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Zum Nachlesen - 06/11/07

Burundi: Die Mutter der Waisen

Auf diesem kleinen Friedhof hat Maggy am Abend des 26. Oktober 1993 ihre neue Lebensaufgabe gefunden. Zusammen mit ihrer Adoptivtochter Chloé war sie zuvor Zeuge der brutalen Ermordung von 72 Hutu-Beamten geworden, die sich im bischöflichen Palais der Provinz Ruyigi verschanzt hatten.

Chloé ist Hutu, Maggy Tutsi. Beide entkamen dem Massaker – und wie durch ein Wunder konnten sie auch noch 25 Kinder zu retten.

Zwölf Jahre später sind die Namen auf der Stele verblasst. Zwölf Jahre, in denen Maggy mehr als zehntausend Waisenkindern betreut hat.

Maggy (auf dem Friedhof)
Warum das alles? Wenn ich mich umdrehe und diese vielen kleinen Kreuze sehe, muss ich an all die Willkür denken, an die vielen Toten, von denen wir nicht einmal die Namen kennen. Chloé und ich haben diese Menschen begraben – am 26. Oktober 1993. Wer hätte damals geglaubt, dass Chloé zwölf Jahre später Ärztin – und vor allem noch am Leben sein würde? Und dass ich mehr als 10.000 Kinder aufziehen, ihnen wieder Freude am Leben geben würde?

In der kleinen Provinz Ruyigi im Osten Burundis leben die Menschen noch wie vor Jahrhunderten. Die unglückliche geographische Lage des Landes scheint das Vordringen jeglicher Modernität zu verhindern. Die Armut ist groß.

Manche dieser Frauen haben bis zu fünfzehn Kilometer zurückgelegt - wegen ein paar hundert Burundi-Franc – nicht einmal ein Euro.

In dem elfjährigen Bürgerkrieg kamen 350.000 der 7 Millionen Einwohner des Landes ums Leben, 650.000 Kinder verloren ihre Eltern.

Maggy kümmert sich um diese Kinder, setzt sich unermüdlich für ihre Rechte, für eine menschenwürdige Zukunft ein.

Burundi ist ein streng katholisches Land. Sonntags drängen sich die Bauern nach dem Markt vor den Toren der kleinen Kirche.

Der Bau einer Kathedrale – in dieser ausgebluteten Provinz ein Wahnwitz – wurde wie so viele Projekte im Land nie zu Ende geführt.

Maggy besucht die Messe in einer kleinen Kapelle, die sie selbst hat erbauen lassen – direkt neben dem Krankenhaus – als ein Ort der Andacht für die Kranken und ihre Familien.

Maggy ist keine Ordensschwester. Doch sie ist tiefgläubig. Und aus diesem unerschütterlichen Glauben schöpft sie auch die Kraft für ihre tägliche Arbeit im Dienste der Ärmsten der Armen.

Maggy, Terrasse bei der Kapelle
Elf Jahre lang mussten wir mit den Leichen leben, ständig um unser eigenes Überleben kämpfen…Der Tod war zu etwas Alltäglichem geworden. Die Menschenwürde war völlig in Vergessenheit geraten. Es muss aber doch einen Ort geben, an dem die Kranken, an dem die Verzweifelten neue Kraft schöpfen, ihre Würde zurückerhalten können… und einen Ort, an dem man eine richtige Beisetzungsfeier abhalten, in Würde von den Verstorbenen Abschied nehmen kann.

Mit Hilfe der deutschen Caritas und des luxemburgischen Entwicklungshilfeministeriums konnte Maggy 400 Häuser für die Waisenkinder ihrer Provinz bauen. Das Kinderdorf hier in Nyamutobo steht auf ihrem eigenen Grundstück, das sie den Kindern vermacht hat.

Maggy ist inzwischen weithin bekannt und sie hat zahlreiche Auszeichnungen erhalten. Verändert hat sie das jedoch nicht. Nach wie vor vergeht kein Tag ohne einen Besuch bei ihren Kindern. Sie kennt ihre Vornamen, weiß wie es um jedes von ihnen steht. 10:04:42:03

Maggy, mit den Kindern
Ich finde es empörend, wie die Institutionen funktionieren, all diese festen Einrichtungen, sei es ein strenges kirchliches System oder das System der Vereinten Nationen… Mir ist das doch völlig egal ! Ich habe nur EINEN Aktionsplan: Liebe. Das ist alles. Irgendwann hat man mich einmal gefragt: "Sie wollen finanzielle Hilfe von uns, aber wo ist Ihr Aktionsplan?" Ich habe sie nur angesehen und gesagt: "Hatte Eure Mutter beim Kochen einen Aktionsplan? Wie hat Sie Euch morgens das Frühstück gemacht, wie hat Sie sich um Euch gekümmert, wenn Ihr krank wart, wie hat sie Euch einen Kuss auf die Wange gedrückt? Ich bin eine Mutter und nicht die Leiterin einer Hilfsorganisation. Nein!

Maggys Hauptanliegen im Moment ist das Provinzkrankenhaus. An diesem Morgen besucht sie Chloé (in ihrer Sprechstunde) auf der Entbindungsstation. Chloé, die Älteste ihrer Kinder, gehört zu dem achtköpfigen Ärzteteam des Krankenhauses.

Maggy, im Krankenhaus
Ich bin hierher gekommen, um mich nach der Unterbringung der Patienten zu erkundigen… Wir sind alle in diesem Krankenhaus zur Welt gekommen, aber es ist nie umgebaut, nie vergrößert, nie instand gehalten worden… Wir fragen uns deshalb, ob es nicht möglich wäre, ein neues zu bauen. Um all den Menschen eine Chance zu geben, die eine medizinische Behandlung benötigen. Denn die Gesundheit ist die Grundlage für alles andere!

Chloé bietet uns einen Rundgang durch die Entbindungs- und Kinderstation an. Sie will uns zeigen, wie nötig ein neues Krankenhaus ist.

Chloé, mit einem hölzernen Stethoskop
Das setzen wir auf den Bauch der Schwangeren und hören dann durch diese Öffnung die Herztöne des Kindes ab. Sie sehen also, das sind vorsintflutliche Instrumente - nicht gerade berauschend.

Chloé, zeigt den Raum für Notfälle auf der Kinderstation
Das hier ist ein weiterer Raum der Kinderstation… Hier werden die Notfälle behandelt und wenn es dem Kind dann besser geht, kommt es in ein anderes Zimmer…

Das Gespräch wird plötzlich von dem ohrenbetäubenden Lärm des Generators unterbrochen, der den Operationssaal mit Strom versorgt.

Maggy wagt als einzige offen auszusprechen, dass Ruyigi am dringendsten ein Krankenhaus braucht – und keine Kathedrale.

Sie war auch die einzige, die sich 2004 in dem berüchtigten Lager Rugazi um das Schicksal der kurz zuvor demobilisierten Soldatinnen der Rebellen-Armee kümmerte.

Achtzehn Monate lang versorgte sie die 90 Babies, die nicht bei ihren Müttern im Lager bleiben durften. Und sie brachte den 200 jungen Soldatinnen regelmäßig Seife und Lendenschürzen, um ihnen ein Minimum an Menschenwürde zurückzugeben.

Maggy war auch die erste, die nach dem Friedensabkommen vom November 2003 ein Hilfsprogramm für die demobilisierten Kindersoldaten startete. Sie richtete in Ruyigi eine Werkstatt ein, in der sie zu Automechanikern ausgebildet werden. Parallel dazu erhalten sie Friedensunterricht. 10:08:20:07

Der Mechanik-Lehrer
Ihr wisst, dass der Kolben in den Zylinder gehört.

In der Werkstatt
Hier sitzen ehemalige Rebellen einträchtig neben früheren Regierungssoldaten oder Mitgliedern der staatlichen Milizen. Sie können einem Kind, das neun Jahre lang Krieg geführt hat, nicht nur einfach die Grundbegriffe der Auto-Mechanik beibringen. Diese Kinder müssen erst einmal normal leben lernen, denn sie haben ja nur vom Plündern gelebt. Sie wissen nicht einmal, wie sie mit dem verdienten Geld umgehen sollen.

Oder wie sie sich gegen tödliche Gefahren wie Aids schützen sollen. Sie kennen nur Vergewaltigungen. Man muss ihnen die Gefahr von Aids bewusst machen, damit sie sich schützen können. Und wie sollen sie tolerant werden, sie haben in einer Diktatur gelebt. Man hat ihnen gesagt: "Ihr werdet töten". Und so haben sie getötet. Man muss ihnen zeigen, dass es auch noch andere Werte gibt. Und dass das Wichtigste der Frieden ist, die Achtung vor dem Leben, dass das Leben unantastbar ist.

Dass man ihn für seine Verbrechen zur Rechenschaft zieht, in Ordnung! Aber das ist nicht alles… Er ist nicht nur ein Krimineller. Er ist mein Kind, selbst wenn er kriminell geworden ist. Mein Bruder, meine Schwester. Sie sind nicht nur Mörder. Man braucht sich nur einmal unser Verhalten im Alltag anzusehen, wie oft sind unsere Worte ebenfalls kriminell.

Ich habe unter diesem Krieg gelitten, zu viel gelitten. Ich möchte nicht, dass die nächste Generation genauso leiden muss wie wir.

Besuch des Präsidenten
Maggy erhält überraschend Besuch von dem neu gewählten burundischen Staatspräsidenten Pierre Nkurunziza – einem früheren Rebellenführer.

Maggy überredet ihn, mit ihr nach Nyamutobo zu kommen… Für ihr Krankenhausprojekt benötigt sie die Zustimmung der Behörden.

Wir können die Babies besuchen, aber alle werden wir nicht zu sehen bekommen, denn sie sind in fünf solchen Dörfern untergebracht. Insgesamt sind es 243 Babies ! Alle jünger als zwei Jahre.

Die Mütter sind an Erschöpfung oder Aids gestorben. Oft aus Unkenntnis. Sie sterben an inneren Blutungen.Sie wissen nicht einmal, dass es eine Schwangerschaftsvorsorge gibt. Deshalb möchte ich hier eine Entbindungsklinik bauen, damit sie endlich zu den Vorsorgeuntersuchungen kommen können. Damit wir endlich eingreifen können, bevor es zu spät ist.

Der Präsident
Es gibt Menschen, die sich Gedanken über ihre Mitmenschen, über deren Gesundheit machen. Auch in unserer Politik ist es eines unserer Ziele, zu sehen, wie wir dem Bedarf der Bevölkerung an medizinischer Versorgung gerecht werden können. Das hier ist wirklich ein bemerkenswertes Beispiel, zumal es sich um eine private Initiative handelt und ein starker Wille dahinter steht.

Maggy, mit dem Präsidenten
Was ich damit vor allem ausdrücken möchte, ist, dass das Böse nicht siegen wird, sondern die Liebe und wir alle gemeinsam dieses Land wieder aufbauen können. Damit es wieder zu einem Land wird, in dem Milch und Honig fließen.

Der Präsident
Danke.

Maggy
Dieser Krieg hat uns alle überrascht. Die einen hatten vielleicht darauf hingearbeitet, aber die anderen mussten ihn… wie soll ich sagen… über sich ergehen lassen. Sie haben nicht verstanden warum - wie mein letzter Onkel, der gerade gestorben ist. Er konnte nicht verstehen, warum seine Schwestern, seine Brüder ermordet wurden… Doch für mich… ist nicht das das Wichtigste… Dies hier ist meine Heimat. Und ich liebe sie. Das ist meine Tante, die letzte. Ich würde gerne diese Bäume mitnehmen. Ich würde sie gerne rund um mein Krankenhaus einpflanzen.

Erstellt: 23-11-05
Letzte Änderung: 06-11-07