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17/11/05

Carlos Kleiber dirigiert...

Beethoven, Brahms, Verdi und Wagner


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Als Carlos Kleiber am 13. Juli dieses Jahres in Slowenien starb, dauerte es eine ganze Woche, bis die Öffentlichkeit davon erfuhr. Kleiber war in dem kleinen Dorf Konjsica, der Heimat seiner Ehefrau, bereits beerdigt, als die Meldungen von seinem Tod über die Nachrichtenticker liefen. Man hielt die Agenturmeldung in Händen und traute seinen Augen nicht: Ausgerechnet der heißgeliebte Dirigent, der die Klassikszene bei seinen raren Auftritten in Hysterie versetzte wie kein anderer, war der Welt abhanden gekommen, ohne dass sie es bemerkt hatte. Wie eine allerletzte Flucht vor der Öffentlichkeit wirkt Kleibers einsamer Abschied aus dem Leben. Bis in den Tod hinein blieb er der große Verweigerer des Musikbetriebs.

Carlos Kleiber war ein weltberühmter Musiker, obwohl er kaum je auftrat und nur ganz wenige Schallplattenproduktionen zuließ. Mit zunehmendem Alter mied er die Öffentlichkeit wie ein Brandopfer die Hitze. Die Konzerte, die er in den letzen zehn Jahren gab, kann man an zwei Händen abzählen, sie fanden zudem abseits der musikalischen Zentren statt – Auftritte in Sardinien und auf Gran Canaria, ein Privatkonzert für den Medienunternehmer Leo Kirch, eine musikalische Stippvisite in Ingolstadt beim Autounternehmen Audi, für die er sich mit einer Luxuslimousine bezahlen ließ.

Je weniger Kleiber dirigierte, desto steiler schossen die fantastischen Geschichten ins Kraut um „die exzentrische Diva“, „den begnadeten Eremiten“, „ die Mimose am Pult“. Der Dirigent hat nie öffentlich Auskunft gegeben über sein Privatleben oder sein Denken über Musik. Endlos ranken sich deshalb die Legenden um seine Person: Dass er sich hundertmal bitten ließ, bevor er an ein Orchester trat (und im letzen Moment dann doch nicht kam). Dass seine Probenanforderungen so maßlos waren wie seine Gagenvorstellungen. Dass ihn zeitlebens das übermächtige Vorbild seines autokratischen Vaters Erich Kleiber, der ebenfalls ein berühmter Dirigent war, gelähmt habe. Dass er sich im Orchestergraben übergeben musste, wenn er den „Tristan“ dirigierte. Dass er die Zusammenarbeit mit dem italienischen Pianisten Arturo Benedetti Michelangeli aus heiterem Himmel und für immer beendete, weil er angeblich dessen Gesicht nicht mehr ertragen konnte. Dass er mitten in einer Probe mit den Wiener Philharmonikern wortlos aufgestanden und mit dem Zettelgruß „Bin ins Blaue“ abgereist sei. Und so weiter, und so weiter.

Der fragwürdige Personenkult um Kleiber ist eine Sache, seine Musik eine ganz andere. Die öffentliche Beschäftigung mit dem Dirigenten war ein Raunen im Ungefähren, das er im Umgang mit den Partituren nie duldete. Kleiber trat nicht als eitler Selbstdarsteller ans Pult, sein Interpretationsstil lebte nicht von Extravaganz sondern von einer geradezu besessenen Hingabe an die Werke. Man kann von Kleibers Schallplattenaufnahmen anhören, welche man will und wird immer ein Orchester hören, dass sich gemeinsam mit seinem Dirigenten verzehrt für ein expressiven Phrasierungsbogen, für ein geheimnisvolles Pianissimo oder eine packende Artikulation.

Man hat den Eindruck, dass Kleiber bei größtmöglicher Brillanz und Präzision immer noch mehr will – noch mehr himmelsstürmenden Elan in den schnellen Sätzen, noch mehr selig kantables Verströmen in den langsamen, noch mehr Klangdichte im sowieso schon kraftvoll gebündelten Ton der Streicher, noch mehr warme Farben in den Holzbläsern, noch mehr Ausdrucksenergie, Schwung, Rausch, Ekstase. Kein Zufall, dass Wagners „Tristan“ zu seinen Paradestücken gehört: Im Liebesrausch des zweiten Akts schnappt die Musik unter ihm schier über. Und woher nimmt er in anderen Werken die Leichtigkeit, den Witz, die augenzwinkernde Ironie?

Sein Probenfanatismus war Folge des unermesslich hohen musikalischen Anspruchs, mit dem Kleiber sich jedem Werk widmete und der wiederum erwies sich letztlich als unvereinbar mit den Usancen des klassischen Musikbetriebs, in dem meist drei Proben als Vorbereitung für ein symphonisches Orchesterkonzert reichen müssen. Kleiber hat gezeigt, wie hoch man bei der Musik hinauskommen kann mit dem entsprechenden künstlerischen Anspruch. Aber leider ist er an ihm auch selbst gescheitert. Immer wieder nahm er sich nur die gleichen Stücke vor – ausgewählte Symphonien von Brahms und Beethoven, ein bisschen Schubert, im Opernrepertoire den „Rosenkavalier“, „Fledermaus“, „Traviata“, „Tristan“ und weniges mehr. Kein Mahler, kein Bruckner, keine Mozart-Opern und schon gar keine Neue Musik.

Kümmerlich klein ist deshalb der CD-Stapel mit Aufnahmen von Carlos Kleiber, wenn man sich die haushohen Türme daneben denkt, die Karajan, Harnoncourt, Barenboim oder Abbado produziert haben. Gerade deshalb sind sie aber ein Schatz, den man hüten muss. Die „Tristan“-Aufnahme, der „Freischütz“ und die „Traviata“ dürfen in keinem Schallplattenschrank fehlen. Die Einspielung der Beethoven-Symphonien 5 und 7 mit den Wiener Philharmonikern aus dem Jahr 1975 ist ein Solitär mit einem wahrhaft geladenen Ton in der Fünften und einem atemberaubenden rhythmischen Feuer in der Siebten.

Carl Maria von Weber: Der Freischütz
Gundula Janowiz, Edith Mathis
Rundfunkchor Leipzig
Staatskapelle Dresden
Carlos Kleiber
Deutsche Grammophon, 1998



Giuseppe Verdi: La Traviata
Ileana Cotrubas
Plàcido Domingo, Walter Gullino
Sherrill Milnes, Alfredo Giacomotti
Chor der Bayerischen Staatsoper München
Orchester der Bayerischen Staatsoper München,
Bayerisches Staatsorchester München
Carlos Kleiber
Deutsche Grammophon, 2004


Johannes Brahms: Sinfonie Nr. 4 e-moll op. 98
Wiener Philharmoniker
Carlos Kleiber
Deutsche Grammophon, 1981





Richard Wagner: Tristan und Isolde
Margaret Price
Brigitte Fassbaender
Eberhard Büchner, Werner Götz, Anton Dermota, René Kollo
Dietrich Fischer-Dieskau
Kurt Moll
Rundfunkchor Leipzig
Staatskapelle Dresden
Carlos Kleiber
Deutsche Grammophon, 1982


Ludwig van Beethoven: Sinfonien Nr. 5 c-moll op. 67 & Nr. 7 A-dur op. 92
Wiener Philharmoniker
Carlos Kleiber
Deutsche Grammophon, 1976



Erstellt: 07-09-04
Letzte Änderung: 17-11-05


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