Cannes 2008 - Edito vom 18. Mai - 29/08/08
Cannes: zu teuer!
Weitere Artikel zum Thema
Nicht, dass die Croisette verwaist wäre in diesem Jahr. Im Gegenteil: Samstagnacht – kaum ein Durchkommen. Aber: in den Restaurants bekommt man fast immer einen Platz, die Marktstände sind weniger gut besucht und sogar die französischen Produzenten machen sich rarer als in den vergangenen Jahren. Was die Amerikaner betrifft: der Euro ist zu teuer. Was den Rest der Welt betrifft: Cannes ist, vor allem während des Festivals, fast unbezahlbar geworden.
Da überlegen es sich die Einkäufer sehr genau, wie lange sie einfliegen, um für welches Geld welchen Film zu kaufen.
Andreas Dresens grandioses Liebesdrama über drei Menschen jenseits der 70 wird wohl kein Kassenschlager werden, dafür ist er seit gestern einer der heißesten Anwärter auf den „Prix Un Certain Régard“. In „24 City“ des chinesischen Filmemachers Jia Zhangke muss eine alte Fabrik und ihre Arbeiter einem luxuriösen Wohnbaukomplex weichen, bestimmt für die neuen Reichen Chinas. Das sozialkritische Generationenporträt, welches für den rasanten Zeiten- und Wertewandel der neuen Supermacht steht, dürfte schon bessere Verkaufschancen besitzen. Ebenso wie Walter Salles dokumentarisch inspiriertes Familiendrama „Linha de Passe“, in dem eine Mutter und ihre vier sehr unterschiedlichen Söhne ums Überleben im Moloch Sao Paolo kämpfen. In „Je Veux Voir“ schließlich reist Schauspielikone Cathérine Deneuve in den vom Krieg verwundeten Libanon, um sich und dem Cannes-Publikum ein besseres Bild von der Situation vor Ort zu machen, als es das Fernsehen je vermitteln könnte. Ein sehr ehrenwertes Unterfangen, aber vermutlich völlig ungeeignet für einen mit Filmen übersättigten Weltmarkt.
Martin Rosefeldt
Erstellt: 18-05-08
Letzte Änderung: 29-08-08