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Die Germanen

Die Geschichte der Germanen von ihrer ersten Konfrontation mit dem Römischen Reich bis zum Sieg des Frankenkönigs Chlodwig über die Römer

> Die "germanische Gefahr"

Die Germanen

Die Geschichte der Germanen von ihrer ersten Konfrontation mit dem Römischen Reich bis zum Sieg des Frankenkönigs Chlodwig über die Römer

Die Germanen

05/08/11

Cäsar und die "germanische Gefahr"

Im Griff des Imperiums


„Caesar sah voraus, dass sich die Germanen allmählich daran gewöhnen würden, den Rhein zu überschreiten, und dass es eine Gefahr für das römisches Volk bedeuten werde, wenn eine große Anzahl von ihnen nach Gallien käme.“

Kapitel 1 aus
„Die Germanen“
Das Buch zur Reihe
Von Helfried Spitra und Uwe Kersken (Hg.)
Lübbe 2007


Es sind nicht gerade freundliche Worte, die Julius Caesar für die Germanen in De bello Gallico, seinem Bericht über die acht Jahre Krieg in Gallien, findet. Sie seien „wilde und barbarische Menschen“, die in ihrer frostigen Heimat, nur spärlich mit Fellen bekleidet, ihr Leben der Jagd und dem Kampf widmen würden: „Raubzüge, die außerhalb der Stammesgrenzen unternommen werden, betrachten sie nicht als Schande“. Halbnackte Wilde, die von Jagd und Raub lebten – für jeden Römer war das eine vertraute Vorstellung. Denn Caesar griff für seine Beschreibung der Germanen auf das „klassische“ Barbarenbild zurück: Im kalten Norden lebten starke, aber geistig stumpfe Menschen, die (auch das wusste jeder) unberechenbar und gefährlich waren. Mit seinem De bello Gallico schuf Caesar ein Bild über die Stämme des Nordens, das bis heute lebendig geblieben ist. Dass sein Bericht dabei nicht immer der Wahrheit entsprach, scherte den Imperator nicht weiter.

Der 42 Jahre alte Prokonsul stand 58 v. Chr. noch am Anfang seine Karriere. Seit zwei Jahren gehörte Caesar zum „dreiköpfigen Ungeheuer“ (Cicero), dem Bündnis dreier Männer, die in Rom die Macht an sich gerissen hatten. Doch neben Marcus Licinius Crassus, dem reichsten Bürger, und Gnaeus Pompeius Magnus, dem erfolgreichsten Feldherrn, war Caesar nur der Underdog. Der ehrgeizige und skrupellose Politiker ließ sich deshalb das Kommando über die beiden römischen Provinzen nördlich der Alpen übertragen – die Ausgangsbasis für seinen weiteren rasanten Aufstieg. „Seitdem ließ er keine Gelegenheit zum Krieg vorübergehen, selbst wenn er ungerecht und gefährlich war“, hält der antike Kaiserbiograf Sueton fest. Als Eroberer wollte Caesar mit Ruhm beladen nach Rom zurückkehren – und mit gefüllten Taschen, denn er war bis über beide Ohren verschuldet.

Das Imperium war mit verschiedenen Stämmen Galliens verbündet, für Caesar ein willkommener Vorwand zur Intervention in die innergallischen Angelegenheiten. Und eine günstige Gelegenheit ließ nicht lange auf sich warten: Die Helvetier hatten ihren Wohnsitz am Oberrhein verlassen und zogen nun durch Gallien. Obwohl sie das römische Machtgebiet mieden, fand Caesar hier den gesuchten casus belli. Der Krieg in Gallien war eröffnet. Die Schlacht gegen die unterlegenen Helvetier verlief einseitig, die Überlebenden wurden in ihre Heimat zurückgetrieben. Doch Caesar wollte mehr.

Der „Hilferuf“ eines verbündeten Gallierstammes kam da wie bestellt: Söldner von jenseits des Rheins hätten die Gallier in einer großen Schlacht besiegt und auf gallischem Boden ein eigenes Reich errichtet. Caesar befahl die erneute Mobilmachung der Truppen. Doch diesmal lagen die Dinge anders. Händler berichteten den Legionären über Krieger „von ungeheurer Körpergröße, unglaublich tapfer und waffenerprobt, nicht einmal die Mienen und den scharfen Blick ihrer Augen könne man aushalten“. Diese Geschichten verfehlten nicht ihre Wirkung: „Ein solcher Schrecken ergriff plötzlich das ganze Heer, dass die Gemüter aller nicht wenig in Panik gerieten“, erinnerte sich später der Feldherr. „Im ganzen Lager wurden allgemein Testamente verfasst.“ Gestandene Offiziere wären in Tränen ausgebrochen. Und schließlich weigerten sich die Legionen sogar, ihrem Feldherrn zu folgen. Eine offene Meuterei.

Es waren die „nie besiegten Germanen“, die das Heer in Furcht und Schrecken versetzten. Angeführt wurden sie von Ariovist, ein „Germanenkönig“, wie er von Caesar genannt wurde. Bald fünfzehn Jahre zuvor war Ariovist mit einer Kriegertruppe aus dem Norden Europas nach Gallien aufgebrochen, um sich als Söldner zu verdingen. Den Männern aus dem norddeutschen Flachland gefiel das fruchtbare und reiche Gallien. Sie beschlossen zu bleiben, unterwarfen die einheimischen Fürsten und gründeten unter Ariovist ein eigenes Reich am Rhein, im Gebiet des heutigen Elsass. „Jähzornig und unberechenbar“, so beschrieben die gallischen Fürsten Ariovist. Und Caesar berichtet, dass die Krieger um Ariovist aus der Heimat ihre Familien nachholten; bereits 120.000 Menschen wären über den Rhein gekommen.

Schon mehrmals hatte es Rom mit kriegerischen Stämmen aus dem Norden Europas zu tun gehabt, hatten die Legionen auf dem Schlachtfeld vernichtende Niederlagen erlitten. Die Angst der Soldaten Caesars war also verständlich. Der Feldherr griff deshalb in die Trickkiste der psychologischen Kriegsführung. Er berief den Kriegsrat ein und malte vor seinen Männern ein düsteres Bild: Eine ganze Menschenlawine würde nur darauf warten, Ariovist und seinen Kriegern aus Germanien nach Gallien zu folgen. „Wenn sie erst einmal ganz Gallien besetzt hätten, hielte diese wilden und barbarischen Menschen nichts ab, wie zuvor die Kimbern und Teutonen in die Provinz einzufallen und von dort weiter nach Italien zu ziehen.“
Die Beschwörung des Furor teutonicus und einer neuen „Invasion der Barbaren“ war allen Soldaten verständlich. Noch keine fünfzig Jahre war es her, dass der Zug der Kimbern und Teutonen das Römische Reich erschütterte. Damals mussten die besiegten Legionen den Spott der Barbaren ertragen: „Ob sie unseren Frauen etwas ausrichten sollten“ (Florus), höhnten die Teutonen, als sie nach Rom aufbrachen. Für das Imperium war die Lage mehr als ernst. Doch der Angriff auf die Hauptstadt blieb aus, Rom kam mit dem Schrecken davon.

Caesars Mahnung an die Gefahr aus dem Norden hatte Erfolg: „Diese Rede bewirkte bei allen eine erstaunliche Sinneswandlung und erfüllte sie mit höchstem Tatendrang und Kampfeseifer“ – so überliefert er es zumindest selbst in seinen Memoiren. Was auch immer damals in Gallien wirklich geschah: Für ihre Rolle in der Geschichte wurde die Instrumentalisierung der Germanen zum Feindbild schlechthin wegweisend. Angestachelt von ihrem Feldherrn zogen die römischen Soldaten in die Schlacht. Die Germanen wurden niedergemacht, nur wenige konnten über den Rhein entkommen, viele ertranken in den Fluten.

Nach Caesars endgültigem Sieg im Gallischen Krieg sollte der „außerordentlich breite und tiefe Rhein“ die Grenzen des römischen Reiches markieren. Rigoros wurde von nun an jeder Übertritt über den Strom geahndet. Eine Grenzziehung, mit der Caesar die Wirklichkeit auf den Kopf stellte. Denn vor Ankunft der Römer war der Rhein alles andere als eine Grenze. Manche Stämme siedelten an beiden Seiten des Ufers, auf dem Wasser wurden Menschen und Waren transportiert. Erst Caesar erklärte den Fluss zur Scheidelinie der Kulturen: links das zivilisierte „Gallien“, rechts das barbarische „Germanien“, von nun an getrennt durch eine römische Militärzone entlang des Flusses.

Caesar unternahm mit seiner Armee auch als erster Römer „Strafexpeditionen“ auf das andere Rheinufer. 52 v. Chr. hatten es die germanischen Usipeter und Tenkterer gewagt, Gallien zu betreten. Caesar besiegte sie und machte sich daran, nun seinerseits nach Germanien einzufallen. Die feindlichen Stämme sollten sehen, „dass auch ein Heer des römischen Volkes die Macht und den Mut hatte, den Rhein zu überschreiten“. In nur zehn Tagen errichteten seine Legionäre eine Brücke und marschierten trockenen Fußes über den Fluss. Im „wilden Germanien“ schlug die römische Kriegsmaschine eine Schneise der Verwüstung. Häuser und Felder wurden niedergebrannt, das Vieh verschleppt, Einwohner getötet oder versklavt. Caesar wollte, dass den „Barbaren“ sein Besuch im Gedächtnis bleiben würde. Nach einer zweiten Expedition ließ Caesar eine nur halb abgerissene Brücke über den Rhein zurück, eine unübersehbare Warnung für die Stämme jenseits des Stroms: Rom kann jederzeit wiederkehren.

Mit Caesars willkürlicher Grenzziehung wurde die Karte Europas neu gezeichnet: Rechts des Rheins erstreckte sich von nun an das barbarische „Germanien“, eine stete Gefahr für den zivilisierten Teil der Welt. Gewollt oder ungewollt schuf Caesar so „nicht nur mit dem Schwert, sondern auch mit dem Wort Wirklichkeit“ (W.M. Zeitler) – vielleicht seine folgenreichste Tat überhaupt. Doch mit der Nachbarschaft Roms zu Germanien erwuchs dem Imperium auch ein neuer Krisenherd, der das Reich für 500 Jahre in Atem halten sollte. Ironie der Geschichte: Erst der von Caesar konstruierte römisch-germanische Gegensatz wird schließlich zum Untergang des bereits siechen Römischen Reiches beitragen. Der Vater aller Kaiser hatte die Büchse der Pandora Roms geöffnet.

Von Alexander Hogh

Erstellt: 20-07-07
Letzte Änderung: 05-08-11