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Jahrhundertaufnahmen Jazz

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Jahrhundertaufnahmen Jazz

Jahrhundertaufnahmen des Jazz - 28/11/08

Cannonball Adderley: Somethin’ Else

Blue Note 1595 (1958)


Genialität und spannende Dialoge im Zusammenspiel von Saxophon und Trompete
von Günther Huesmann

Die Auswahl im Überblick

Im Oktober 1957 hatte Cannonball Adderley sein Quintett aufgelöst und war Mitglied der Miles Davis-Group geworden – eine Zusammenarbeit, die zwei Jahre dauern sollte. „Somethin’ Else“, aufgenommen am 9. März 1958, dokumentiert das erste gemeinsame Auftreten beider Bläser auf einer Platte. Und bringt gleich eine Überraschung: Dafür, dass er hier „nur“ als Sideman auftritt, gibt es erstaunlich viel Platz für den Trompeter Miles Davis.

Es gab offenbar einen Grund für Adderley, sich bei seinem Bläserkollegen zu bedanken. „Miles hatte mir geholfen, als ich das erste mal nach New York kam“, erinnerte sich der Altsaxofonist. Zu den Tipps, die ihm der Trompeter gegeben hatte, gehörte jener, es doch einmal mit der Plattenfirma Blue Note und dem Produzenten Alfred Lion zu versuchen. Der Ratschlag sollte sich als wertvolle Hilfe erweisen. Denn „Somethin’ Else“ – Adderleys siebte Platte unter eigenem Namen – kommt ganz ohne die Defizite aus, welche der Altsaxofonist noch bei seinen Aufnahmen für die Labels Savoy und Mercury beklagt hatte.
Man weiß nicht, was man mehr an „Somethin’ Else“ bewundern soll: den Gestaltungswillen und das Durchsetzungsvermögen des Trompeters Miles Davis, der für Stücke wie „Autumn Leaves“ und „Love for Sale“ nicht nur geniale Soli lieferte, sondern auch die Arrangements. Oder die Weisheit, Güte und Klugheit des Altsaxofonisten Cannonball Adderley, der als Leader auf seinem eigenen recording date dem Trompeter den Vortritt ließ, ihn das Thema von „All the Things You Are“ alleine spielen ließ und erst später selbst hinzustieß – und so Räume öffnete, in denen sich spannende Dialoge jenseits von Konkurrenzdenken entwickeln konnten.
Es ist jedenfalls der extrem reizvolle Kontrast zwischen beiden Bläsern, der diesem Album seine Strahlkraft gibt. Davis ist ein Zauberer der Melodie. Er setzt Pausen mit derselben Klarheit und Bewußtheit wie Töne. Zugleich schwelt ein rhythmisches Feuer in seinem Spiel, das Poesie nie mit Laschheit verwechselt.
Gegen diese kunstvolle Sprache der Aussparung setzt Cannonball Adderley in seinem Altsaxofonspiel ornamental und rankenreich phrasierte Linien, einen fantasievoll explodierenden Bewegungsreichtum, der an Opulenz im Altsaxofonbereich damals ohne Parallele war.
Die gemeinsame Sprache, die beide Bläser verbindet, ist der Blues und die Vorliebe für starke Rhythmen. Aus den zahllosen Versionen, die im Laufe der Jazzgeschichte von „All the Things you are“ aufgenommen wurden, ragt diese eine hier als strahlendes Juwel heraus, an der alle nachfolgenden Jazzgenerationen Maß genommen haben und künftige Jazzgenerationen Maß nehmen werden. Auch die Tatsache, dass ein Song wie Cole Porters „Love for Sale“ zu einem weit verbreiteten Jazzstandard wurde, ist zum großen Teil dieser Platte zuzuschreiben. Davis und Adderley kleiden ihn in knisternde Mambo-Rhythmen und heben die sentimentale Broadway-Melodie in ideenfunkelnden Improvisationen auf ein neues Niveau.

Das Titelstück der Platte „Somethin’ Else“ (mit einem wunderbaren Call-and-Response-Spiel von Adderley und Davis) und der langsamere Shuffle-Stück „One for Daddy-O“ sind swingende Blues-Studien par excellence – voll knisternder Spannung und melodischer Einfälle, so dass Miles Davis am Ende von „One for Daddy-O“ in Richtung des Blue-Note Produzenten Alfred Lion fragen konnte: „Is that what you wanted, Alfred?“.
Tatsächlich stellen die Musiker hier in ihren Improvisationen einen Rapport her, der in seiner Melange aus Spannung und Gelassenheit eine magisch-mythische Stimmung rhythmischer Beseeltheit entstehen lässt. Hank Jones, der sich mit seinem milden, einfühlsamen Spiel den Rang der swingenden Integrität erspielt hat, sitzt am Klavier. Seine gedankenvoll perlenden Läufe sind exquisit.
Der Schlagzeuger Art Blakey explodiert hier weniger in seiner Jazz-Messengers-typischen Vitalität, sondern erweist sich als das, was er auch sein konnte (aber in den Augen des Publikums selten war): ein federnder, runder Begleiter. Der Drum-Vulkan zeigt sich als gruppendienlicher Moderator.
Sam Jones schließlich ein Freund von Cannoball Adderley aus alten Tagen in Florida, bietet mit seinem holzigen, vollen Bass-Ton ein rhythmisch-melodisches Fundament, das jeden swingende Musiker glücklich macht.
Zweifellos ein Höhepunkt in der an großartigen Aufnahmen nicht eben armen Karriere von Cannonball Adderley, aber auch in der langen, wandlungsreichen Miles-Davis-Diskografie, zu der diese Aufnahme ebenso gehört, ist sie viel mehr als eine Fußnote. Denn „Somethin’ Else“, eingespielt fast genau ein Jahr vor „Kind of Blue“ (März/April 1959), zeigt schon erste vorsichtige Fingerzeige des Trompeters in Richtung Modalität. Dies keineswegs in seinen Soli, die alle im damals konventionellen Post-Bop-Stil gehalten sind, sondern in seinen Arrangements. Modal sind nämlich die Riffs und Vamps, die der Trompeter den Standards wie „Autum Leaves“ und „Love for Sale“ voran- bzw. hintanstellt.

Es sind aber weniger Wagnis und Experimentierfreude, die dieses Album insgesamt prägen, als vielmehr pralle Melodik und Ökonomie. „Somethin’ Else“ ist Cannonball Adderleys erste Aufnahme zusammen mit Miles Davis, eingespielt einen Monat bevor der Altsaxofonist – dann selbst ein „Sideman“ - seinen ersten Studio-Gig mit Davis als Leader hatte. Doch schon hier zeigten sich die zwei Giganten des modernen Jazz von ihrer besten Seite, und vor allem zeigen sie, wie fabelhaft sie zusammen passten.
Text: Günther Huesmann

Julian "Cannonball" Adderley: „Somethin’ Else“
Blue Note 1595 (1958)

Erstellt: 07-10-08
Letzte Änderung: 28-11-08


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