung noch lange Zeit geprägt blieb.
Als Antwort der Franquisten auf die kritischen Arbeiten der britischen Historiker bildete sich eine Historikerschule heraus, die der Legitimation des Regimes das Wort redete (De la Cierva, Larrazábal). Doch die immer stärker werdende Opposition, vor allem in akademischen Kreisen, ging in den 1960er Jahren mit einem verstärkten Interesse an der Geschichte des Bürgerkrieges einher, der zu jener Zeit bereits aus dem unmittelbaren Fokus der historischen Betrachtung heraus gerückt war. Während der gesamten Periode der „Transición“ – des sanften Übergangs zur Demokratie - hielt dieses an der Vielzahl von Publikationen abzulesende schwunghafte Interesse an, und mit Aróstegui, Elorza u.a. wuchs eine neue Historikergeneration heran. Die Medien unterstützten weitgehend diese Erinnerungsarbeit und ließen eine Vielzahl von Zeitzeugen zu Wort kommen. Man könnte von einem „Pakt der Vergangenheitsbewältigung“ sprechen.
Ungeachtet dessen beruhte der Übergang zur Demokratie in Spanien auf einem stillschweigenden Konsens, die Erinnerungen an den Krieg, den selbstverständlich niemand vergessen hatte, nicht politisch auszuschlachten. Erst sehr viel später, Anfang der 1990er Jahre, begannen spanische Historiker, sich mit der Franco-Diktatur zu beschäftigen. In Barcelona oder auch Valencia entstanden Forschungsgruppen einer neuen Generation von Historikern, wie Carme Molinero, Pere Ysas, Ismael Saz u.a.. Von einer rein faktenorientierten Analyse des Franco-Regimes und einer eher unfruchtbaren Debatte über dessen Natur verschob sich der Schwerpunkt hin zu einer Diskussion über die Funktionsmechanismen dieser Diktatur. Die Arbeiten dieser Historiker führten sehr bald - d.h. ab dem Zeitraum 1996-1999 - zu einer verstärkten Auseinandersetzung mit den Erinnerungen an die Repression unter dem Regime Francos. Die etwa seit dem Jahr 2000 flutartig das Land überziehende Erinnerungswelle brach den Schweigepakt der Zeit der „Transición“ und hatte weitreichenden Einfluss auf die Historiografie Spaniens. Die Enthüllungen riefen umgehend auch wieder Bewunderer Francos auf den Plan, die sich, wie etwa der Ex-Marxist Pio Moa, mit polemischen journalistischen Stellungnahmen zu Wort meldeten. Da zeigten sie sich wieder, die zwei Herzen, die in der Brust Spaniens zu schlagen scheinen, und diesen innerspanischen Streit neu entfachten, der seit dem Bürgerkrieg das politische Leben des Landes so sehr geprägt hat, dass er fast schon als dessen Spezifikum gelten kann.
Stéphane Michonneau, November 2005.
Erstellt: 22-11-05
Letzte Änderung: 24-11-05