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17/11/05

Carlo Maria Giulini dirigiert Verdi

Philharmonia Orchestra and Choir, Elisabeth Schwarzkopf, Christa Ludwig, Nicolai Gedda, Nicolai Ghiaurov


Giuseppe Verdi: Messa da Requiem

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Wer dem großen alten Mann unter den lebenden Dirigenten, Carlo Maria Giulini, einmal persönlich begegnet ist, der hat einen unendlich bescheidenen, weichherzigen Menschen kennengelernt. Giulini wirkt wie der Antityp des schneidig temperamentvollen Maestros vom Schlag Arturo Toscaninis. Leise und ernst ist seine Stimme, liebenswürdig sein Charakter. Und über Musik spricht er mit fast religiöser Demut. Wie er im Gespräch auftrat, so dirigierte er auch im Alter: Mit breit zelebrierten Tempi, einem wunderbar mild verblendeten Orchesterklang und weit ausschwingendem Melos suchte er nach letzten Wahrheiten in der Musik.

Giulini ist Jahrgang 1914. Er hat Bratsche studiert und als junger Musiker unter Bruno Walter, Wilhelm Furtwängler und Otto Klemperer im Orchester gesessen, bevor er Dirigent wurde. Er war Assistent von Victor de Sabata und in den fünfziger Jahren musikalischer Leiter der Mailänder Scala. Später mochte er kein Orchester mehr in verantwortlicher Position leiten (mit Ausnahme des Los Angeles Philharmonic Orchestras) und erst recht kein Opernhaus. Giulini war über Jahrzehnte hinweg der typische Gastdirigent bei den großen Symphonieorchestern von Chicago bis Berlin, allerdings ohne die Allüre eines durchreisenden Jet-Set-Musikers. Mit außerordentlicher Hingabe und großem Probenernst widmete er sich seinem (vergleichsweise schmalen) Repertorie. Der Italiener liebte die deutsch-österreichische Symphonik: Bruckner, Brahms, Schubert, Schumann, Mahler und hatte ein Faible für oratorische Werke von Bach bis Verdi. 1998 zog er sich schließlich vom Dirigieren zurück. Anders als beispielsweise der fast gleichalte Georg Solti, der in seinem letzten Lebensjahrzehnt einen regelrechten Altersfuror beim Dirigieren entwickelte, lag über den späten Giulini-Konzerten eine Atmosphäre von Verklärung und Abschied - gelegentlich auch bis hin zur hohepriesterlichen Langeweile.

Da kann man sich gar nicht vorstellen, dass Giulini in jungen Jahren ein glutvoller, mitreißender Verdi-Dirigent gewesen ist. Er hat Operngeschichte geschrieben, als er 1954 mit Lucchino Visconti als Regisseur und Maria Callas in der Hauptrolle eine legendäre „Traviata“ auf die Bühne der Mailänder Scala brachte. Es gibt mit Giulini am Pult herausragende Schallplattendokumente aus den fünfziger und sechziger Jahren. Eine spektakuläre Aufnahme von wahrhaft überzeitlicher Strahlkraft ist seine Produktion von Verdis „Messa da Requiem“ aus dem Jahr 1963 mit dem Londoner Philharmonia Orchestra und der Sängertraumbesetzung Elisabeth Schwarzkopf (Sopran), Christa Ludwig (Mezzo-Sopran), Nicolai Gedda (Tenor) und Nicolai Ghiaurov (Bass).

Man kippt schier aus dem Sessel, wenn in dieser Einspielung der Tag des Jüngsten Gerichts anbricht mit trockenen Paukenschlägen, schwerem Blech und dem „Dies irae“-Aufschrei des Chors. Unerbittlich und packend fährt einem da der Zorn Gottes in Mark und Bein. Niemand, so schreibt der Journalist Richard Osborne im Booklet, nicht einmal Victor de Sabata, habe das „Dies irae“so wütend dirigiert wie Giulini: „übermächtig, mit niedermähenden Armbewegungen und Augen, die wild umherstarrten.“ Aber das infernalische Weltuntergangsgrollen, das Verdi ins Zentrum seiner Requiems platziert hat, ist für Giulini nicht das Wichtigste. Er stellt der Apokalypse mit der gleichen visionären Kraft die Hoffnung auf die himmlische Erlösung entgegen: Ätherisch schwebend schon gibt er den a-moll-Anfang, überirdisch leuchtet das „Lux aeterna“ und zutiefst berührend erklingt Elisabeth Schwarzkopfs Errettungsflehen im „Libera me“. Die gegen den Agnostiker Verdi oft geäußerte Kritik, sein Requiem sei „ein liturgisches Ungeheuer“ und „eine Oper im Kirchengewand“ findet in Giulinis Interpretation wenig Argumente: Der Italiener stellt die dramatisch-theatralischen Effekte nie um ihrer selbst willen heraus. Er berauscht sich nicht an der Musik, sondern er kontrolliert sie akribisch und souverän.

Seine musikalische Botschaft ist die Überwindung des Todes durch Menschlichkeit, durch Mitleid und Zuversicht, durch wahrhaftiges Fühlen. Und dafür hat er die denkbar besten Sänger an seiner Seite. Man kann in dieser Aufnahme schier nicht gut kriegen von der licht strahlenden Tenorstimme Nicolai Geddas, dem sonor phrasierenden Bass von Ghiaurov, der identifikatorischen Schlichtheit, die aus dem Mezzosopran von Christa Ludwig tönt und der makellosen Schönheit des Soprans von Elisabeth Schwarzkopf.

Es gibt einen berühmten Interviewsatz von Giulini: „Ich glaube, dass die Kunst immer geistlich ist. Ich kenne keine andere Kunst. Und außerdem bin ich gläubig. Ich bin Katholik.“ In seiner Version des Verdi-Requiem wird klar, wie stark die geistig geistlichen Energien ihn beim Musikmachen angetrieben haben.


  • Carlo Maria Giulini dirigiert:
Giuseppe Verdi: Messa da Requiem
Elisabeth Schwarzkopf, Christa Ludwig, Nicolai Gedda, Nicolai Ghiaurov,
Philharmonia Orchestra and Choir, Leitung: Carlo Maria Giulini
ADD 1964 (2 CD)
EMI 7243 567562 2

Erstellt: 18-03-05
Letzte Änderung: 17-11-05


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