Nervenkitzel zum Auftakt des Festivals: Wird der Eröffnungsfilm im Wettbewerb, „My Blueberry Nights“ von Wong Kar-Wai, rechtzeitig zur ersten Vorführung fertig sein? Tatsächlich hat der perfektionistische Regisseur die Gewohnheit, bis zum letzten Augenblick an seinen Werken zu arbeiten und sie erst dann freizugeben, wenn es nicht mehr anders geht. Im Jahr 2004 ging das Gerücht um, dass die im Wettbewerb des Cannes-Festivals gezeigte Kopie von „2046“ im letzten Moment per Sonderflugzeug eingeflogen wurde. Dem ersten amerikanischen Film des begnadeten Hong-Kong-Chinesen wird folglich noch vor Festivalsbeginn mit Spannung entgegengesehen – Knalleffekt vielleicht, Meisterstück jedoch in jedem Fall. Nach der Eröffnung baut sich dann Film für Film die Geschichte des 60. Filmfestivals auf, mit ihren groβen und kleinen Momenten, ihren Cocktails und Migränen, ihren Küssen und Tränen, mit einer Haupthandlung (dem Wettbewerb) und mindestens ebenso faszinierenden Nebenhandlungen („Un Certain Regard“, „La Quinzaine des Réalisateurs“, die Kritikerwoche usw.). | ![]() |
Was steht auf dem Programm?
| Veteranen der Goldenen Palme: Auch die Spielfilme im Wettbewerb sind dieses Jahr mit bekannten Gröβen vertreten: Vier der Regisseure sind bereits Palmen-Träger: Quentin Tarantino zum Beispiel, der in diesem Jahr „Grind House – Death Proof“ vorstellt (in den US-Previews als Megaflop verrissen). Der neue Film der Coen-Brüder, ein sehr schwarzer Film noir ganz im Stil von „Miller’s Crossing“ oder „Barton Fink“, hat das Zeug zu einem Meisterwerk: „No Country For Old Men“ beschreibt die quer durch Texas führende Flucht eines Mannes, der einen Koffer voller Dollars besitzt und vom Pech verfolgt wird. Die Darsteller sind Tommy Lee Jones, Javier Bardem und Josh Brolin. Gus Van Sant interessiert sich mit „Paranoid Park“, einer Art „Schuld und Sühne“ im Land der Skateboarder, wieder einmal für sonderbare (und extreme) Fälle von Schuldgefühlen bei Teenagern. Emir Kusturica komplettiert das Goldquartett mit seinem neuen Film „Promise Me This“, in dem ein einzelgängerischer junger Mann sein Versprechen gegenüber dem Groβvater erfüllt und eine Reise in die Stadt unternimmt, um sich dort eine Ehefrau zu suchen. | ![]() ![]() |
Die Hoffnungsträger:
| Zu den interessantesten Filmen dieses Wettbewerbs gehört (meiner bescheidenen Meinung nach) „We own the Night“ von James Gray (frühere Filme: „Little Odessa“ und der wunderschöne „The Yards“) mit Joaquin Phoenix, Mark Wahlberg und Robert Duvall in den Hauptrollen. Die Handlung spielt Ende der 80er-Jahre: Bobby ist Manager eines hippen New Yorker Nachtclubs in russischem Besitz. Der Drogenhandel boomt und die Russenmafia weitet ihren Einfluss auf die New Yorker Nachtszene aus. Weitere Meisterwerke in spe: „Alexandra“ von Alexandre Sokurov über das tschetschenische Drama, „The Man from London“ von Bela Tarr und „Une vieille maîtresse“, Catherine Breillats bewundernswerte und anrüchige Verfilmung des gleichnamigen Romans von Jules Amédée Barbey d’Aurevilly aus dem Jahr 1851. | ![]() |
Die Outsider:
| Outsider dürfen in keinem Wettbewerb, der etwas auf sich hält, vernachlässigt werden. Bis zur Aufführung gänzlich jenseits unseres Horizonts, können sie ganz plötzlich zu Shooting Stars werden. Zu dieser Kategorie könnte „Persepolis“ gehören, der Animationsfilm von Vincent Paronnaud und Marjane Satrapi nach der genialen gleichnamigen Autobiographie im Comicstil. Auch für folgende Filme können Wetten abgeschlossen werden: „Mogari No Mori“ von Naomi Kawase, „Auf der anderen Seite“ von Fatih Akin (Goldener Bär Berlin 2004), „Les Chansons d'amour“ von Christophe Honoré, „Le Scaphandre et le papillon“ des New Yorker Künstlers Julian Schnabel nach dem Buch von Dominique Bauby sowie „Silent Night“ von Carlos Reygadas über eine Mennonitengemeinschaft im Norden Mexikos. | ![]() |
Ganz oben auf dem Olymp: Die Unberührbaren auβerhalb des Wettbewerbs
| In diesen Gefilden geht man kein Risiko ein (es sei denn das, eine schlechte Kritik zu bekommen) und verdient sich als Bonus eine Präsenz in den internationalen Medien, mit rotem Teppich bitteschön! Für den Eröffnungsabend bestellten die Veranstalter nach Maβ: In „Chacun son cinéma“ drehten Regisseure, die bereits mit einer Palme - und fast alle mit einer goldenen, siehe Fuβnote** - prämiert wurden, jeweils einen dreiminütigen Kurzfilm über das Festival. Fünf Regisseure aus der „Liste der Privilegierten“ gewannen bereits die Goldene Palme: Steven Soderbergh, diesmal vertreten mit „Ocean's 13“, Claude Lelouch mit „Roman de gare“, Ermanno Olmi mit „Centochiodi“, und Michael Moore mit „Sicko“ über die Probleme der Krankenversicherung in den USA. Last, but not least, Volker Schlöndorff „Ulzhan“ mit Philippe Torreton und David Bennent (der Hauptdarsteller aus der „Blechtrommel“) über die Reise eines Mannes durch Kasachstan auf der Suche nach sich selbst. Weitere Kuriositäten: „A Mighty Heart“, der neue Film des britischen Regisseurs Michael Winterbottom mit Angela Jolie in der Hauptrolle über die Geschichte von Mariane Pearl, deren Mann, ein Journalist, von Terroraktivisten in Pakistan entführt und ermordet wird. Abel Ferrara liefert ein neues Filmdelirium über eine Stripteasebar mit dem Titel „Go Go Tales“. Und zum Abschluss übt sich Olivier Assayas mit „Boarding Gate“ im Genre Exilkrimi mit der faszinierenden Asia Argento. Vorfreude berechtigt! | ![]() ![]() |
Aus den anderen Selektionen…
| „Auf der Suche nach dem Roten Ball“ (vorläufiger Titel) von Hou Hsiao Hsien mit Juliette Binoche eröffnet am Donnerstag, dem 17. Mai, „Un Certain Regard“. „Control“ von Anton Corbjin, das lang erwartete, sehr schwarze und rockige Biopic über Ian Curtis, den Frontman der Joy Division, eröffnet die „Quinzaine des Réalisateurs“, in der anspruchsvolle Autorenfilme ihren Platz haben. Vergleicht man das Festival selbst mit einem Film noir, so endet es zwangsläufig mit einem (oder sogar mehreren) angekündigten, nicht immer aufgeklärten Mord(en): Opfer sind diejenigen Filme des Wettbewerbs, die keinen Preis bekommen, abgelehnt oder verrissen werden. Der einzige Trost ist, dass die Sessel repariert wurden und das störende Klappgeräusch ausbleibt, das auch heute noch so manchem Filmemacher in schmerzlicher Erinnerung bleibt. Was das Publikum nicht von Zwischen- oder Buhrufen abhält (siehe „Marie-Antoinette“ im letzten Jahr) oder davon, geräuschvoll den Saal zu verlassen. Den Ausklang des Festivals bildet dieses Jahr „L'Âge des ténèbres“ von Denys Arcand, ein Film, der Phantasie und Wirklichkeit symbolisch einander gegenüber stellt. Eine schöne Allegorie für das Internationale Filmfestival in Cannes, das uns zwei Wochen lang in Traumwelten entführt, um uns dann jäh in der Realität zurückzulassen, allerdings mit den unvergesslichen Eindrücken der gesehenen Filme. | ![]() ![]() |
Delphine Valloire
** (Ethan Coen, Walter Salles, Elia Suleiman, Gus Van Sant, Lars von Trier, Wim Wenders, Zhang Yimou, Claude Lelouch, Ken Loach, Tsai Ming-liang, Nanni Moretti, Roman Polanski, Raoul Ruiz, Chen Kaige, Wong Kar-Wai, Aki Kaurismäki, Abbas Kiarostami, Andrei Konchalovsky, Manoel de Oliveira, Raymond Depardon, Atom Egoyan, Amos Gitaï, Alejandro González Inárritu, Youssef Chahine, Michael Cimino, Joel Coen, David Cronenberg, Jean-Pierre Dardenne, Luc Dardenne, Théo Angelopoulos, Olivier Assayas, Bille August, Jane Campion, Hou Hsiao Hsien, Takeshi Kitano)






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