„Die Zeit ist reif für eine Heldin wie Detective Kathleen Mallory“, schreibt der btb-Verlag zur Veröffentlichung von „Such mich!“ von Carol O’Connell. Dieser Satz ist so verdienstvoll wie tapfer, denn die Zeit hätte schon vor Jahren reif sein können, als Goldmann die meisten O’Connell-Romane auf Deutsch herausbrachte – ohne nennenswerten Erfolg offenbar. Dabei sollte man sich zum Beispiel statt eines 1300-Seiten-Schätzings lieber drei oder vier O’Connells kaufen. Zehnmal besser geschrieben.
„Find me“ kam 2007 in den USA heraus, als neunter Roman um die schöne, schlaue, eiskalte Polizistin Mallory. Mit „Mallory’s Oracle“, dem ersten Band der Reihe, erfand die 1947 geborene Carol O’Connell eine Heldin, die so faszinierend wie eigentlich abstoßend ist: Eine exzellente Ermittlerin, die sich von Gefühlen nicht ablenken lässt, ein beschädigter Mensch, der sich jahrelang als Straßenkind durchschlagen musste und hart wurde wie ein Diamant. Mallory – die man nur Kathy nennen sollte, wenn man Selbstmord begehen möchte – ist einsilbig und gnadenlos, dazu zwanghaft ordentlich. Wenige literarische Figuren machen es einem so schwer, sie zu mögen. Und wenige setzen sich so fest ins Gedächtnis.
O’Connell zeichnet ihre schwierige Heldin auf eine Folie von im Vergleich richtig netten Menschen. In den ersten Bänden ist da ihr Ziehvater, ein Polizist, dem es mit Geduld und Spucke gelungen war, die kleine Diebin einzufangen und mit Hilfe seiner Frau einigermaßen zu zivilisieren. So dass sie, immerhin, Beamtin werden konnte. Jetzt sind es ihr strapazierter aber treuer Kollege Riker sowie der sie anbetende Psychologe Charles Butler, nomen est omen. Gemeinsam lösen sie Fälle, die mehr als verzwickt sind. Aber was Mallory nicht umbringt, das macht sie stärker.
So der Serien-Kindermörder in „Such mich!“, den die Polizistin mit bewährter Rücksichtslosigkeit allen Beteiligten (auch sich selbst) gegenüber zur Strecke bringt. Und, könnte man kalauern, an einer ganz besonderen Strecke: Carol O’Connell lässt die Geschichte der Route 66 einfließen. An der berühmten Straße vergräbt der Täter seine Opfer, auf ihr reisen Eltern, um die Öffentlichkeit aufmerksam zu machen auf ihre verschwundenen Kinder. Von Motel zu Motel und Diner zu Diner stolpern die Ermittler und stolziert Mallory. Die Landschaft ist trostlos, staubig und leer, aber hier und da gibt es ein wenig – der Heldin angemessen: herbe – Schönheit.
Sylvia Staude/Frankfurter Rundschau 22.2.10
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