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Cannes 2009

Verfolgen Sie auf ARTE und arte.tv das Geschehen rund um das weltweit bedeutendste und glamouröseste Filmfestival! Ab 13. Mai 2009

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Cannes 2009

Alle Filme - 07/05/09

Cannes 2009: Neue Modellreihe mit Originalteilen

von Julien Welter und Delphine Valloire


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Fotogalerie zu den Filmen
Cannes 2009: Trailers !

Auf dem Papier wirkt die Auswahl der Wettbewerbsfilme diesmal bemerkenswert harmonisch: Die „Sélection 2009“ ist von keinem vorherrschenden Filmstil geprägt, sondern hochinteressant wegen ihres breitgefächerten Spektrums. Dabei sollte man sich aber nicht an den bekannten großen Namen oder den „üblichen Verdächtigen“ orientieren. Aufstrebende junge Talente sind in mindestens ebenso großer Zahl vertreten. Im Kreis der „Etablierten“ finden sich sogar diesmal wieder gute alte Bekannte, von denen schon seit ewigen Zeiten nichts mehr in Cannes zu sehen war, so etwa Alain Resnais. Mit „Les Herbes folles“ widmet sich der über achtzigjährige Meisterregisseur ein weiteres Mal diesen typisch französischen Charakteren, denen der filmische Mainstream in Frankreich nur wenig Beachtung schenkt: Menschen reiferer Jahrgänge oder auch ganz einfach alte Menschen, die immer noch auf der Suche nach der Liebe sind. Pedro Almodóvar ist mit „Los abrazos rotos“ im Wettbewerb, einem verzwickten Melodram, das allerdings so eisig unterkühlt wirkt, dass es so gar nicht zum gewohnten Stil des Spaniers passen mag. Vielleicht ist es ja der Versuch einer stilistischen Erneuerung. Ähnliches könnte man über Ken Loach sagen, der mit „Looking for Eric“ seine Beobachtungen in der Welt des britischen Proletariats in Manchester fortsetzt, allerdings in einem derart extravagant-schrägen Ton, wie man ihn bisher nicht von ihm kannte. Vom neuen Film des fast noch zur Riege der jüngeren Regisseure zu zählenden Elia Suleiman, dessen „Göttliche Intervention“ vor mittlerweile sieben Jahren gefeiert wurde, darf man wohl eine ruhigere, weniger spektakuläre Gangart erwarten – zumindest klingt der Titel danach: „The Time That Remains“. Brillante Mendoza, der noch im vergangenen Jahr seinen mit deftigen Porno-Szenen gewürzten Film „Serbis“ präsentierte, macht diesmal mit „Kinatay“ eine komplette Kehrtwende und zeigt eine weitaus gesetztere, stärker dramatisch durchgestaltete Innensicht des Treibens auf den Straßen von Manila, wo ein Menschenleben nicht viel gilt.



Allen Widrigkeiten zum Trotz

Treue zahlt sich eben aus: 2008 wurde Paolo Sorrentino in seinem dritten Anlauf in Cannes für „Il Divo“ mit dem Preis der Jury ausgezeichnet. Trotz der Unterstützung des künstlerischen Leiters der Filmfestspiele, Thierry Frémaux, hatte man den italienischen Filmemacher bislang eher belächelt. 2009 ist es nun Lóu Yè, der mit „Chun Feng Chen Zui De Ye Wan“ („Spring Fever“) zum dritten Mal in Cannes antritt, obwohl das Croisette-Publikum seinen beiden bisher vorgestellten Filmen einen kühlen Empfang bereitet hatte. Der chinesische Filmemacher erhielt in seiner Heimat ein mehrjähriges Drehverbot, nachdem er 2006 in Cannes – an der Pekinger Zensurbehörde vorbei – „Summer Palace“ vorgestellt hatte. Die Festivalmacher zeigen sich nun solidarisch und erweisen ihm mit der erneuten Nominierung ihre Unterstützung. Die Kritiker werden dieses Detail vielleicht nicht unbedingt zur Kenntnis nehmen. Auffallen wird ihnen dagegen mit Sicherheit die unübersehbare Länge der diesmal in die Auswahl genommenen Filme. Es überrascht nicht, dass es gerade die altgedienten Cineasten sind, von denen die kürzesten Filme stammen – gehören sie doch einer Generation an, die noch gelernt hat, 90-Minuten-Filme zu machen. Gaspar Noé geht mit seinem Film „Soudain le vide“ („Enter the Void“) sogar über die 2½-Stunden-Grenze und lebt darin seine traditionell von fleischlicher Lust geprägten nihilistischen Obsessionen in vollen Zügen aus: Eros und Thanatos in den Love Hotels von Tokio. Ein opulentes Komplettprogramm, das aber bis zum Kinostart wahrscheinlich noch etwas zusammengekürzt werden dürfte. Beispiele dafür gab es in früheren Festival-Jahren schon des öfteren („The Brown Bunny“, „Southland Tales“). Wünschen wir dem Regisseur von „Irreversibel“, dass seinem neuen Film ein ähnliches Schicksal erspart bleibt.



„Bad Boys“

Gaspard Noé gehört zur Kategorie der „Bad Boys“ unter den Filmemachern, d. h. denen, die sich der Provokation verschrieben haben. Auch dieses Jahr sind im Wettbewerb wieder einige Filme vertreten, die dem Motto: „Egal ob passend oder überflüssig, Hauptsache anstößig“ gehorchen. Der wegen seiner unheilbaren Cinephilie noch sympathischste von allen ist Quentin Tarantino, der mit „Inglourious Bastards“ seine Version von „The Dirty Dozen“ („Das Dreckige Dutzend“) gedreht hat. Zu erwarten sind mit Sicherheit jede Menge Gore und Splatter, sowie eine ganze Reihe von Hommage-Zitaten aus diversen Meisterwerken des Kriegsfilms. Mit ebenso unverkennbarer Handschrift wird uns „Cheffeuerwerker“ Johnnie To, auch genannt „Dynamite Toto“, in seinem Film „Vengeance“ sicher wieder einige pyrotechnische Knalleffekte präsentieren. Der Titel ist gut gewählt, erzählt er doch die Geschichte eines müden Helden (Johnny Hallyday), dem man (mitsamt seiner gesamten Familie) übel mitgespielt hat und der nun in der Höhle des Löwen (in Hongkong) Rache und Gerechtigkeit in der Selbstjustiz sucht. In der Kategorie „Man reiche mir den Eimer mit dem Kunstblut“ wagt sich Park Chan-Wook nach guten („Joint Security Area“) wie auch grottenschlechten bis unerträglichen Leistungen (z.B. „Sympathy for Mister Vengeance“) jetzt mit „Thirst“ an das Thema Vampirfilm. Er wird das Genre wahrscheinlich als Menü im koreanischen Stil servieren, also fein aufgeschnitten und schön blutig. Eher zu den Kuriositäten dürfte wohl „Coco Chanel & Igor Stravinsky“ von Jan Kounen zu zählen sein, der das Festival beschließen wird (schon wieder Chanel, sagen Sie – ja, aber diesmal mit der Französin Anna Mouglalis als Darstellerin!). Kaum vorstellbar, wie der Regisseur von „Dobermann“ ausgerechnet Haute Couture und Sacre du Printemps filmisch in Szene setzen will – aber andererseits könnte das sogar durchaus funktionieren, wenn er es so anpackt wie Ken Russell in seinen besten Zeiten. Ach, der gute alte Ken Russell und seine meisterlichen Biopics exzentrischer Künstler! Verdrücken wir ein wehmütiges Tränchen und denken noch einmal zurück an „Savage Messiah“ oder „Tschaikowsky – Genie und Wahnsinn (The Music Lovers)“ … Skandinavisch angehaucht und vor allem noch skurriler wird es mit Lars Von Trier und seinem gerade vorgestellten „Antichrist“, einem Horrorthriller, der schon im Trailer zu erkennen gibt, wo überall sich der Meister und „Obersadist“ mit großzügigen Anleihen bedient: Von der Ästhetik Sokurows über Psycho-Elemente à la „Carrie – Des Satans jüngste Tochter“, Schockeffekte von Friedkins „Bug“ oder „Der Exorzist“ bis hin zu dem geheimnisvollen Baum in „Sleepy Hollow“. Gedreht wurde das Ganze mit der „Red One“, dem absoluten Rolls Royce unter den digitalen Kinokameras. Auf der Besetzungsliste steht diesmal auch Charlotte Gainsbourg. Was einmal mehr beweist, dass das Dogma nicht nur tot ist, sondern darüber hinaus auch noch ein dehnbarer Begriff. Um Angst und Schrecken geht es auch bei Michael Haneke, uns ebenfalls durchaus bekannt für sadistische und Unwohlsein erzeugende Untertöne, der in diesem Jahr „Das weiße Band“ präsentiert. Dessen Story erinnert auffällig an „Der junge Törless“ von Volker Schlöndorff: Eine deutsche Dorfschule kurz vor dem Zweiten Weltkrieg, Schüler, die von ihren Mitschülern psychisch und physisch gequält werden. Raten Sie mal, in welchen Uniformen die Peiniger 30 Jahre später herumlaufen. Soviel zur Rubrik „Knalleffekte“…



Ein Hauch Finesse in der Welt des Brutalo-Kinos

Auf der anderen Seite des Spiegels gibt es aber auch noch ein paar Regisseure, denen der Sinn für Finesse noch nicht abhanden gekommen ist. Eine Finesse, die weder Engagement noch Realitätsnähe ausschließt, wie es Jacques Audiard sicherlich ein weiteres Mal unter Beweis stellen wird. Sein Film „Un Prophète“ beschäftigt sich mit einigen der brennenden Probleme und Tabuthemen unserer Zeit, so etwa den Missständen in den französischen Vorstädten (Randalierer, krimineller Teufelskreis von Verbrechen und Gefängnis, korsische Mafia, muslimischer Integrismus usw.). Von Frankreich nach England: Andrea Arnold schildert in „Fish Tank" die leidvollen Erfahrungen der mitten in der Pubertätskrise steckenden Mia, die von ihren Altersgenossen geschnitten wird und aus der Schule fliegt, als zu allem Überfluss auch noch Connor, der neue Lebensgefährten ihrer Mutter, in ihr Leben tritt. In der Kategorie „poetischer Film“ darf man wohl zu Recht gespannt sein auf das neue Werk der Regisseurin von „Ein Engel an meiner Tafel“ („An Angel at My Table“) (nach der tragischen Lebensgeschichte der Schriftstellerin Janet Frame): Jane Campion inszeniert diesmal in „Bright Star“ die legendäre Liebesbeziehung zwischen dem englischen Romantikdichter John Keats (1795-1821) und Fanny Brawne. Schon jetzt lassen die Bilder auf der offiziellen Homepage des Films keinen Zweifel daran, dass cineastische Ästheten bei diesem Film voll auf ihre Kosten kommen werden. In der Hauptrolle ist mit Ben Winshaw ein junger Mann zu sehen, der noch eine große Zukunft als Schauspieler vor sich haben dürfte. Tsai Ming Lang versucht sich mit „Face“ („Visages“), gedreht im Pariser Louvre mit anspruchsvollen Darstellern wie Laetitia Casta, Fanny Ardant und – immer für eine Überraschung gut – Jean-Pierre Léaud. Etwas Heiteres zum Schluss für alle, die bisher dachten, Humor habe in Cannes nichts zu suchen: Als diesjähriger Eröffnungsfilm wurde „Up!“ ausgewählt, ein 3D-Animationsfilm aus den Pixar-Studios, und auch in der offiziellen Auswahl darf gelacht werden, mit dem neuesten Werk von Ang Lee, „Taking Woodstock“, über die (Miss-) Geschicke der völlig überrollten Bevölkerung des Städtchens Woodstock während des 1969 dort veranstalteten Rockfestivals. Ob befreiend nach Stunden der Angst und des Horrors oder einfach genussvoll und auflockernd: Lachen kann auch in Cannes nichts schaden!

Julien Welter und Delphine Valloire

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Cannes 2009: Trailers !

Erstellt: 04-05-09
Letzte Änderung: 07-05-09